Der SNB-Präsident offenbart in einem Interview gravierende Wissenslücken

Im Interview in der aktuellen «Weltwoche» überrascht der Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB) mit Aussagen, die es in sich haben. Geradezu in naiver Weise offenbart er seine Ahnungslosigkeit in Bezug auf Themen, in denen er zwingend sattelfest sein müsste.

Der aktuelle Freitags-Kommentar der «Schweizerzeit» vom 25. Juli 2014
von Olivier Kessler, stv. Chefredaktor «Schweizerzeit»

Die «Weltwoche»-Leser mussten sich verwundert die Augen reiben. Was der Mann, der das geldpolitische Steuerruder der Schweiz in den Händen hält, von sich gibt, ist nicht nur denkwürdig, sondern peinlich – gerade weil er mit seinen Entscheiden wesentlich über das Schicksal der Schweizerinnen und Schweizer mitbestimmt. Nachfolgend eine Auswahl der fünf schwerwiegendsten Falsch-Aussagen von Thomas Jordan.

1. «Die Weltwirtschaft ist in einer Phase der Erholung»

Die Erholung sei zwar im historischen Vergleich schwach und holprig. Aber das Wichtigste: «Die Weltwirtschaft läuft wieder.»

Es bleibt schleierhaft, wie Jordan ernsthaft von einer «Erholung» sprechen kann. Fakt ist: Die Weltwirtschaft ist todkrank. Die westlichen Industriestaaten sind hoch verschuldet. Diese Woche sind die neuen Verschuldungszahlen der EU-Länder publiziert worden, die – wen überrascht es – wieder einmal alle Rekorde brechen. Die Bürger dieser Staaten müssen in Zukunft mit noch mehr Regulierung, sozialistischem Interventionismus und Enteignung rechnen, was dem Wirtschaftswachstum alles andere als dienlich ist. Aber man will sich ja schliesslich nicht «kaputtsparen». Nachdem in Zypern die Bankkonten der Kunden geleert worden sind, ist nun in Spanien eine ökonomisch widersinnige Sparsteuer eingeführt worden. Die Message an die Bürger lautet: Schulden machen ist toll, sparen ist out.

Mit Geldspritzen in noch nie dagewesenem Ausmass versuchen die Zentralbanken in Kooperation mit dem Bankensystem den Schein aufrechtzuerhalten. Dringend notwendige Korrekturen werden durch die Geldschwemme und die dadurch verursachte Zins- und Preismanipulation verschleppt, weil die Wirtschaftsakteure über die wahren Kosten und über die tatsächlich vorhandenen Ersparnisse getäuscht werden. Die zunehmend staatlich gestützte und subventionierte Wirtschaft produziert mehr und mehr an den echten Bedürfnissen vorbei. Unproduktive Arbeitsplätze werden der Arbeitsplätze willen künstlich erhalten statt die notwendigen Korrekturen zuzulassen, auf deren Basis dann eine Gesundung des angeschlagenen Patienten möglich wäre. Ressourcen in unvorstellbarem Ausmass werden dabei verschwendet.

Die Worte des bedeutenden Wirtschaftswissenschaftlers, Ludwig von Mises, scheint sich Jordan noch nicht zu Herzen genommen zu haben: «Es gibt keinen Weg, den finalen Kollaps eines Booms durch Kreditexpansion zu vermeiden. Die Frage ist nur, ob die Krise früher durch freiwillige Aufgabe der Kreditexpansion kommen soll, oder später zusammen mit einer finalen und totalen Katastrophe des Währungssystems.»

2. Der Mindestkurs zum Euro muss beibehalten werden

Die Frage von Roger Köppel, ob es nun nicht Zeit sei, den Franken nach all den Jahren der Anbindung an den Euro wieder in die Freiheit zu entlassen, beantwortete Jordan mit einem klaren Nein.

Mit keinem Wort erwähnt Jordan die alle Rekorde schlagenden Schuldenländer, welche die Europäische Zentralbank (EZB) mit aller Kraft zu retten versucht. «Retten» heisst in diesem Zusammenhang vor allem «Gelddrucken». Die EZB ignoriert fortlaufend ordnungspolitischen Grundsätze und hat begonnen, unbegrenzt Staatsanleihen von Mitgliederstaaten aufzukaufen. Sie hat bislang für 211 Milliarden Euro Staatsanleihen gekauft – wie viele Bonds sie jeweils von welchen Ländern gekauft hat, hält sie geheim. Ein Ende ist in Anbetracht der steigenden Verschuldung und der mörderischen Wohlfahrtsstaats-Versprechen in den Mitgliedsländern nicht in Sicht.

