Der Artikel der Sonntagszeitung vom 29. Oktober 2011 mit dem Titel «Chindsgi-Schüler: 30 Prozent sollen in die Therapie» ist falsch und irreführend. Erstens sind Abklärungen und Reihenuntersuchungen im Kindergarten keine Therapien, sondern in erster Linie Prävention, weil frühe Massnahmen, die grössten Erfolgschancen für Therapien bieten. Zweitens führt nicht jede Abklärung zu einer Therapie. Im Durchschnitt brauchen ca. vier bis fünf Prozent aller Schüler Therapien. Dieser Prozentsatz ist seit Jahren gleich geblieben.

Der angebliche Zuwachs von Therapien in den letzten Jahren ist auf folgende Ursachen zurück zu führen: Mit dem Inkrafttreten der NFA vom 01.01.2008 hat der Bund die IV-Abklärungsstellen für Logopädie aufgehoben und die Zahlungen eingestellt. Bisher private Therapien (auch diejenigen der Privatschulen) und Kosten mussten nun von den Kantonen bzw. den Schulen übernommen werden. Jedes Mal wenn der Bund Subventionen streicht, wird von einem Kostenschub gesprochen (siehe Krankenkassen), dabei handelt es sich um Mindereinnahmen.

Die Schliessung von Sonderschulen, Kleinklassen, Sprachheilkindergärten usw. im Rahmen der sogenannten Integration mit ihren spezialisierten Pädagogen hat ebenfalls zu einer Verschiebung geführt. Die Klassenlehrer können diese Spezialisten nicht ersetzen, weil ihre Zeit pro Kind in den nun sehr heterogenen Klassen beschränkt ist und sie nicht spezialisierte Erfahrungen auf allen Gebieten haben können.

Wenn ernste Sprach- und Verständnisschwierigkeiten nicht in den ersten Schuljahren behoben werden können, wird das Lernen in sämtlichen Fächern verunmöglicht. Die Chancen für eine Berufslehre sind gleich null, für eine Gewalt- oder Drogenkarriere und eine IV-Jugendrente jedoch erheblich. Langfristig betrachtet, sind Therapien und Prävention bei weitem die kostengünstigere Variante.

Peter Aebersold,
Zürich

30.11.2011 | 1203 Aufrufe