Es wird immer teurer, dümmer zu werden

Stellen Sie sich vor, Ihre Tochter oder Ihr Sohn hätten gerade den Übertritt in die Oberstufe geschafft. Nach ein paar Wochen auf der neuen Schulstufe brächten sie einen Brief der Schulleitung nach Hause.

Von Ulrich Schlüer, Flaach

Der Brief richtet sich an alle Eltern. Und diese erhalten die folgende Information:

«Die Schülerinnen und Schüler haben mit dem Team seit September 2015 an den Grundsätzen des Lebensraum Eichi gearbeitet. In einem mehrstufigen Prozess sind in altersdurchmischten Gruppen Produkte zu den demokratisch abgenommenen Grundsätzen entstanden.»

«Reformschule»

Vielleicht müssen Sie diese Mitteilung zwei- oder dreimal lesen – und fragen sich, was Ihnen da eigentlich mitgeteilt werden soll. Der Name «Eichi» – obwohl grammatikalisch falsch präsentiert – verweist immerhin aufs Schulhaus Ihrer Tochter oder Ihres Sohnes. Was dort anstelle von Schulunterricht geschieht, bleibt Ihnen allerdings schleierhaft.

Doch allmählich dämmert’s: Wurde vor Monaten nicht mitgeteilt, das «Eichi» sei jetzt eine «Reformschule»? Da werde Bildungszukunft gestaltet, zu neuem Schulgeist aufgebrochen. Schon damals fiel Ihnen die geschwollene Wortwahl zum Projekt auf. Aufgeplusterte Formulierung für schwammigen Inhalt: Die Absender scheinen darauf zu spekulieren, dass bombastische Wortaufblähung Fragen zum Geschehen zum Voraus unterbindet. Niemand will schliesslich zugeben, dass er angesichts der ihm begegnenden geballten Weisheit eigentlich nichts begreift vom barock angekündigten «Bildungsaufbruch».

Dann aber stutzt der Leser ob des Brief-Absenders: Er lautet «Eduzis Sekundarschulen».

«Eduzis»: Was soll das nun wieder bedeuten? Schliesslich fragen Sie Ihre Tochter. Und diese belehrt Sie:

Ihre Schule heisse heute tatsächlich «Eduzis». Das stehe am Eingang und in jedem Schulzimmer. Und auf allem Papier. Vor allem erscheine dieser Name ständig auf den Bildschirmen, vor welchen alle Schüler im Unterricht immer sässen.

«Demokratie-Produkt»

Was aber heisst «Eduzis»? Sie greifen schliesslich zum Handy. Einer der vier Eduzis-Schulleiter ist erreichbar. Ja, erklärt dieser, die Schulgemeinde heisse jetzt ganz offiziell «Eduzis».

Und dann erfahren Sie noch, dass Lehrer und Schüler diesen Namen in gemeinsamer, ausführlicher Diskussion festgelegt hätten. Die Lehrer hätten gewünscht, dass etwas Schulisches im Namen vorkommen müsse. So habe man das Anfangs-E vom englischen Wort «education» übernommen. Und die Schüler hätten bei der Festlegung der Schulordnung demokratisch entschieden, dass im Schulhaus Eichi das «Du» für alle gelte, für Schüler, Lehrer und Besucher. «Duzis» sei das Erkennungsmerkmal des Schulgeistes, demokratisch erarbeitet von der Schülerschaft. So heissen Schule und Schulgemeinde jetzt eben «Eduzis».

Die Gemeinde: Bloss ein Logo?

Die Schulgemeinde auch? Wer hat denn das wieder festgelegt? Kann jedermann aus jeder ihn gerade bestimmenden Laune seiner Gemeinde einen neuen Namen verpassen? Auch ein Behörden-Entscheid sei dazu ergangen, belehrt der Schulleiter den ungläubig fragenden Vater.

