Reisenotizen aus Zentralasien (2. Teil)

Reisenotizen sind persönliche Notizen. Sie können nicht als repräsentativ eingestuft werden, da sie teilweise von Zufälligkeiten bestimmt werden. Trotzdem: Wer mit offenen Augen und Ohren reist, kann Beobachtungen vermitteln, die etwas aussagen.

Reisenotizen von Ulrich Schlüer, Verlagsleiter «Schweizerzeit»

Islam im Alltag

Als Usbekistan, Tadschikistan, Kirgistan und Kasachstan noch Teile der Sowjetunion waren, war Religionsausöbung verboten. Zahlreiche religiöse Bauwerke, auch die schon in «1001 Nacht» gepriesenen herrlichen Moscheen und Metresen (Koranschulen), wurden teils massiv zerstört und gezielt für nicht religiöse Tätigkeiten (beispielsweise als Lagerstätten oder Gymnastikhallen) genutzt. 

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zeigte es sich, dass das Verbot den Islam in Zentralasien keineswegs ausgelöscht hat. Die Religionsausübung wurde sofort wieder sichtbar. Das nutzten Aktivisten und Financiers aus Saudi-Arabien und der Türkei. Sie trieben den Bau neuer Moscheen voran und entsandten eher radikale Haltungen vertretende Imame nach Zentralasien.

Die neuen Regierungen in den selbständig gewordenen Republiken widersetzten sich den Versuchen türkischer und saudischer Islam-Aktivisten sehr rasch und entschieden. Konsequent setzten sie das Primat der Staatsgewalt gegenüber den religiösen Instanzen durch. Radikale Aktivisten aus Saudi-Arabien und der Türkei wurden systematisch ausgewiesen.

Die herrlichen, seit den Erzählungen aus «1001 Nacht» berühmten Moscheen und Metresen in den Zentren der alten Oasenstädte Samarkand und Buchara wurden grossartig renoviert und teilweise – aufgrund schwerer Zerstörungen – neu aufgebaut. So sorgfältig, dass der Besucher von sich aus kaum merkt, dass es sich um Rekonstruktionen handelt. Was diese alten Oasenstädte an Bauwerken zu bieten haben, ist schlicht atemberaubend.

Diese wiederhergestellten und weltberühmten Bauten wurden nahezu ausnahmslos zu Museen erklärt: Es finden dort kaum je Gottesdienste statt. Die Religion wird vor allem in Moscheen ausserhalb der grossartigen Altstadt-Zentren ausgeöbt. Anderseits reisst der Besucherstrom in diesen heiligen Stätten nicht ab. Die ausländischen Touristen sind allerdings deutlich in der Minderheit. Die Landbevölkerung, festlich gewandet, meist in grossen Familiengruppen, besucht diese Stätten. Man scheint dies als nationale Pflicht zu sehen und zeigt sichtlichen Stolz, wenn sich ausländische Touristen ob der monumentalen Schönheit der Bauten beeindruckt zeigen. Der Drang, von Touristen fotografiert zu werden, ist für Einheimische sprichwörtlich; sofort versuchen sie, in Kontakt zu kommen. Jüngere haben einige Brocken in Englisch bereit. Die spontanen, ausgeprägt fröhlichen Treffen erfolgen völlig entspannt. Insbesondere gemischte Gruppenbilder sind in Mode.

Zuweilen ergab sich die Möglichkeit, ein Brautpaar zu fotografieren, was bewirkte, dass die Hochzeitsgesellschaft sofort und energisch auf ein Gruppenbild drängte – mit Brautpaar, mit Eltern, dem Fotografen sowie Touristen, alles in herzlicher Fröhlichkeit. Lediglich die Bräute begingen den Tag ihrer Hochzeit ausgeprägt ernst. Man erfährt, dass die Hochzeit für die Braut den Abschied von der eigenen Familie bedeutet. Sie lebt danach in der Familie des Bräutigams. Das löst Beklemmung aus, Ungewissheit über die Zukunft.

Der Auftritt als Familie in der Öffentlichkeit prägt das Leben in Zentralasien. Auffällig dabei: Auch die Männer, Väter, Onkel, Grossväter pflegen demonstrativ herzlichen Umgang mit den Kleinkindern. Die Anhänglichkeit der Kinder den Grossvätern gegenüber ist augenscheinlich. Die Gross-Sippen vom Land, ausnahmslos in festlicher Bekleidung, besuchen gemeinsam die religiösen, jetzt zu Museen erklärten Schönheiten in den grossen Städten.

Da sie zu Museen erklärt wurden, sind diese Stätten frei zugänglich. Auf der ganzen Reise mussten wir Besucher die Schuhe lediglich zweimal für Moscheen mit besonderen Heiligtümern ausziehen. Manchmal traf man – beispielsweise am Grab Daniels, der sowohl in der islamischen wie auch in der christlichen Welt als Prophet gilt – Sänger an, die religiöse Gesänge vortrugen – jedes Mal offensichtlich bestellt von einem Anwesenden, der sie nach Schluss des Gesangs entlöhnt hat.

Einen Muezzin bekamen wir in keiner Stadt Zentralasiens zu hören. Vollverschleierte Frauen haben wir keine einzige angetroffen in diesen Städten. Der Umgang mit der Religion erscheint entspannt, ja ziemlich freizügig. In jedem Restaurant, zumindest in allen, in denen Touristen einkehren, waren alkoholische Getränke (Bier, Wein) problemlos erhältlich.

Sicherheit

So demonstrativ die Staaten Zentralasiens das Primat der staatlichen Instanzen vor religiösen Instanzen durchsetzen, so auffällig ist die aussergewöhnlich dichte Präsenz von Sicherheitskräften. Sowohl in Kirgistan als auch in Usbekistan wurden wir Zeugen der Festlichkeiten zu den Nationalfeiertagen. Der kirgisische Präsident nutzte den Nationalfeiertag, um in der Altstadt arme Leute zu einem von ihm spendierten (selbstverständlich von den Steuerzahlern bezahlten) Festessen einzuladen, wobei den Armen auch Geldgeschenke abgegeben wurden.

Für dieses Gastmahl wurde der ganze Stadtteil, in dem es stattfand, polizeilich hermetisch abgeriegelt. Es sollte kein einziger Besucher von auswärts persönlich mitverfolgen können, wie dieses Gastmahl ablief. Und in sämtlichen Strassen von Tashkent stellte man alle zweihundert Meter eine Doppelpatrouille der Polizei fest. An allen Strassenkreuzungen waren Streifenwagen und Mannschaft postiert. Man fragt sich als Besucher: Ist solch demonstrativer Aufmarsch der Sicherheitskräfte notwendig, damit das Primat der staatlichen Autorität vor der kirchlichen Autorität durchgesetzt werden kann?

Offensichtlich unternimmt die Regierung äusserst massive Anstrengungen, um auch nur Anzeichen von Unruhe oder öffentlich gezeigter Opposition nicht aufkommen zu lassen. Der Besucher fragt sich: Sind denn im Untergrund Kräfte am Werk, welche die Autorität der Regierung anzweifeln, untergraben? Eine Frage, auf welche Antworten ausbleiben.

Ulrich Schlüer

14.10.2017 | 1724 Aufrufe