Rollstühle: Millionengeschäft auf Kosten der Steuerzahler
Kommt der Stein ins Rollen?

Von Ulrich Schlüer, Chefredaktor «Schweizerzeit»

Die alljährlich jeden Versicherten spürbar treffende Erhöhung der Krankenkassenprämien ist in der Schweiz längst zum etablierten Polit-Ärgernis geworden.

Kein Kraut scheint gewachsen gegen die Jahr für Jahr markant steigenden Prämien im längst zum Chronischkranken mutierten Gesundheitswesen der Schweiz. Unermüdlich wird der Öffentlichkeit vorgerechnet, wie die sich laufend erhöhenden Ansprüche ans Gesundheitswesen dessen Kosten alljährlich in die Höhe treiben.

Während andere resignieren, ist die «Schweizerzeit» auf einen Missstand aufmerksam geworden, der, würde er zügig korrigiert, das Gesundheitswesen der Schweiz jährlich um weit mehr als eine Milliarde Franken entlasten würde. Jeder Prämienzahler könnte davon eine spürbare Senkung seiner Prämienbelastung erwarten.

Überteuerte Hilfsmittel

Ausführlich dokumentiert wird der entdeckte Tatbestand in einer Sendung des «Schweizerzeit»-Magazins, das heute Freitag, 16. November 2012, ab 21.00 Uhr vom Privatsender «Schweiz 5» (Wiederholung: Sonntag, 18. November, 15.00 Uhr, aufgeschaltet auf www.schweizerzeit.ch ab Montag, 19. November 2012) ausgestrahlt wird.

In dieser Sendung werden schlechterdings unglaubliche Margen im Handel mit Hilfsmitteln für Kranke und Invalide, also mit Rollstühlen, Spitalbetten, Rollatoren, aber auch mit allem sanitarischen Gebrauchsmaterial (Verbandstoff, Tupfer, Windeln usw.) dokumentiert, wie es in Klinken, Spitälern, Pflegeheimen täglich in bedeutenden Mengen genutzt wird.

Die im aargauischen Oberwil-Lieli domizilierte Firma Careproduct AG, geführt vom Aargauer SVP-Grossrat Andreas Glarner, ist den schlicht skandalösen Preisen in diesem geschützten «Markt», wo Gewinnmargen von hundert, zweihundert, manchmal noch mehr Prozent durchaus die Regel sind, auf die Spur gekommen.

Würden diese Margen auf «normales» Mass – also noch immer erklecklichen Gewinn garantierend – zurückgenommen, würden sich die jährlichen Kosten für all dieses grossenteils von den Krankenkassen oder von der Invalidenversicherung bezahlte Material, das die Bürger mit teuren Prämien und mit hohen Steuern belastet, um weit mehr als eine Milliarde Franken senken lassen.

Wesentlicher Kostenfaktor

Wussten Sie, geschätzte Leserin, geschätzter Leser, dass in der Schweiz derzeit jährlich fünfzigtausend Rollatoren in Betrieb genommen werden? Allein für diese Geräte könnten die Kosten, ohne dass ein Lieferant dem Hungertuch ausgeliefert würde, um jährlich über zehn Millionen Franken gesenkt werden. Sie könnten nicht nur, sie müssten gesenkt werden, würde sich je irgend jemand – sei es eine staatliche Kontrollstelle, sei es die Verwaltung einer Krankenkasse, sei es der Preisüberwacher, sei es eine Patientenorganisation – ernsthaft mit diesen schlicht schamlosen Gewinnmargen beschäftigen.

In der Schweiz verursachen die in Spitälern, Pflegeheimen und Kliniken täglich benötigten Gebrauchsartikel pro Patient genau doppelt so hohe Kosten als in Deutschland. Das hat gar nichts mit dem starken Franken zu tun. Die überhöhten Kosten ergeben sich allein aus den schlicht skandalösen Gewinnmargen, die für diese Artikel die Regel sind.

Kostentreiber

Wie konnte es denn zu solch in ihrem Ausmass unglaublichen Marktverzerrungen kommen? Ganz einfach: Die Preise für sanitarische Hilfsgeräte und Gebrauchsartikel werden von den in einem Verband zusammengeschlossenen Hauptlieferanten zusammen mit dem Bund festgelegt. Faktisch herrscht ein Preisdiktat, das von den Bundesstellen nie sorgfältig untersucht, bis heute vielmehr schlicht und einfach abgenickt worden ist. Nie hat irgend eine Stelle die von Lieferanten und Bund fixierten Preise je ernsthaft hinterfragt.

An diesem Beispiel zeigt sich eines der bedenklichsten Krankheits-Symptome unseres staatlich korsettierten Gesundheitswesens: Niemand – weder Ärzte noch Spitäler, weder Krankenkassen noch Invalidenversicherung, weder Patientenorganisationen noch Industrie – entwickelt im Gesundheitswesen echtes Sparinteresse, jeder am Markt Beteiligte weiss, dass letzten Endes der Staat, also die Öffentlichkeit selbst für nicht mehr bezahlbare Preise aufkommen muss. So entfällt jeder Spardruck.

Anerkennenswerte Leistung

Es ist das grosse Verdienst des Aargauer Grossrats und Unternehmers Andreas Glarner, diesen offensichtlich mit staatlichem Segen kartellierten Missbräuchen bei der Preisgestaltung für sanitarische Hilfsmittel auf die Spur gekommen zu sein.

Die einschlägigen, im Ausmass der Gewinnmargen unglaublichen Zahlen werden im «Schweizerzeit»-Magazin vom 16. November um 21.00 Uhr im Sender Schweiz 5 einzeln dokumentiert und ausführlich hinterfragt. Nebst Andreas Glarner kommentiert Nationalrat Toni Bortoluzzi, erfahrener Gesund-heitspolitiker, die festgestellten Missstände.

Die Dokumentation all der Missbräuche müsste, wenn die entsprechenden Institutionen ihren Aufträgen und ihrem Ruf gerecht werden wollen, zumindest Preisüberwacher und Patientenorganisationen auf die Barrikaden bringen. Und selbst Staatsfunktionäre müssten, wenn sie ihre Aufgabe im Dienst der Öffentlichkeit nur im entferntesten ernst nehmen, veranlasst werden, die sofortige Entlastung der Prämienzahler durch rasche Korrektur der von den direkt beteiligten Interessenvertretern durchgesetzten Gewinnmargen zügig einzuleiten.

Wir sind gespannt, ob die entdeckten Missbräuche den Stein endlich ins Rollen zu bringen vermögen.

Ulrich Schlüer

 

16.11.2012 | 4598 Aufrufe