Der damalige St.Galler Polizeihauptmann wird seit Jahren als Held gefeiert, weil er – entgegen den Vorgaben aus Bern – vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs jüdische Flüchtlinge in die Schweiz gelassen hat. Begründung: er habe sie vor dem sicheren Tode gerettet. Stimmt dies ? Hält diese Aussage vor einer unverklärten historischen Aufarbeitung stand?

War es denn damals (vor Kriegsausbruch) nicht vielmehr so, dass die Nazis die Juden zwar schwer drangsalierten und à tout prix loswerden wollten, aber noch nicht systematisch in Lager steckten, und – wie später – umbrachten ? War’s nicht vielmehr so, dass in eben dieser Zeit die Juden ohne Hinderung durch die Nazis auswandern konnten (ja nach dem Wunsch der Nazis gar hätten sollen!), wann immer es für sie ein Aufnahmeland gab, und dass viele andere Staaten sich der Aufnahme von Juden widersetzten ?

Diese Frage wäre meines Erachtens historisch eingehender zu prüfen. Denn sollte es so gewesen sein, dann hätte Paul Grüninger vor allem den Nazis einen Dienst erwiesen (dadurch, dass er es ihnen erleichterte, die Juden „loszuwerden“), und auch all jenen vielen anderen Staaten, welche im damaligen Zeitpunkt die Juden nicht aufnehmen wollten. So etwa die USA. Gerade die USA hätten damals gefahrenlos mehr Juden aufnehmen können als die Schweiz, die jederzeit befürchten musste, von Hitlers Armeen überfallen zu werden. Dass Bern bei der Aufnahme von Juden damals zurückhaltend war, mag man der damaligen Regierung aus heutiger Sicht vorwerfen. Der Vorwurf ist billig, weil er den zeitgeschichtlichen Zusammenhang der damaligen Entscheide ausser Acht lässt.

Rolando Burkhard,
Bern

19.02.2013 | 2395 Aufrufe