Krieg im Blätterwald

Dass Zürich die Wirtschaftsmetropole der Schweiz ist, war während Jahrzehnten derart selbstverständlich, dass niemand darauf hinzuweisen brauchte. Es gab die NZZ – damit bestand Klarheit.

Der aktuelle Freitags-Kommentar der «Schweizerzeit» vom 19. Dezember 2014,
von Ulrich Schlüer, Chefredaktor «Schweizerzeit»

In den Tagen vor Weihnachten wähnte man Zürich in plötzlich ausgebrochenem Krieg. Dies nicht, weil eine Horde gewalttätiger Vandalen einmal mehr in einem Saubannerzug – nahezu ungestört von Ordnungskräften – ganze Strassenzüge in Scherben legen und reiche Raubbeute aus eingeschlagenen Schaufenstern wegtragen konnte. Solche Eigentumszerstörung, solche Attacke auf Unternehmer löst im von linksliberalen Blättern dominierten Zürich zwar gewisse plichtschuldigst geäusserte Schein-Empörung aus – die freilich rasch von andern «Aktualitäten» wieder zugedeckt wird.

Während man den «alternativen» Zürcher Polizeidirektor gewisse, als angebracht erscheinende, recht schlaftrunken vorgetragene «Betroffenheit» mimen lässt, werden weitere Fragen tunlichst ausgebendet: Dass der Polizeivorsteher auch für Prävention zuständig wäre, für rasches Aufgebot der Polizei, für Haftbarmachung der Organisatoren für den angerichteten Schaden. Für Kleinunternehmer rühren linke Medienschaffende in der Wirtschaftsmetropole, der sie letztlich ihr Salär verdanken, keinen Finger.

Die Kanonade

Nein, wegen Kravallanten bricht in Zürich kein Krieg aus. Echter – zumindest scheinbar echter Krieg entbrannte aber, als der Verwaltungsrat der «alten Tante an der Falkenstrasse» den Chefredaktor des dort domizilierten einstigen Weltblattes in die Wüste schickte. Das ist jener, der manchmal auch an renommierten TV-Talkshows deutscher Sender auftaucht, wo er derart wirre «Standpunkte» zum Besten gibt, dass sich selbst der aufmerksamste Zuschauer ausserstande sieht, diese je sinnstiftend zusammenfassen zu können. Wie auch soll man in restlos Unverständlichem einen Roten Faden finden?

Es war das Konkurrenzblatt der NZZ, der Tages-Anzeiger, der die Kanonade eröffnete. Denn an der Falkenstrasse habe man für den Gechassten einen Nachfolger im Auge, der jedem, der sich als «linksliberal» verstanden wissen will, verzugslos beide Knie schlottern lässt: Markus Somm, welcher der im linken Sumpf untergehenden Basler Zeitung innert weniger Monate ein inzwischen schweizweit geachtetes journalistisches Profil verleihen konnte, geprägt von eigenständigen, sich vom Mainstream wohltuend abhebenden Meinungen sowie Beiträgen und Standpunkten, die sonst nirgendwo dem interessierten Leser angeboten werden.

Ein Aufstand

Somm an der Spitze der NZZ? Da lehne sich, schrieben sich die Tages-Anzeigler ihre Tastfinger wund, ganz Zürich auf. Da würde eine FDP-Krisensitzung die vorhergehende jagen. Da würde ganz Zürich in veritablem Aufstand Richtung Falkenstrasse marschieren.

So las man’s – und fand eine halbe Stunde später ein Zürich vor in völlig friedlicher Vorweihnachts-Stimmung. Niemand ging hin in diesen Krieg, den der Tages-Anzeiger so krampfhaft als ausgebrochen zu beschwören versuchte. Innerhalb der FDP soll sich, so erfuhr man schliesslich, ein Alt-Präsident etwas aufgeregt haben. Und ein stets auf Schlagzeilen erpichter, jetzt allerdings vor der Abtakelung stehender Ständerat soll einige Worte, die ihm Journalisten vorgesprochen haben, zwecks Ergatterung einer weiteren Headline nachgeplappert haben.

Die Totengräber siegen

Sonst blieb’s ruhig. Der behauptete, freilich nirgendwo stattfindende Sturm genügte indessen, den NZZ-Verwaltungsrat – dessen Präsident nach halbwegs eingeleiteter Ernennung eines gewünschten Neuen für Stunden unerreichbar nach Fernost aufgebrochen war – in die Knie sinken zu lassen. Dies vor jener Belegschaft des Hauses, die wacker eingestimmt hatte in die aufgeblähten «Befürchtungen» des Konkurrenzblattes Tages-Anzeiger.

Wenige Momente später schon konnte Tamedia die Sieges-Fanfaren blasen lassen: Die schreibende Belegschaft jener liberalen Institution, die einst weit über die Grenzen unseres Landes hinaus Respekt und Anerkennung genossen hatte, hatte sich im Tages-Anzeiger-Windschatten durchgesetzt: Der «Rechtsfreisinnige» bleibt der Falkenstrasse erspart. Die Totengräber-Fraktion beherrscht die einstige liberale Trutzburg an der Falkenstrasse – jene Fraktion, deren Ergüssen die NZZ ihren seit Jahren anhaltenden Krebsgang verdankt.

Bei der Konkurrenz, welche die NZZ mit einer einzigen Kanonade wundzuschiessen wusste, dürfte man sich genüsslich die Hände reiben: Der Tag, da es in Zürich nur noch eine einzige sich als linksliberal etikettierende Zeitung gibt, rückt näher. Selbst im Wirtschaftszentrum der Schweiz dürfte es kaum Platz haben für zwei Blätter, die sich gleicher Mode verschreiben.

 

 

 

19.12.2014 | 3049 Aufrufe