Volksschule: Neuer Schub für uferlose Reformitis
Lernen nach Lust und Laune

Von Willi Villiger, Eggenwil AG

Im Kanton Zürich haben die Stimmbürger die «Grundstufe» deutlich bachab geschickt. Das Nein galt der ungezügelten «Reformitis».

Trotzdem steht der Volksschule 2013 ein weiteres «Reformitis»-Jahr bevor: Der schweizweit verbindliche «Lehrplan 21» wird lanciert – einer neuen Bildungsideologie verpflichtet, dem «Konstruktivismus».

Die «Schweizerzeit» hat einen erfahrenen Oberstufenlehrer, Willi Villiger aus dem aargauischen Eggenwil, gebeten, diesen auf Anhieb unverständlichen Begriff «Konstruktivismus», so wie er die Volksschulplanung heute beherrscht, den «Schweizerzeit»-Lesern zu erklären:

Konstruktivismus

Lustprinzip verdrängt Leistungsforderung 
Die konstruktivistische Lerntheorie geht davon aus, dass der Schüler sich im Verlauf der Schullaufbahn seine eigene Denkwelt konstruiert. Dieser Lernprozess wird als selbstgesteuert verstanden. Es wird behauptet, dass durch entdeckendes Lernen wirksamer gelernt werde als durch Belehrung und gelenkten Unterricht.

Lehrer nur noch Lernbegleiter
Der Lehrer hat dabei hauptsächlich die Funktion eines Lernbegleiters. Er überträgt dem Schüler Verantwortung in Bezug auf Lernziele, Lerntempo und Methoden. Aus dieser veränderten Sichtweise ergibt sich die im «konstruktivistischen Lernmodell» geforderte Kompetenz-Orientierung, welche konsequent auf einen anwendungsorientierten Unterricht abzielt.

Dass diese grundlegende Abkehr vom traditionellen Unterrichtsverständnis nicht ohne Folgen bleiben kann, liegt auf der Hand. Die einseitige Ausrichtung auf diese mittlerweile zum didaktischen Dogma erhobene Unterrichtsmethode zeitigt Auswirkungen auf sämtliche Bereiche der Volksschule:

Leistungsabbau
Zweifelsfrei geht mit diesem Wechsel ein massiver Leistungsabbau einher, was die Unterrichtsinhalte betrifft. In jüngster Zeit wurden in allen wichtigen Fächern zahlreiche Inhalte gestrichen. Im Vergleich zwischen konstruktivistischen und früheren Lehrmitteln lässt sich dies leicht belegen.

Da der Konstruktivismus das Üben tendenziell als geisttötenden Drill diskreditiert, fehlt Übungsmaterial geradezu systematisch in den modernen, auf den Lehrplan 21 ausgerichteten Lehrmitteln. Bereits haben private Verlage diesen Missstand als Geschäftsmodell entdeckt und bieten parallel zu den unbrauchbaren, aber obligatorischen «offiziellen» Lehrmitteln Übungsmaterial für teures Geld an.

Methodenzwang
Die einseitige Ausrichtung der Lehrmittel auf den Konstruktivismus bedeutet eine erhebliche Beeinträchtigung der Methodenfreiheit, denn mit dem Lehrmittelzwang geht auch ein Methodenzwang einher. Es wird dem Unterrichtenden verunmöglicht, seine Methoden an die unterschiedlichen Lerntypen, Themen, Alters- und Leistungsstufen anzupassen. Schlimmer noch: Konstruktivistische Lehrmittel drängen den Unterrichtenden förmlich aus dem Lernprozess der Kinder hinaus, da diese ja laut Theorie «eigenverantwortlich» zu lernen haben.

Auf Lehrer, welche mit ihren Schülern solide und effiziente Arbeit leisten wollen, wirken diese Lehrmittel und die entsprechenden Lehrpläne wie Knüppel zwischen den Beinen: So mancher Lehrer muss sich passende Unterrichtsprogramme aus anderen Lehrmitteln und aus dem Internet zusammenkopieren, weil die verordneten Lehrmittel nicht zu ergebnisorientiertem Lernen führen.

Überforderung der Schwachen
Eine Lehrerbildung, welche sich einer konstruktivistischen Pädagogik verschrieben hat, vernachlässigt das Trainieren erfolgreichen und ergebnisorientierten Unterrichtens.

Besonders die  schwächeren Schüler sind angewiesen auf einen verantwortungsvoll und umsichtig geführten Unterricht, welcher die Schüler nicht einfach sich selber überlässt.

Fazit

Der Konstruktivismus ersetzt das Leistungsprinzip durch das Lustprinzip: Wer das Leistungsniveau der Schule während der gesamten Schullaufbahn hauptsächlich abhängig macht von der Eigenmotivation der Schüler, der darf sich nicht wundern, wenn die Resultate am Schluss zu wünschen übrig lassen.

Willi Villiger

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Etwas salopp gesagt: «Wissen» und «Können» wird im dem Konstruktivismus verpflichteten Unterricht zweitrangig. Der Schüler muss Stoff – aus dem Internet bezogen – «nur noch anwenden».

Ob sich Eltern finden lassen, die ehrlich glauben, solche Unterrichtsweise vermittle ihren Kindern Bildung, Berufs- und Lebenstauglichkeit?

 

 

19.12.2012 | 2877 Aufrufe