Diese Anleihen kauft die EZB jeweils mit frisch gedruckten Euro, was wiederum Druck auf den Mindestkurs des Schweizerfrankens zum Euro ausübt. Die SNB ist dann – ihr Ziel der Mindestkursaufrechterhaltung verfolgend – gezwungen, kontinuierlich neu gedruckte Schweizerfranken auf den Markt zu werfen. Lag die Notenbankgeldmenge vor der Anbindung an den Euro im September 2011 noch bei rund 75 Mrd. Franken, stieg sie bis Ende 2013 schon auf rund 375 Mrd. Franken – innerhalb von wenigen Jahren hat sie sich also verfünffacht. Diese zusätzliche Liquidität ist zum Glück noch nicht vollständig vom Markt aufgenommen worden, weil Geschäftsbanken zurückhaltender Kredite vergeben haben.

Eine derart expansive Geldpolitik gefährdet die Stabilität und den Wohlstand des Wirtschaftsstandorts Schweiz. Wohin eine solche Geldpolitik geführt hat und auch in Zukunft führen wird, sollten Notenbanker spätestens seit der deutschen Hyperinflation 1923, der Grossen Depression 1929 und all den anderen geldpolitischen Tragödien wissen. Fakt ist: Der inflationistische und zerstörerische Mindestkurs zum Euro ist verantwortungslos.

3. «Die Inflationsaussichten sind nach wie vor sehr gering»

«Obwohl die Geldmenge stark erhöht wurde, ist die Inflation überall tief», lässt sich Jordan zitieren.

Zunächst einmal gilt es zu definieren, was Inflation überhaupt ist. Im Gegensatz zum heute häufigen Gebrauch des Wortes im Sinne von «Preisanstieg», verstand man darunter früher korrekterweise die Aufblähung der Geldmenge. Durch diese heutige «sprachliche Verluderung» (Roland Baader) ist der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung abhandengekommen. Die Teuerung oder die sogenannte «Preisinflation» ist lediglich eine Folge der Inflation.

Die Zentralbanken verwenden für die Überprüfung des Erfolgs ihres «Inflation-Targeting» – also (in ihrer Logik) die Vermeidung von starken Preisanstiegen – primär die Zahlen der Konsumentenpreise, nicht jedoch jene der Vermögenspreise (Wertschriften, Immobilien, etc.). Wenn Zentralbanken nur die Entwicklung der Konsumentenpreise im Auge behalten, können sie die wahren Auswirkungen ihrer expansiven Geldpolitik jedoch nicht in ihrer ganzen Dimension erfassen. Aus diesem Grund sind sie von der Finanzkrise 2008 total überrascht worden, da sie die anschwellenden Immobilienpreise in den USA nicht auf ihrem Radar gehabt haben.

Ein weiterer Faktor, weshalb die Zentralbanken die Folgen ihrer Geldpolitik vor der Grossen Rezession wohl unterschätzt haben und auch heute noch unterschätzen, ist die Globalisierung, die für starken Preisdruck bei Konsumgütern gesorgt hat. Es bestehen jedoch keine Zweifel, dass auch eine versteckte Preisinflation die Marktstrukturen verzerrt und zur Fehlallokation von Kapital führt.

Die heutigen Preisinflations-Messungen müssen deshalb klar als manipuliert bezeichnet werden, da sie lediglich die Konsumentenpreise, nicht aber die Vermögenspreise berücksichtigen. Dass sich Jordan auf diese Zahlen bezieht, spricht nicht gerade für seine geldpolitischen Kenntnisse – oder zumindest nicht für seine Aufrichtigkeit. Frisch gedrucktes Geld fliesst in der Regel zunächst in die Vermögenswerte. Dies war in den letzten Jahren auch gut sichtbar anhand steigenden Aktien- und Immobilienpreisen.

4. Eine Weltwirtschaftskrise wie in den 1930er-Jahren konnte heute verhindert werden durch eine expansive Geldpolitik

Wie oben bereits beschrieben, konnte die Krise nicht verhindert, sondern lediglich verschoben werden. Ausbrechen wird sie wegen den Interventionen der Zentralbanken zu einem späteren Zeitpunkt in noch verschärfterem Ausmass. Es ist wichtig festzuhalten, dass die Zentralbanken sowohl 1929 bei der grossen Depression (siehe das Buch von Murray Rothbard – Americas Great Depression: http://mises.org/rothbard/agd.pdf) als auch 2008 bei der Finanzkrise den Brand gelegt haben, den sie nun zu löschen vorgeben. Sich nun als Feuerlöscher aufzuspielen ist unredlich.

5. Die wirtschaftspolitische Unabhängigkeit ist bei einer institutionellen Einbindung der Schweiz in die Strukturen der EU nicht gefährdet

Auf die Frage Köppels, ob die Schweiz ihre wirtschaftspolitische Unabhängigkeit gefährde, wenn wir uns stärker in den europäischen Binnenmarkt einbinden, antwortete Jordan: «Ich glaube nicht.»

