Hat er nun gegessen oder nicht?

Vor 600 Jahren wurde Niklaus von Flüe (1417–1487) geboren. Landauf und landab gedenkt man im Jubiläumsjahr 2017 des Einsiedlers vom Ranft mit diversen Veranstaltungen – auch mit Theatern, Filmen und Kunstaktionen.

von Dr. phil. Daniel Regli, Kulturhistoriker, Zürich

Es gibt zudem poetische Betrachtungen, Gottesdienste, Inspirationen für Mandalas, Klangperformances und Gebetsfahnen. Der Heilige wird als Engel des Friedens gefeiert. Dies unter Aufsicht eines Patronatskomitees mit nationalen und kantonalen Parlamentariern, mit Kirchenfürsten, Vertretern des Bundesamtes für Kultur, von Pro Helvetia und andern Ämtern und Institutionen.

Der Weg in den Ranft

Die Agenda der Gedenkanlässe auf www.mehr-ranft.ch zeigt, dass sich die Veranstaltungen primär mit dem Wirken des Eremiten befassen. Man gedenkt des Mystikers, des Visionärs, des selbstlosen Beters und Menschenfreunds, des politischen Beraters und Friedensstifters. So feiert man eine ausserordentliche Persönlichkeit, deren Vorbild es bei aktuellen politischen, sozialen und kirchlichen Herausforderungen nachzuahmen gilt.

Das ist zweifellos löblich. Unsere Gesellschaft profitiert davon, wenn Menschen sich bemühen, friedlich, fromm und anteilnehmend zu leben. Doch wird man Bruder Klaus gerecht, wenn die Jubiläumsfeiern die Frage nach dessen «Wunderfasten» geflissentlich umgehen?
Natürlich haben schon die Zeitgenossen von Bruder Klaus kritische Fragen gestellt. Dass sich da ein Laie plötzlich wie ein «Heiliger» gebärdete, löste Irritationen aus. Niklaus war ja eine allseits bekannte Person in Obwalden. Hochangesehener Bauer mit zehn Kindern, ehemaliger Soldat, Richter und Ratsherr, dem man schon in jungen Jahren vergeblich das Amt des Landammans angetragen hatte.

Dann trennt sich Klaus als Fünfzigjähriger von seiner Familie und verkriecht sich einige hundert Meter von seinem Wohnhaus entfernt im Wald. Als Jäger ihn finden, geht die Kunde von seiner «Nahrungslosigkeit» schnell durchs Land. Ein Heiliger, der nicht isst und trinkt, das musste man gesehen haben. Bald pilgern erste Besucher in den Ranft, um Bruder Klaus zu treffen.

Frommer Betrug?

Der Obwaldner Rat wollte keinem frommen Betrug aufsitzen und veranlasste eine Prüfung des Sachverhalts. Heinrich Wölflin (1470–1532) berichtet 1501:

«So wurden denn durch Ratsbeschluss Wachtmänner aufgestellt. Die ganze Ranftschlucht wurde peinlichst überschaut, damit kein Mensch weder zu ihm noch von dem Diener Gottes gelangen konnte. Durch einen ganzen Monat wurde die Wacht mit grosser Strenge durchgeführt. Man fand auch nicht das Kleinste, was eitle Prahlerei oder religiöse Heuchelei verraten hätte.»

Auch die Kirche war nicht bereit, den Laien Niklaus von Flüe ungesehen als Heiligen durchgehen zu lassen. Der Einsiedler wurde durch den Weihbischof von Konstanz inquisitorisch geprüft. Nachdem der Bischof befunden hatte, die Nahrungslosigkeit sei echt, verbreitete sich der Ruf von Bruder Klaus rasch im ganzen Land und weit darüber hinaus. Er wurde zur grossen Sensation seiner Zeit. Scharen von Besuchern strömten in den Ranft. Der Ansturm war so gross, dass die Obrigkeit die Besuchszeiten dann und wann einschränken musste.

Der Landesvater

Nicht nur als Asket, auch als Seelsorger und politischer Ratgeber erlangte Bruder Klaus weit ausstrahlende Berühmtheit. Schuldbeladene und Gottessucher wollten mit ihm sprechen. Die Regierungen von Bern, Luzern, Solothurn, Konstanz, ja sogar die Herzöge von Österreich und Mailand, haben Bruder Klaus mehrfach als politischen Berater in Anspruch genommen.

Zum Landesvater wurde er, als er 1481 die Schweiz in hochexplosiver Zeit vor einem Bürgerkrieg bewahrte. Sein langjähriger Freund, Heyni Amgrund (1449–1493), Pfarrer in Stans, überbrachte den verfeindeten Städten und Landorten den Friedensappell des Einsiedlers im Ranft. Am 22. Dezember 1481 läuteten die Friedensglocken im ganzen Land. Den heimkehrenden Abgeordneten der Tagsatzung wurde gemäss Protokoll aufgetragen, zu Hause zu erzählen, welche «Treu, Müh und Arbeit der fromme Mann Bruder Klaus in diesen Dingen getan hat.»

Ursache und Wirkung

Die Quellen der damaligen Zeit lassen keinen Zweifel: Die Anziehungskraft von Bruder Klaus begründete sich zunächst in seiner Nahrungslosigkeit. Nicht seine mystischen Visionen und auch nicht seine hilfreichen Ratschläge lockten die Menschen anfänglich in den Ranft. Die Menschen kamen in Scharen, weil sie von der übernatürlichen Wirksamkeit Gottes im Leben des Eremiten gehört hatten.

Seinem Freund Heyni Amgrund berichtete Bruder Klaus über die Ursache seines Fastens: Nachdem er 1467 seine Familie verlassen habe, «wäre ein Glanz und ein Schein vom Himmel gekommen; der hätte ihm am Bauche aufgetan, wovon ihm so weh wurde, als ob ihn einer mit einem Messer aufgehauen hätte.» Nach diesem Erleben hat gemäss dem Sachseler Kirchenbuch das fast 20-jährige Fasten begonnen.

Im Sachseler Kirchenbuch sammelte Pfarrer Walther Toub ab 1488 unter anderem persönliche Berichte von nahen Verwandten und Bekannten über Bruder Klaus. Am unmittelbarsten berichteten zwei Söhne – einer davon Landamman in Obwalden – sodann zwei Jugendfreunde von Niklaus und die beiden Pfarrherren Oswald Yssner (Kerns) und Heyni Amgrund (Stans).

Auf Grund dieser Berichte und einer Vielzahl von persönlichen Gesprächen veröffentlichte Heinrich Wölflin im Jahre 1501 im Auftrag der Obwaldner Regierung die erste Biografie über den wundersamen Einsiedler.

Natürlich steht es jedem frei, die Nahrungslosigkeit des Niklaus von Flüe als Wunder zu deuten oder als fromme Legende abzutun. Dass sich die Organisatoren der Jubiläumsanlässe entschieden haben, die zentrale Frage möglichst unangetastet zu lassen, ist jedoch bedauerlich. Gewiss, Wunder sind ein sperriges Thema. Doch einfach der Sprachlosigkeit zu verfallen, ist kein Bravourstück. Veranstalter, die 2017 eines radikal mutigen Menschen wie Bruder Klaus gedenken, hätten mehr Mut an den Tag legen und auch auf die Frage eingehen können: Hat er nun gegessen oder nicht?

Daniel Regli

27.04.2017 | 3687 Aufrufe