Ich stimme mit Ihren Ausführungen in der neuesten Ausgabe des "Bildungskompass" grundsätzlich überein. Als ehemaliger Bezirkslehrer in Baden und zeitweiliger Rektor dieser progymnasialen Schule und als gleichzeitiger Lateinlehrer am Seminar Wettingen (später Kantonsschule) habe ich während über dreissig Jahren umfassende pädagogische Erfahrungen sammeln können. Heute bin ich auch überzeugt, dass die Abschaffung der auf Allgemeinbildung und pädagogische Praxis ausgerichteten Lehrerseminare und deren «Ersatz» durch Pädagogische Hochschulen – natürlich nach deutschem Vorbild – ein grosser Fehler war.

An die Stelle der «Lehrer-Lehre» trat die schwatzbudenmässige Theoretisierung mit stundenlangen psychologischen und pädagogischen Erörterungen, die meistens in eine Art «Glaubenskrieg» ausarteten. Das Lehrersein kann eigentlich gar nicht gelernt werden, entweder ist man dafür begabt oder eben nicht. Und diese Begabung ist in der Persönlichkeitsstruktur angelegt mit ihrer unerklärlich ausstrahlenden Autorität.

Sie wird angereichert durch eine umfassende Bildung, welche, wie wir wissen, auf verinnerlichtem Wissen beruht und eine unerschöpfliche geistige Schatzkammer darstellt, welche von den Schülern instinktiv erfühlt wird und deren Respekt bewirkt. Wer darüber verfügt, braucht keine Zuchtrute mehr, bereits sein Auftreten in der Klasse sorgt für respektvolle Aufmerksamkeit.

Für den progymnasialen Lehrer (Bezirksschule, Sekundarschule, Progymnasium) ist nach dem Primarlehrer-Diplom oder der Maturität eine universitäre, d.h. wissenschaftlich ausgerichtete Weiter-Ausbildung nötig, die dann von selbst auf die erwähnte Schulstufe zurückstrahlt, was die Schüler wiederum instinktiv herausspüren: ausgeprägtere Persönlichkeit. Was heute in den Volksschulen aller Stufen weitgehend betrieben wird, ist sogenannte Spielerei ohne sportsmässiges Training, Unterhaltungskomödie und Kompensationsbetrieb für die in modernen Haushalten entstandenen elterlichen Erziehungsdefizite.

Hans Vögtlin
Baden AG

08.02.2012 | 1697 Aufrufe