Läge die für mehrere Wochen unpassierbare, für den Europa-Eisenbahnverkehr unverzichtbare Bahnstrecke in der Schweiz, so hätte unser Verkehrsdepartement längst eine mit herrischem Kommentar unterlegte Millionenklage aus Berlin oder Brüssel am Hals.

Kommentar «Spalte rechts», Ausgabe vom 15. September 2017

Aber die eingebrochenen Bahngleise liegen im deutschen Rastatt. Der Einsturz des Geleise-Fundaments dort ist keineswegs Folge einer Naturkatastrophe. Wer deutsche Medien dazu verfolgt, realisiert rasch: «Das Unglück war absehbar» – ebenso wie «der Mangel an Ersatzstrecken» (Spiegel 34/2017).

Pfusch und Verantwortungslosigkeit also! Und daraus resultiert wochenlanger Unterbruch der wichtigsten Güterstrecke in Europa – ohne eine wenigstens halbwegs funktionierende Umfahrungsmöglichkeit.

Nur Doris Leuthard – gleichzeitig Verkehrsministerin und Bundespräsidentin – scheint die deutsche Schlamperei auf die leichte Schulter zu nehmen: Ist ihr persönliches «Outfit» (in weniger gestelzter Sprache: ihre Garderobe) wichtiger als ihre Verantwortung für funktionierenden öffentlichen Güterverkehr? Ist ihr die fahrlässig verschuldete Verkehrskatastrophe gleichgültig, obwohl sie Lieferanten und Empfängern von Gütern Millionenschäden verursacht?

Zugegeben: Frau Leuthard hat Berlin mittels nettem Brieflein unterdessen «zum Handeln aufgefordert». Damit niemand sagen kann, sie hätte auf das Verkehrsversagen der Deutschen nicht reagiert. Seit dem Brieflein geschieht aber nichts mehr. Sollen also allein die Betroffenen des deutschen Versagens für den eingetretenen Schaden aufkommen? Meint Frau Leuthard, dass, wer Güter per Bahn befördere, selber schuld sei, wenn die Bahn infolge Schlamperei ausfällt?

Dass Deutschland vor allem auch der Neat-Erbauerin Schweiz gegenüber vertragliche Verpflichtungen leichtfertig bricht, kümmert die sich so gerne im Rampenlicht der Grossen in schicker Garderobe ins Szene setzende Bundesrätin offenbar wenig – zumal sie bereits heute ihren in etwa zwei Jahren stattfindenden Rückzug aus der bundesrätlichen Verantwortung in Aussicht gestellt hat. Will sie bis dahin nur noch Macht und Medienanhimmelei geniessen? Glaubt sie, energische Wahrnehmung schweizerischer Interessen gegenüber Berlin passe nicht zu ihrer Garderobe?

Ulrich Schlüer

14.09.2017 | 1226 Aufrufe