Als Binnenmarkt wird der gemeinsame Wirtschaftsraum aller EU-Mitgliedländer bezeichnet, in dem für alle EU-Länder die gleiche, einheitliche Regulierung gilt. Dieser gestaltet sich zunehmend als bürokratisch und zentralistisch aus – ganz im Sinne des Ziels der Vereinigten Staaten von Europa. Im geplanten Rahmenvertrag Schweiz/EU ist vorgesehen, dass die Schweiz alles Binnenmarkt-relevante Folgerecht der EU, das in den bilateralen Verträgen geregelte Sachveralte betrifft, automatisch zu übernehmen hat.

Dass die wirtschaftspolitische Unabhängigkeit durch automatische Übernahmen von fremdem Recht gefährdet ist, erklärt sich von selbst. Wie Jordan hier zu einem anderen Schluss kommt, bleibt schleierhaft. Vielmehr erklärt er sich mit nichtssagenden Floskeln: «Kompromisse im Interesse des Landes sind in Ordnung.»

Fazit – der Ausweg aus der Krise

Es ist kein gutes Omen für die Schweiz, wenn der Notenbankchef nicht einmal in seinem Spezialgebiet wirklich sattelfest ist. Das grundlegende Problem sind aber nicht die jeweiligen Führer der Notenbank; die kommen und gehen. Das Kernproblem ist das staatlich geschaffene Quasi-Monopol der Nationalbank auf der Produktion von Geld.

Während sich die meisten Ökonomen einig sind, dass Monopole schädlich sind, soll dies beim staatlichen Geldmonopol plötzlich nicht mehr gelten. Das staatliche Zwangsmonopol ermöglicht es aber erst, Unmengen an neuem Geld aus dem Nichts zu produzieren. Ohne diese Möglichkeit zur massiven Geldschöpfung wäre die krankhafte Überschuldung aller westlichen Länder gar nicht erst möglich gewesen, die uns nun zu immer weiterer Aufgabe von elementaren Freiheiten zwingt (Aufgabe des Bankkundengeheimnisses, Abschaffung des Bargeldes, Wegfall der Privatsphäre, immer stärkere staatliche Einmischung in die Wirtschaft, Enteignung und finanzielle Repression). Es braucht einen Paradigmenwechsel, wenn wir den Weg zur Knechtschaft und zum Totalitarismus nicht mehr länger beschreiten wollen.

Ein Ausweg aus dieser Krise wäre der freie Währungswettbewerb und die Abschaffung des staatlichen Geldmonopols. Der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Christoph Braunschweig schlägt folgendes Vorgehen vor: Zunächst müssten alle Regulierungen, mit denen das staatliche Papiergeld zum einzig zulässigen gesetzlichen Zahlungsmittel erklärt wird, aufgehoben werden. In einem zweiten Schritt müssten die Geldmengen in einem festen Umtauschverhältnis zum Gold, das noch in den Kellern der Zentralbanken lagert, fixiert werden. Drittens sollen private Geldproduzenten zugelassen werden. Die Bürger müssten die Freiheit haben, bei allen Verträgen und Transaktionen auch anderes, privat geprägtes Geld zu verwenden.

Diese privaten Geldarten würden dann – sowohl untereinander als auch gegenüber dem Staatsgeld – automatisch in einen Stabilitätswettbewerb eintreten. Der Emittent von privatem Marktgeld hält seine Geldmenge im eigenen Interesse bewusst knapp, um zu verhindern, dass die Geldhalter seiner Währung nicht zu einem stabileren Konkurrenten wechseln.

Durch diesen Währungswettbewerb würde automatisch Druck auf die Zentralbanken ausgeübt, die staatliche Währung möglichst stabil zu halten. Die Staaten wären dann gezwungen, ihre desolate Finanzlage in den Griff zu bekommen, da sie nicht immer auf die Unterstützung der Zentralbank (tiefe Zinsen, Direktkredite an die Staaten, etc.) hoffen können. Mag dieser Gedanken zum heutigen Zeitpunkt noch ungewohnt sein, kommen wir trotzdem nicht darum herum, uns über unser Geldwesen intensiv Gedanken zu machen, wenn uns Freiheit und Wohlstand am Herzen liegen. Die Zeit ist reif für gute Ideen.

Olivier Kessler

 

Olivier Kessler verfasste seine Masterarbeit zum Thema «Die gesellschaftlichen Auswirkungen einer expansiven Geldpolitik – eine Analyse anhand der Grossen Depression 1929 sowie der Finanzkrise 2008.»

Bild: Schweizerische Nationalbank (O. Kessler)

 

25.07.2014 | 6486 Aufrufe