Der aktuelle Freitags-Kommentar der «Schweizerzeit» vom 29. Juli 2011

Schweizer Medien zur Bluttat in Norwegen
Politische Brunnenvergifter feiern Orgien

Von Nationalrat Ulrich Schlüer, Chefredaktor «Schweizerzeit»

Geschieht Dramatisches, Unvorhergesehenes, unermesslich Tragisches, so gilt es eine Regel einzuhalten, die verantwortungsvolle Berichterstattung von nichtswürdiger Kampagnen-Schusterei unterscheidet.

Die Regel heisst: Es soll nichts berichtet und aufgebauscht werden, dessen Wahrheitsgehalt nicht erhärtet ist.

Parade aufgeregter Dilettantinnen
In Norwegen ist Fürchterliches Tatsache geworden. Die Welt erfuhr davon in Bruchstücken, die sich langsam zum tragischen Ganzen zusammensetzen liessen. Auffällig war ab Beginn: Die Polizei orientierte äusserst zurückhaltend, sie vermied jegliche Spekulation. Nur wirklich Belegtes wurde vermittelt.

Um so hemmungsloser warfen sich unsere TV-Nachrichten-Moderatorinnen in die Rolle moralischer Anklägerinnen: Islamisten seien es gewesen, platzten sie heraus, kaum waren die Anschläge in Oslo Tatsache. Und Korrespondent Kaufmann lieferte unverzüglich die «Begründung» nach: Auch in Norwegen seien die Mohammed-Karikaturen erschienen. Jetzt schlügen die Islamisten zurück.

Wenig später wurde das noch schwerere Verbrechen, die Todesschüsse auf der Insel ruchbar, aber auch die Tatsache, dass der Täter – kein Islamist – verhaftet werden konnte. Ohne Verzug präsentierten «Berichterstatter» eine neue Anklage: Der Täter sei ein «Öko-Terrorist». Beweis: Er sei auf einem Bauernhof wohnhaft.

Auch diese verantwortungslose Spekulation endete innert Minuten im unbelegbaren Nichts. So wurde der Täter eben zu einer Figur des Rechtsextremismus‘, zumindest des Rechtspopulismus‘.

Die nächste, zeitlich rasch vorübergehende Sensation lieferte – man höre und staune – NZZ-Online: Der Täter sei ein Bewunderer des Plakats aus der Schweizer Minarettverbots-Abstimmung von 2009. Die Meldung, von anderen Medien bereits gierig weiterverbreitet, verschwand – da offensichtlich durch nichts belegbar – nach wenigen Minuten in der Unterwelt zwar vorschnell aufgebauschter, aber offensichtlich unwahrer Zeitungsenten.

Tags darauf musste sich dann Norwegens Polizei von Fernsehfrau Stauber «die Kappe waschen lassen»: Erst eine gute Stunde nach ergangenem Alarm sei deren Sondereinheit am Tatort eingetroffen, empörte sie sich demonstrativ – als wäre sie im geringsten «Fachfrau» für den Einsatz einer Polizei-Sondereinheit, die zur Zeit des zweiten Alarms bereits im Volleinsatz stand zur Bewältigung des Terroranschlags in Oslo.

Wahrlich: Roger de Wecks Dilettantinnen-Mannschaft hat eindrücklich gezeigt, wie weit entfernt von Professionalität und Verantwortung sie teils begründete, teils konstruierte Empörung über den Bildschirm zu verbreiten versteht.

«Vernetzungen»
Dem Dilettantismus der TV-Moderatorinnen folgte die Kampagnen-Schusterei der schreibenden Zunft. «Nachforschungen» nach angeblichen Verschwörungen aus dem «Rechtslager» setzten ein. Bald wurden – ohne dass die pauschal Angeschwärzten mit den verbreiteten Behauptungen zunächst persönlich konfrontiert wurden – Namen ins Spiel gebracht. Auch mein Name, der Name Schlüer wurde im Tages-Anzeiger von Thomas Knellwolf einem diffus als existierend behaupteten Sumpf zugeordnet, der dem norwegischen Gewalttäter irgendwie Nährboden für seine alle Grenzen sprengende Gewalttat hätte sein können.

