Donnerstag, 11. Januar, Abendverkehr: Der Interregio von Bern nach Zürich ist überfüllt. Auch in der Ersten Klasse müssen Dutzende Passagiere stehen. In einem Abteil geht’s fröhlich zu: Ein Ehepaar, Afrikaner, ist mit drei Kindern lautstark unterwegs.

Kommentar «Spalte rechts», Ausgabe vom 9. Februar 2018

Ein Zugbegleiter drängt sich durch die Stehenden: Fahrkarten-Kontrolle. An den fröhlichen Afrikanern geht er vorbei. Eine notgedrungen stehende Frau spricht den Kontrollierenden an: «Warum wird die Familie im Abteil nicht kontrolliert?» – «Ich mache nur Stichproben.» – «Aber mit Ausnahme dieser Familie hier wurden alle kontrolliert.» – «Das ist reiner Zufall».

Die Dame insistiert, der SBB-Kontrolleur reagiert zunehmend unwirsch, kommt aber, von mehreren Stehenden aufgefordert, dem Wunsch schliesslich nach – deutsch, englisch und französisch: Fahrscheine hat die fünfköpfige Familie keine. Der Mann versteht, worum es geht. Aber er macht keinen Wank.

Der Zugbegleiter will weitergehen. Erneut wird er angesprochen: «Was hat die Schwarzfahrt dieser Familie für Folgen?» – Achselzucken. Die Frage wird wiederholt. Der SBB-Funktionär resigniert: «Das bringt doch nichts!» – «Warum nicht?» – «Erstens sagt er nichts, zweitens zeigt er keinen Ausweis – und wenn doch: Bezahlen wird er nie.» – «Aber zahlenden Passagieren die Plätze wegzunehmen, das ist in Ordnung?» – «Würde ich Busse verlangen, würde schliesslich bestenfalls irgend eine Gemeinde bezahlen. Lassen Sie mich, ich muss weiter.»

Die Dame, die ihn als erste angesprochen hat, gibt nicht auf: «Ich bin Sozialvorsteherin in meiner Gemeinde. Und weiss daher genau, wieviel eine fünfköpfige Asylanten-Familie an Sozialhilfe bekommt. Davon könnten diese Leute ohne weiteres Fahrkarten bezahlen, wie andere auch.» – «So», meint der Zugbegleiter noch, dreht sich um, zwängt sich, Fahrkarten kontrollierend, weiter durch die stehenden Passagiere. Die Schwarzfahrer geniessen die Fahrt, einige Stehplatz-Passagiere ärgern sich.

Übrigens: Die SBB haben jetzt eine «Lösung» gefunden: Pendler, die zu Stosszeiten regelmässig die Züge auf dem Weg zur oder von der Arbeit füllen, sollen künftig Aufschläge bezahlen. Der Platz für die Stehenden wird also verteuert, die sitzenden Gratisfahrer bleiben unbehelligt.

Schmarotzer-Hätschelung à la SBB!

Ulrich Schlüer

08.02.2018 | 5652 Aufrufe