Der aktuelle Freitags-Kommentar der «Schweizerzeit» vom 26. Oktober 2012

Billionen-Ausgaben hier – Billionen-Investitionen dort
«Kaili»: Schon einmal gehört?

 Von Ulrich Schlüer, Chefredaktor «Schweizerzeit»

Auch wenn Sie einen umfangreichen, eher teuren Reiseführer von China, der 2010 oder früher erschienen ist, besitzen, werden Sie Mühe haben, darin den Namen der Stadt Kaili überhaupt zu finden.

Bis vor zwei Jahren war Kaili ein unbedeutendes Provinznest in Guizhou, der ärmsten Provinz Chinas – zweieinhalb Flugstunden im Südwesten von Shanghai, eine Flugstunde nordwestlich von Hongkong gelegen. Mit etwas über 400‘000 Einwohnern war Kaili zwar grösser als Zürich, angesichts der über hundert Millionenstädte in China allerdings tatsächlich nichts anderes als ein gesichtsloses Nest unter vielen, weitab vom Wirtschaftsmotor Chinas ein eher kümmerliches Dasein fristend.

Überbordender Güterverkehr

Wer heute von der Provinzhauptstadt Guiyang her in Richtung Kaili unterwegs ist, erlebt abenteuerliche zwei Stunden: Auf dem ganzen Weg überholt er zu jeder Tages- und Nachtstunde eine kaum je abreissende Karawane hoch beladener Sechzigtönner-Sattelschlepper, die in recht hohem Tempo Richtung Kaili unterwegs sind. Über lange Strecken verläuft parallel zur Autobahn auch die Eisenbahn-Linie. Güterzug um Güterzug, mit mehreren Lokomotiven bespannt, meist mehr als fünfzig Wagen schleppend, windet sich durch enge Täler dem Provinznest Kaili entgegen.

Kaili liegt in gebirgiger Gegend, inmitten unzähliger der für Südchina so typischen kegelförmigen Berge, an einer Stelle, wo sich mehrere enge Seitentäler zu einem grösseren Tal vereinigen. Nicht der Form der Berge, wohl aber der engen Täler wegen kann man die Region Kaili allenfalls mit dem oberen Tösstal oder mit dem oberen Emmental vergleichen. Liegt das Zentrum von Kaili auf rund siebenhundert Metern Höhe, so erreichen die steilen, oben regelmässig abgerundeten Kegelberge Höhen zwischen etwa zwölf- und siebzehnhundert Metern. Wahrhaftig keine geeignete Gegend, eine Grossstadt zu errichten.

Ein Wirtschaftszentrum entsteht

Aber Kaili verwandelt sich innert weniger Monate tatsächlich in eine Grossstadt. In Kaili dürfte sich derzeit die weltweit grösste Baustelle befinden. Eine Baustelle von rund achtzig Kilometern Länge und auch einige Dutzend Kilometer breit.

Was ist denn in Kaili geschehen, dass dieses Provinznest innert Monaten zum Wirtschaftszentrum ausgebaut wird – nahezu explosionsartig?

In Kaili wurden reiche Rohstoffvorkommen entdeckt: Zinn, Mangan und insbesondere das für die Aluminiumherstellung erforderliche Bauxit soll dort reichlich im Boden liegen. Beijing fasste mit Ziel der Ausbeutung dieser Rohstoffvorkommen einen Beschluss, wie er derzeit wohl bloss in China denkbar ist. Es ist das erklärte Ziel der chinesischen Regierung, die stürmische Wirtschaftsentwicklung Chinas nicht nur der Ostküste, nicht nur der Linie Hongkong-Shanghai-Beijing vorzubehalten. Auch das Landesinnere, auch der Westen, auch der arme Südwesten sollen vom Wirtschaftsaufschwung profitieren.

So fiel der Beschluss, dass Kaili eines der zehn bereits existierenden oder für die nahe Zukunft geplanten grossen Wirtschaftszentren Chinas werden soll. Bereits 2025, in dreizehn Jahren also, soll die Region Kaili ein Wirtschaftsaufkommen erreichen, das jenem eines mittleren EU-Landes wie etwa Spaniens entspricht.