Das Rezept indirekter, aber Spuren hinterlassender Beschuldigung ist alt: Man mutmasst über eine vermutete Zusammenkunft, zum Beispiel in Zürich. Man findet krude Websites, nennt Namen von Organisationen, von denen – «Gates of Vienna» zum Beispiel – ein damit vage in Verbindung Gebrachter noch nie gehört hat, setzt den Namen des zur Anschwärzung Ausersehenen trotzdem daneben – genau wissend, dass dank solchem Vorgehen aus Unbeweisbarem, nie Stattgefundenem am skrupellos Hineingestossenen immer irgend welcher Schmutz hängen bleibt.

Von mir telefonisch zur Rede gestellt, was ihm, Thomas Knellwolf, eigentlich einfalle, meinen Namen aus vager, unüberprüfter «Mutmassung» unter eine Überschrift zu setzen, die auf eine «gut vernetzte Internetgemeinde» verweist, aus welcher «die Ideologie des Massenmörders von Oslo stammt», löste am anderen Ende des Drahtes zunächst betretenes Schweigen aus. Auch die Frage, wie er, Redaktor Thomas Knellwolf, es denn mit der elementaren Sorgfaltspflicht halte, wonach eine Person, die perfide und völlig unbewiesen solch düsterem Umfeld zugedacht wird, im Rahmen elementarer Journalistenpflicht zu solch verleumderischer Zuordnung zuerst persönlich zu befragen sei, zeitigte bloss betretene Sprachlosigkeit.

Knellwolf meinte schliesslich, er habe mich vor einigen Jahren doch einmal interviewt. Was er seither wisse, gelte auch heute noch.

Das damalige, vor etwa drei Jahren stattgefundene Interview erfolgte in Zusammenhang mit einem Besuch meinerseits beim deutschen Publizisten Udo Ulfkotte, der seit Jahren der «Schweizerzeit» Beiträge liefert zur organisierten Kriminalität und zur islamistischen Bedrohung. Wie zu anderen «Schweizerzeit»-Korrespondenten auch, pflege ich zu Udo Ulfkotte in unregelmässigen Abständen, weniger als einmal pro Jahr, persönliche Kontakte. Beim Treffen orientierte mich Udo Ulfkotte über eine von ihm ausgegangene Initiative, islamkritische Gruppen und Persönlichkeiten in einer europäischen Dachorganisation namens «Pax Europa» zusammenführen zu wollen.

Das Vorhaben zerschlug sich bald. Ulfkotte wandte sich ab von «Pax Europa» – weil ihm die Leute, die sich in Deutschland dafür interessierten, nicht als die richtigen erschienen. Ich selbst habe nach diesem Gespräch vielleicht noch fünf Mails mit anderem deutschem Absender als jenem von Udo Ulfkotte erhalten; ich habe sie nie beantwortet – seither herrscht Funkstille. Ob «Pax Europa» heute existiert, entzieht sich meiner Kenntnis. Der Tages-Anzeiger aber verbreitet die Meldung, Schlüer «wollte gar einen Schweizer Ableger von Pax Europa gründen»…

Unterschiebung und Wahrheit
Knellwolf reagierte am Telefon betreten, versprach immerhin, in einem für den Folgetag vorgesehenen zweiten Artikel meine ihm gegenüber bekräftigte – von ihm auch bestätigte – tatsächliche Position korrekt wiederzugeben: Sowohl das Initiativkomitee der Minarettverbots-Initiative als auch ich selbst haben alle Aktivitäten im Zusammenhang mit dieser Initiative konsequent allein auf die Schweiz konzentriert. In der Schweiz gewählt, tragen wir hier Mitverantwortung für die Lösung politischer Probleme. Konsequent im Rahmen der von der Bundesverfassung vorgegebenen Regeln der direkten Demokratie haben wir mit dem Minarettverbot ein die Menschen zutiefst bewegendes Problem aufgegriffen und dem Volk zur Entscheidung vorgelegt. Rund 250 öffentliche Veranstaltungen wurden – teils von uns, teils von anderen organisiert – mit unserer Beteiligung durchgeführt. Viele mit muslimischer Beteiligung, viele mit muslimischen Podiumssprechern. Vor ausnahmslos zahlreichem Publikum wurde engagiert und kontrovers diskutiert – aber keine einzige Veranstaltung ist «aus dem Ruder gelaufen». Nie musste auch nur ein einziger Polizist zu Hilfe gerufen werden – alles lief im Rahmen des in der direkten Demokratie vorgesehenen Wettbewerbs der Meinungen völlig geordnet ab.

