Die Sozialhilfe wurde in der Schweiz der Kesb unterstellt und ebenso perfektionistisch wie radikal zentralisiert. Der «Fall Boris» – die verheerende Bürokratisierung eines aus Belarus eingewanderten schwererziehbaren Schülers – 
illustriert die Katastrophe, welche aus der Zentralisierung der Sozialhilfe resultiert. Diese Katastrophe wurde in der Schweiz, nicht in Belarus verschuldet.

Kommentar «Spalte rechts», Ausgabe vom 26. Mai 2017

Weil der Stiefvater dem Knaben möglicherweise einmal eine Kopfnuss verabreicht hatte, hat die Kesb mit voller Wucht zugeschlagen: Der Mutter wurde die elterliche Zuständigkeit entzogen. Boris wurde zum «Fall» erklärt und einer Beiständin unterstellt. Diese füllt seither Ordner um Ordner mit den Dokumentationen reihenweise fehlgeschlagener Therapien mit Boris.

Gesehen hat ihn die Beiständin – weil sie über hundert Beistandschaften zu administrieren habe – nahezu nie. Und wenn, dann nur kurz. Funktionäre verwalten und vermehren «Fälle». Weil «Fälle» den Bürokraten Einkommen sichern. Und «Überlastung» verursachen – womit weiteren Sozialbürokraten attraktive Funktionärsstellen zugeschanzt werden können – und die Vorherrschaft der Verwaltungsbürokratie über die Politik weiter zementiert wird.

Als noch Gemeindebehörden, vom Volk gewählte Behördenmitglieder, für die Fürsorge zuständig waren, wurden jene, die Hilfe benötigten, einzeln betreut – orientiert an ihren persönlichen Problemen und Bedürfnissen. Mit dem Ziel, vorhandene Probleme zu lösen, Notlagen zu beseitigen – nicht bloss administrativ von der systematisierten Sozialbürokratie zu erfassen und zu verwalten, – wie das heutzutage im zentralisierten Komplex durch die Kesb frei von aller Rechenschaftspflicht abläuft.

Einzelfall-Betreuung garantiert persönliche, damit auch menschliche, aber auch lösungsorientierte Betreuung – nicht bloss auf Einheitlichkeit ausgerichtete Administration aktenkundiger Fälle, die vor allem Ordner-Regale füllen. Wer sich um den konkreten Einzelfall kümmert, findet am ehesten tragbare, menschliche Lösungen. Wer bloss «Fälle» verwaltet, bläst zwar die Funktionärsbürokratie auf – lässt seine Opfer aber menschlich verkümmern.

Ulrich Schlüer

24.05.2017 | 1712 Aufrufe