Als Niederlassungs-Chef einer Versicherungsgesellschaft erfuhr ich 1963 vom Statistischen Amt in Zürich, dass während der vergangenen fünf Jahre über 700 Unfälle auf Fussgängerstreifen und ca. deren 25 auf übrigem Stadtgebiet passiert waren.

Anlässlich eines mit dem zuständigen Beamten geführten Telefongesprächs erlaubte ich mir die Bemerkung, dies sei für mich eine klare Folge des den Fussgängern im Gesetz eingeräumten Vortrittsrechts, ohne dieses zuvor jedoch genau definiert zu haben. Seine Frage nach einer plausiblen Begründung meiner Behauptung beantwortete ich wie folgt:

Ein Entgegenkommen dieser Tragweite wird von den Betroffenen verständlicherweise sofort ohne Wenn und Aber akzeptiert: Arme wie ein Verkehrspolizist ausstrecken und marschieren! Dabei haben scheinbar auch die Fachleute ausser Acht gelassen, dass zufolge Missverständnissen, mangelnder Aufmerksamkeit oder vielleicht auch purer Rechthaberei wegen immer wieder Fehler passieren können, welche in der Regel mit schweren Verletzungen oder gar tödlichem Ausgang für die Schwächeren enden, und das sind bekanntlich immer die Fussgänger. Verhindern lassen sich solch folgenschwere Unfälle erfahrungsgemäss nur dann, wenn die Fussgänger (vor allem Kinder!) folgendermassen instruiert werden:

Mit ausgestrecktem Arm am Zebrastreifen warten, die Strasse erst dann überqueren, wenn das Fahrzeug stillsteht und das Vortrittsrecht aber niemals erzwingen!

Es ist deshalb unumgänglich, dass primär die Eltern, die Lehrkräfte als auch die Polizei die nötigen Unterweisungen organisieren und das richtige Verhalten am Zebrastreifen mehrmals – bzw. immer wieder – mit den Kindern am Übergang in die Praxis umsetzen. So jedenfalls habe ich mit meinen vier Kindern das Überqueren der Strasse auch ausserhalb des Zebrastreifens mehrmals pro Woche geübt, als sie einigermassen gehen und meine warnenden Worte auch verstehen konnten.

Meine Tochter besuchte noch den Kindergarten, als eine Drittklässlerin im Dorf tödlich verunglückte. Die Mutter hatte ihr einziges Kind jahrelang per Auto zur Schule und wieder nach Hause gebracht, kam dann aber mit ihrem Mann überein, die Zehnjährige ihres Alters wegen nicht mehr zu begleiten, zumal die Behörden zur Sicherheit der Kinder in der Nähe der Schule eine Überführung erstellt hatten. Hierin lag auch der Grund, weshalb ich meiner Tochter empfohlen hatte, weiterhin die Strasse zu überqueren, um die ihr als Kleinkind vermittelte Vorsicht nicht einzubüssen! Eines Tages kam sie weinend nach Hause, weil ihr die Lehrerin vorgeschrieben hatte, wie alle andern ebenfalls die Überführung zu benützen.

Danach lud ich diese zum Nachtessen ein, um ihr meine eigene Version von Kindererziehung beizubringen, was sie letztlich auch begriff, weil ich ihr erklärte, dass – sollte meiner Tochter das gleiche Schicksal beschieden sein wie dem oben erwähnten Einzelkind – ich als Vater ganz persönlich den Tod meines Kindes zu verantworten hätte! Letztlich dürfen Sie, liebe Leserinnen und Leser, aber noch zu Kenntnis nehmen, dass bis heute weder meine vier Kinder noch die zwölf Enkel je einen Verkehrsunfall erleiden mussten, was vielleicht dafür sprechen könnte, dass die dargelegte Erziehungsmethode nicht ganz abwegig war.

Ein besorgter Ex-Pädagoge

20.12.2011 | 1450 Aufrufe