Soziale Medien anno 2018

Der deutsche Fernsehmoderator Jan Böhmermann ruft seine zwei Millionen «Follower» auf, «rechte Trolle» anzuschwärzen, auf dass letztere – wenn die erhoffte koordinierte Beschwerdewelle einsetzt – auf der Social Media-Plattform «Twitter» gesperrt werden und ihre Reichweiten gänzlich verlieren. Ein Gutmensch auf Kriegsfuss mit der Meinungsäusserungsfreiheit – im Zeitalter einbrechender Massenmedien ein offenbar bewährtes Geschäftsmodell, um das persönliche Ansehen innerhalb der eigenen Filterblasen aufzupolieren.

Freitags-Kommentar vom 4. Mai 2018,
von Anian Liebrand, Redaktion «Schweizerzeit»

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Bild-Quelle: Jonas Rogowski (Wikimedia Commons)

Der grösste Lump im ganzen Land,
das ist und bleibt der Denunziant.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben,
deutscher Dichter und Philologe, geb. 02.04.1798, † 19.01.1874

Der im Solde des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders ZDFneo stehende Journalist legt der Meute eine detaillierte Liste unzähliger Parteisektionen, Organisationen, Politiker oder Privatpersonen vor, die «rechten Hetzer» seien und denen ihr Recht auf Meinungsfreiheit abzusprechen sei. Böhmermann kündigte die Aktion in seiner Fernsehsendung an und sagte, es gehe ihm darum, Hass im Internet zu bekämpfen. Was genau er unter diesem Hass versteht, bleibt nebulös. Vielmehr offenbart die veröffentlichte Liste, dass das primäre «Verbrechen» der Aufgeführten darin besteht, politische Inhalte zu vertreten, die dem Berufsprovokateur Böhmermann missfallen.

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Liste des Bösen

Auf der Liste finden sich neben zahlreichen, der allgemeinen Öffentlichkeit eher weniger bekannten Namen – wenig überraschend – dutzende Profile von Politikern und Sektionen der AfD. Aber auch der Twitter-Account der ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Erika Steinbach fingiert darunter, ja sogar ein von Fans betriebener Auftritt des legendären, längst verstorbenen Ministerpräsidenten von Bayern Franz Josef Strauss wird auf der Liste vermeintlich rechtsradikaler, zum Abschuss freigegebener Profile geführt.

Auch Schweizer darunter

Auch einigen Schweizern kommt die zweifelhafte Ehre zu, auf der Böhmermann’schen «Liste des Bösen» aufgeführt zu werden. So die Zürcher Lokalpolitiker Silvio Foiera (EDU) aus Uster und René Truninger (SVP) aus Illnau-Effretikon. Der Grund dafür? Sie haben sich wohl zu den falschen Themen geäussert oder sind mit «umstrittenen» Profilen befreundet, die sie von einem Algorithmus der Denunzianten entsprechend schubladisieren lässt.

Weiter finden sich auf der Liste das patriotische Online-Portal Patriot.ch und die gemeinnützige wertkonservative Stiftung Zukunft.ch wieder. Warum auch immer… Auf der Liste fehlen dagegen Profile der Parteien NPD (Deutschland) und PNOS (Schweiz), die im Ruf stehen, rechtsextrem zu sein.

Denunzierung

Die «Schweizerzeit», das sei nebenbei erwähnt, wurde auf der angeblichen Hass-Liste ausgelassen. Dafür sahen wir uns auf Twitter vor einigen Tagen einer koordinierten Denunzierungs-Attacke ausgesetzt. Unbekannte meldeten meinen Videokommentar «Islamistische Kopftuch-Kampagne» als Verstoss gegen die Nutzer-Richtlinien – offensichtlich wegen des islamkritischen, aber im Rahmen der Meinungsfreiheit auch in diesem Jahrhundert hoffentlich noch immer vertretbaren Inhalts. Glücklicherweise blieb Twitter in diesem Fall standhaft und verzichtete, da man keinen Verstoss erkennen konnte, auf eine Löschung.