Mit seinem Versprechen korrekter Berichtigung ging der TA-Journalist dann echt knellwolfsch um. Nur gerade zum Sätzchen, Schlüer fände es inakzeptabel, mit einem derartigen Verbrechen (wie in Norwegen Tatsache geworden) in Verbindung gebracht zu werden, rang er sich – wortbrüchig! – schliesslich durch. Solches ist tatsächlich inakzeptabel. Mindestens so inakzeptabel ist aber auch, dass Knellwolf glaubt, seine jedem fairen Journalismus krass widersprechenden, dem Betroffenen regelwidrig zuvor nicht vorgelegten Unterstellungen mit solch dürftigem Sätzchen aus der Welt schaffen zu können.

Mit seinem Vorgehen mutiert er vom Journalisten zum billigen Kampagnen-Drahtzieher…

Professorales
Knellwolf weiss genau, was aus solch aus den Fingern gesogener, nie korrekt – auch im direkten Gespräch mit dem Angeschwärzten – abgeklärter Unterstellung hervorgeht: Die Abschreiber – etwa Simon Fischer, Aargauer Zeitung und Innerschweizer Blätter – drängen sich herbei, verbreiten die Unterstellung, treuherzig annehmend, man habe ja bloss abgeschrieben. Derjenige, von dem man abgeschrieben habe, habe die journalistische Sorgfaltspflicht gewiss beachtet und den Beschuldigten zuvor mit seinen Unterstellungen konfrontiert. Andernfalls treffe sie keine Schuld, sie hätten ja bloss abgeschrieben…

Nennen wir auch die – einzige! – rühmliche Ausnahme: Frau Claudia Blumer vom «Bund» hat, bevor sie geschrieben hat, immerhin telefoniert.

Inzwischen haben sich auch die Professoren zu Wort gemeldet – mit bombastischen, sich überschlagenden Anklagen. Soziologe Kurt Imhof, meistbeschäftigter und bestbezahlter Gutachter aller Stellen der Bundesverwaltung, bezeichnet das Geschehen in Norwegen – gewiss nicht zu Unrecht – als «Barbarei». Und versteigt sich dann am Radio zur die ganze Schweiz aufs schwerste beleidigenden Behauptung, dass das in Barbarei endende Denken hierzulande nicht bloss auch vorkomme, vielmehr sogar «mehrheitsfähig» sei – was die eben von der SVP gestartete Initiative gegen die Masseneinwanderung, was das Ja von Volk und Ständen zur Minarettverbots-Initiative und das Ja des Schweizervolkes zur Ausschaffungsinitiative bezeugten…

Ein Volksentscheid, getroffen im Rahmen unserer direkten Demokratie, wird vom Herrn Professor und Chefgutachter des Bundesrates also einem der schlimmsten Verbrechen unserer Zeit gleichgestellt!

Ob der Herr Professor, der sich seinen keineswegs kleinlich bemessenen Lohn aus öffentlicher Kasse, also von Steuerzahlern bezahlen lässt, die er auf die gleiche Stufe stellt wie einen siebzigfachen Mörder, künftig wenigstens darauf verzichtet, sich von diesem Schwerstverbrechern gleichgestellten Volk weiterhin luxuriös salarieren zu lassen?

Ulrich Schlüer

 

29.07.2011 | 2491 Aufrufe