Da werden Berge versetzt

Schlicht unglaublich, mit welcher Energie China die Verwirklichung seines Ziels vorantreibt. Buchstäblich tausende Baumaschinen, teilweise wahre Ungetüme, sind im Dauereinsatz.

Unmöglich Scheinendes wird Tatsache: Weil ein Wirtschaftszentrum mit Hunderten von Fabrikationsanlagen, mit umfassenden Dienstleistungseinrichtungen, mit leistungsfähigen Transportachsen, Kreuzungen, Bahnhöfen, mit zwei Universitäten usw. in engen Tälern kaum angesiedelt werden kann, werden effektiv ganze Berge versetzt. Mehrere der in Kaili stehenden Kegelberge sind bereits vollständig abgetragen, bei weiteren ist die Abtragung im Gang. Auf einer Höhe von siebenhundert Metern entsteht eine riesige, vollkommen ebene Fläche. Die zwischen den abgetragenen Bergen liegenden Täler werden aufgefüllt. Man traut, wenn man diese Baustelle erblickt, seinen Augen kaum.

Aber man sieht keineswegs bloss eine weite Fläche. Bereits schiessen Wolkenkratzer in die Höhe, bereits entstehen grosse Fabrikationsanlagen. Diese werden mit breiten Strassen und selbstverständlich auch mit Energie zügig erschlossen. Das ganze Gebiet Kaili wird aus allen Richtungen mit schnurgeraden Autobahnen, mit leistungsfähigen Eisenbahn-Linien verkehrstauglich gemacht. Kaili wird ans Netz der Hochgeschwindigkeitszüge Chinas angeschlossen. Schlicht unglaublich, was da alles innert kurzer Zeit entsteht.

Billionen hier – Billionen dort

Billionen-Beträge werden investiert. Eine bauliche Parforce-Leistung weltweit nicht vergleichbaren Ausmasses wird in Kaili von China finanziert. Entnommen werden die dafür erforderlichen Billionen-Investitionen den reichen Währungsreserven Chinas – Zeugnis des dort laufenden Wirtschaftsaufschwungs. Kaili entsteht aus Erspartem, aus Reserven, die demnächst wirtschaftlich nutzbare Grossanlagen Wirklichkeit werden lassen. Hunderttausende werden darin dauerhafte Arbeitsplätze finden.

Billionen-Investitionen? Von solchen Zahlen spricht man neuerdings doch auch in Europa. Allein 2012 haben die Funktionäre der EU etwa drei Billionen Euro der Europäischen Zentralbank (EZB) entnommen und zur Krisenbewältigung eingesetzt. Nur kann die EU ihre Billionen nicht angesparten Reserven entnehmen. Sie schafft, nur noch Schuldenlöcher ausweisend, Billionen aus dem Nichts. Via Notenpresse. Trotz bereits massloser Verschuldung setzt die EZB Billionen frei, um damit «in unbegrenztem Ausmass» – und erst noch vertragswidrig – Staatspapiere bankrotter Euro-Staaten wie Griechenland, wie Spanien und anderer Länder aufzukaufen.

Europas Billionen fliessen in ein Fass ohne Boden. Kaili investiert gleichzeitig Billionen in Wirtschaftsaufschwung, in Arbeitsplätze. Die EU verbratet Billionen, nur um ein von dem Zentralismus verfallenen Funktionären erfundenes, marktuntaugliches Konstrukt namens Einheitswährung Euro am Leben zu erhalten. Eine Fehlkonstruktion, die Europas Süden bitterste Armut, Europas Norden unbezahlbare Lasten aufbürdet.

Wird angesichts der Billionen-Investitionen dort und des Billionen-Verbratens hier nicht deutlich, weshalb sich Europa, weshalb sich die den EU-Funktionären ausgelieferten Menschen hier in Europa vor den Chinesen tatsächlich fürchten müssen?

Ulrich Schlüer


26.10.2012 | 3629 Aufrufe