BETRACHTUNGEN

Es war wieder so weit. Die Blätter waren gefallen. Welch eine Fülle von gelben, bräunlichen, manchmal gar hochroten Blättern! Die einen gezackt, andere rund oder oval, noch andere schmal und länglich. Eine Fülle von Formen und Farben, eine Augenpracht, und doch so vergänglich!

von Arthur Häny

Ich hätte Lust gehabt, in einen Haufen dürres Laub hineinzutreten, um ein Rascheln und Rauschen zu erregen. Ich ging dann aber doch lieber beiseite und bewunderte einfach all diese Schönheit. Ja, das kreisende Jahr war wieder beim Herbst angelangt, jenem Herbst, der anderswo fall hiess: Fall, Verfall, Vergehen …

Und indem ich so dahinging, kam mir das schöne Herbstgedicht Rainer Maria Rilkes in den Sinn. Zu Hause schlug ich dann den Text auf. Ja, ich hatte mich richtig erinnert:

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Ich suchte mich in den Dichter hineinzuversetzen und sein Gedicht innerlich nachzuvollziehen, Bild um Bild. Das Laub schwebte still hernieder, wie aus weiter Ferne. Nicht aus den Bäumen schien es zu fallen, sondern unmittelbar aus der Tiefe des Himmels. Dort war es inzwischen auch Herbst geworden. Die Blätter fielen stetig und sanft mit einer schaukelnden Bewegung, die der Dichter deutete als eine Verneinung, Als verneinten sie alles Vergangene, alles Grünen und Blühen des Frühlings, alle Pracht des Sommers. Alle Lust des Lebens schien im Fallen der Blätter überwunden und widerlegt. Das niederschwebende Laub sehnte sich nur noch nach der Rückkehr zur allumfangenden Mutter Erde.

Aber nicht nur das Laub, dieses Leichteste, fiel, sondern auch das Schwerste, die ganze Erde. In dunklen Nächten fiel unser Stern aus dem riesigen, glitzernden Sternenhimmel hinaus und sank hinab in den schwarzen Abgrund der Einsamkeit. Der Dichter erkannte, dass nicht nur er selber und «diese Hand da» fiel, sondern dass «wir alle fallen». Die ganze Schöpfung unterlag dem Sog in die Tiefe. Es war das Los alles Sterblichen, auf- und unterzugehen, zu entstehen und zu vergehen. Wohin man auch blickte: Es gab keine Ausnahme von dieser Regel. Nicht nur «diese Hand da» fiel, sondern alle anderen Hände auch, einfach alles. Dasein war «Sein zum Tode». Ein leises Schaudern ergriff wohl den, der das ganz erfasste. Und dieses Schaudern konnte sich bis zur Angst, ja bis zur Verzweiflung steigern. War das wirklich alles, was man auf dieser Erde zu erwarten hatte, Geburt und Tod?

«Und doch …» An dieser Stelle erhebt sich der Widerspruch – der Widerspruch des Glaubens gegen die Verzweiflung. Der Gläubige überwindet die Angst vor dem Tod. Er braucht nicht zu fürchten, dass er dereinst in einen schwarzen Abgrund fällt. Er richtet sich auf in der Gewissheit, dass er am Ende zur Ruhe kommt, dass er behütet wird von einer gütigen Macht, die das Fallen aufhält, von einer «unendlich sanften» Macht der Liebe.

Ich habe von einer Macht gesprochen. Es ist aber nicht «Eines», sondern «Einer», sagt Rilke. «Und doch ist Einer …» Es ist eine Person. Darauf deuten auch die Hände, in denen dieser Eine das Fallende hält und birgt. Es ist Gott, der das Fallen aufhebt. Er empfängt, er hegt und trägt es. Der Mensch, der sich vorher als verloren empfand, weiss sich nunmehr geborgen in der Hand eines Mächtigen, Liebevollen. Aus der Angst kommt der Gläubige zum Frieden, aus der Not zur Freude.

Und all diese Wandlung vom Tod zum Leben geschieht im Stillen, ohne alles Gewittergrollen des Himmels. Gott ist nicht jener furchtbar Zornige, jener Rächer, als der er manchmal im Alten Testament erscheint. Sondern er ist, wie seine bergenden Hände, «unendlich sanft». Bei diesem Gott braucht man sich nicht andauernd seiner Schwächen zu schämen. Er kennt die Gnade. Er liebt uns und nimmt uns auf, wenn wir uns unserer Unvollkommenheit bewusst geworden sind und uns nach seiner Vollkommenheit sehnen.

Dann sind wir für immer aufgehoben bei ihm.

 

07.01.2016 | 912 Aufrufe