Dieser will’s nun genau wissen. Zunächst bestätigt ihm ein Mitglied der Schulbehörde, die Schulgemeinde heisse tatsächlich seit einiger Zeit «Eduzis». Eine Nachfrage beim Zürcher Gemeindeamt klärt dann auf: Der Name einer Gemeinde könne nur auf Beschluss der Gemeindeversammlung verändert werden. Die neue Eduzis-Gemeinde habe indessen behauptet, sie ändere bloss ihr Logo. Wer daran hänge, könne weiterhin den alten Namen der Kreisschulgemeinde nutzen. Aber das neue Logo ziere fortan die Schulhäuser, das Briefpapier, alle Einladungen. Und vor allem schaffe es Identifikation bei allem elektronischen Verkehr – für den Schulalltag wie für die Verwaltung. Der alte Gemeindename – Oberstufenschulgemeinde Niederhasli Niederglatt Hofstetten – sei durch das neue, von Schülern und Lehrern demokratisch beschlossene Logo einfach in die Unterwelt verbannt worden. Eduzis habe sich durchgesetzt.

Allotria …

Allotria dominiert. Die finanziellen Folgen dieser Namens-Übung haben mit Allotria allerdings nichts mehr zu tun.

Und was den Schülern an «Bildungsgewinn» an dieser Allotria-Schule vermittelt wird, noch viel weniger.

Im Gemeindehaushalt schlagen die Neuerungen gewaltig ein. Der Haushalt explodiert. Für die 440 in drei Schulhäusern (pardon: Diese heissen jetzt «Lernhäuser») betreuten Schülerinnen und Schüler wurden vier Schulleiter und 26 Lehrkräfte in Festanstellungen berufen. Weil dieses Kader munterem Ausbau unterworfen war, verhängte eine Gemeindeversammlung einen Einstellungsstopp. Die Reformer wussten sich flugs zu helfen: «Lehrpersonen» wurden zwar keine weiteren mehr berufen. Aber es wurden elf «Assistenten» angestellt. Diese seien, weil nicht als «Lehrpersonen» betitelt, vom Einstellungsstopp nicht betroffen, beschieden die Schulleiter den Behörden und der Öffentlichkeit. Der die Finanzlage berücksichtigende Beschluss der Gemeindeversammlung blieb nichtssagendes Papier.

… oder Schulstoff?

Die Schule findet in Gruppen – jahrgangsübergreifend natürlich – statt. Diskussionen über kreative Grundsätze zu «Unsere Schule ist ein Lebensraum» füllten Palaverstunde um Palaverstunde. Einige Eltern gerieten in Sorge: Der Schulstoff gerate ins Hintertreffen. Seriöse Vorbereitung auf Mittelschulprüfungen bleibe auf der Strecke. Die Reklamation fruchtete: Eduzis organisierte Sonderkurse für angehende Prüflinge. Nicht für zusätzlichen, auf herausfordernde Prüfungen vorbereitenden Unterricht. Nein, nur der im «Normalunterricht» zu kurz gekommene Stoff wird nachgeholt. Daran Kritik übende Eltern wurden abgewimmelt. Sie seien, gab man ihnen zu verstehen, bedauerlicherweise in der Vor-Eduzis-Zeit stehengeblieben – verständnislos für die Neuerungen im Bildungswesen zu Eduzis.

Der Haushalt entgleist

In Eduzis-Schulen findet beispielsweise kein Deutsch-Unterricht mehr statt. Dort lehrt und lernt man «Gesprächs-Kultur». Im Klartext: Die SMS-Sprache wird Unterrichtssprache. Jede Schülerin und jeder Schüler erhielt – auf Steuerzahlers Kosten – einen i-Pad. Kostenpunkt: Fr. 231600. Einfach so aus der Kasse geschüttet. Wer Fragen stellte, wurde allenfalls bemitleidet.

Die Einführung allein des Namens Eduzis schlägt sich mit rund Fr. 100000 im Gemeindehaushalt nieder. Dieser Betrag liege in der Finanzkompetenz der Behörde. Deshalb sei für die Logo-Einführung kein Beschluss der Gemeindeversammlung nötig gewesen. So wurden und werden Fragesteller zu Eduzis abgefertigt.

 

PS: Eigentlich gehört es zu den Regeln des landesüblichen Journalismus’, dass in einem Artikel Angegriffene immer auch zu Wort kommen sollen. Angesichts des Umgangs dieser Angegriffenen mit selbstverständlichen demokratischen Rechten von Bürgern und Steuerzahlern, habe ich mich von dieser Rücksichtsnahme wissentlich und vorsätzlich dispensiert. Informieren liess ich mich vom Eltern-Komitee, das gegen Unterrichts-Defizite und Geldverschwendung in Eduzis antritt.

 

«Eduzis» hat sich durchgesetzt. (Bild: shutterstock;maroke)