Gedrosselte Reichweiten

Mag man bei der ins Auge stechenden Durchsichtigkeit des Böhmermann’schen Manövers noch mit einem Augenzwinkern bedauern, als guter Patriot nicht selber auf dieser «Liste der Auszeichnung» gelandet zu sein, liegen die systemischen Probleme viel tiefer. Die grossen sozialen Netzwerke, allen voran Facebook, haben ihre Rolle als Multiplikator von Meinungsströmungen fernab des Mainstreams in den letzten Monaten nämlich weitestgehend eingebüsst.

Im Zuge der epischen Debatten, wonach Donald Trump hauptsächlich wegen des Supports aus den sozialen Medien zum US-Präsidenten gewählt wurde, wurden die Algorithmen zwischenzeitlich dahingehend verändert, dass Facebook-Seiten heute spürbar weniger Leute erreichen – schlicht deswegen, weil die auf einer Facebook-Seite verbreiteten Beiträge längst nicht mehr bei all ihren Fans angezeigt werden. Wahlsiege von auf Facebook höchst erfolgreichen, «bösen Rechtspopulisten» dürfen sich keinesfalls wiederholen, so die «Order von oben»!

Willkürliche Löschungen

Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass der Druck seitens gewichtiger Regierungen auf Facebook, die Reichweiten vor allem politischer Seiten massiv zu drosseln, nicht folgenlos geblieben ist. Der Konzern knickte ein – die in beängstigendem Ausmass gesammelten Nutzerdaten für zielgruppenorientierte Werbung zu kommerzialisieren, liegt ihm näher, als unbequem für die Meinungsfreiheit zu streiten.

Hinzu kommen neue Gesetze, wie das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) in Deutschland, die Facebook dazu nötigen, eine eigene Zensur-Infrastruktur aufzubauen und unter Androhung horrender Bussen verpflichten, umstrittene Meinungsäusserungen schon im Keim zu ersticken. Die Folgen: Auf Facebook werden heute Meinungsbeiträge en Masse gelöscht, Profile werden schon wegen harmlosen Kommentaren gesperrt – es herrscht die pure Willkür.

Denunzianten-Trupps

Es herrscht die Willkür, anders kann man es nicht sagen, da keine stringente, nachvollziehbare Logik zu erkennen ist, ab wann eine Äusserung nun als «Verstoss gegen die Gemeinschaftsstandards» gewertet wird. Meistens genügt es schon, dass gut organisierte Gruppen sich auf eine nicht genehme Person einschiessen und diese in koordinierten Aktionen mittels Gebrauch der «Melden-Funktion» gemeinsam anschwärzen. In der Praxis läuft das dann so ab: Ein Verbund linker Facebook-Nutzer spricht sich ab und beschliesst, gezielt einen missliebigen SVP-Politiker zu «melden» (Klartext: zu denunzieren, zu verpetzen!).

Wenn dann zuweilen hunderte Beschwerden eingegangen sind, entscheidet Facebook oftmals routinemässig, dass die gemeldete Person umgehend und proaktiv gesperrt wird. Auf diese Weise ist beispielsweise SVP-Nationalrat Andreas Glarner mehrfach von Facebook gesperrt worden. Es haben sich auch in der Schweiz unzählige linke Spitzelgruppen gebildet, die über diese Methode bewusst Macht ausüben und versuchen, den politischen Gegner zu schwächen – Facebook lässt dies zu, ja begünstigt solch antidemokratisches Treiben sogar.

Bedenklich an dieser Entwicklung: Dem Oberzensor Böhmermann weht im Blätterwald kein kalter Wind entgegen. Viel zu wenige Medien und Politiker distanzieren sich von denunziatorischem Treiben in den sozialen Netzwerken. Sind wir längst im rauen Zeitalter der akzeptierten Zensur angekommen?

 

Aktueller «Schweizerzeit»-WEGWEISER vom 3. Mai 2018

04.05.2018 | 2852 Aufrufe