Vom «Fall Mörgeli» bis zum Fernseh-Morgarten

Der aktuelle Freitags-Kommentar der «Schweizerzeit» vom 8. November 2013

Von Ulrich Schlüer, Chefredaktor «Schweizerzeit»

Unglaubliche Vorgänge suchen die Alma Mater heim: An der Universität Zürich tobt ein ideologischer Krieg.

Während fünfundzwanzig Jahren wurde Christoph Mörgelis Arbeit am Medizinhistorischen Seminar gelobt – als fachlich einwandfrei qualifiziert. Niemand übte ernsthaft Kritik an der von ihm betreuten Ausstellung. Auch Mörgelis akademische Tätigkeit fand Anerkennung. Ihm seinen akademischen Titel wegzunehmen, wagt denn auch niemand.

Hinausgeekelt

Dann kam ein neuer Direktor. Noch nie hat dieser Direktor Doktoranden bis zu ihren Examen fachlich begleitet. Nicht einmal eine Habilitationsschrift – absolutes Muss für den Chef eines akademischen Instituts – kann der neue Direktor vorweisen.

Aber er konnte Mörgeli innert weniger Wochen hinausekeln. Er verschwieg – jedenfalls anfänglich – nicht, dass ihm Mörgelis politische Haltung nicht passte. Verfassungsrechtlich garantierte Freiheits- und Bürgerrechte hin oder her – Mörgeli musste gehen. Keine einzige akademische Persönlichkeit – abgesehen von Mörgelis früherem, inzwischen pensionierten Vorgesetzten – wehrte sich für den Ausgestossenen.

Auch alle Medien spurten: Die, die Mörgeli weghaben wollten, beherrschten die Szene souverän. Die «Schweigespirale» – von Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann definiert für das Verhalten an sich Andersdenkender, die sich, weil niemand ihren Standpunkt öffentlich teilt, unter die Fuchtel der die Szene dominierenden, Widerrede mit Hinauswurf quittierenden Ideologen ducken – wurde Tatsache.

Verdachtsmomente

Doch Mörgeli gibt nicht klein bei. In ebenso mühsamer wie hartnäckiger Recherchier-Arbeit setzt er Mosaikstein an Mosaikstein: Der Verdacht auf ein politisch motiviertes Komplott gegen seine Person findet Substanz. Soviel Substanz, dass selbst der Rektor allmählich Handlungsbedarf zu erkennen schien.

Dieser Rektor mag in «normalen Zeiten» die Universität gut und wirksam repräsentieren und sogar namhafte Sponsoren für wissenschaftliche Arbeit an der Uni gewinnen können. Aber krisenerprobt ist er nicht. Von Anfang an wirkte er im «Fall Mörgeli» unschlüssig, führungsschwach – von den Ereignissen hin- und hergerissen. Solche Leute tolerieren die hartgesottenen Ideologen im Hintergrund ganz gerne in repräsentativen Funktionen: Harmlose, auch die Bürgerlichen einlullende «Verkäufer» im Normalfall, mit scharfer, medienwirksamer Attacke im Ernstfall aber auch leicht vom Thron zu fegen.

Todesstoss

Und dann rang sich dieser Rektor überraschend dazu durch, eine Wissenchafterin zu entlassen, die – allenfalls im Dienst gewisser Drahtzieher –Medienkontakte derart zielbewusst nutzte, dass offenbar Medien-Einsichtnahme in interne Korrespondenz-Netze der Universität möglich wurde.

Diese Entlassung war für die Ideologen Alarmzeichen: Einer der ihren drohte Gefahr. Und es könnten Fakten ans Tageslicht gespült werden, die unbedingt geheim bleiben mussten.

Gegenattacke war also angesagt. Mittels Knopfdruck wurde ein imposantes Interventions-Szenario organisiert: Als hätte ganz Europa seit Monaten an der «Causa Mörgeli» herumstudiert, wurden über Nacht offenbar sechshundert Stellungnahmen angeblicher oder tatsächlicher Wissenschafter gegen die Uni Zürich ausgelöst. Der Rektor, vor den Kopf gestossen, kapitulierte. Kein Mensch rührte auch nur einen Finger zu seinen Gunsten. Er wird abserviert, wie Mörgeli abserviert wurde.

Der harte Kern der Zürcher Uni-Ideologen konnte sich in dieser Operation voll auf seine Verbündeten in den Medien verlassen: Der Tages Anzeiger – mit Haut und Haar an der Kampagne beteiligt – kolportiert treuherzig die Geschichte vom «völlig einsamen Entscheid» des Rektors, getroffen «fern aller Druckversuche». Dies, nachdem ihm eben erst sechshundert Personen öffentlich Keulenschläge verpasst hatten. Immerhin: Einen Tag später sah sich der Tages Anzeiger veranlasst, der Druck-Frage dann doch noch einen Leitartikel zu widmen.

Arme, derart in den Fängen linker Ideologen gefangene Wissenschaft –allenfalls still beobachtet von in unbekannter Zahl vor dem Furor linker Eiferer sich in betretenem Schweigen Duckender. Ideologisierung der Wissenschaft: Ist uns solches aus der Weltgeschichte nicht einschlägig bekannt?

Und jetzt noch Morgarten

Es mag Zufall sein, dass die Zuspitzung der Causa Mörgeli und die Ausstossung des Zürcher Uni-Rektors zusammenfielen mit dem Morgarten-Film, den uns das Schweizer Fernsehen als ersten zeigte in einer Reihe über «Grosse Gestalten» aus der – von wissenschaftlichen Ideologen alles andere als geliebten – Schweizer Geschichte. Dieser Morgarten-Film kam daher als eine Art Lehrstück «ideologisierter Schweizergeschichte».

Der Film war anregend, teilweise gar packend. Das Geschehen wurde schlüssig dargestellt. Am Ende des Films kam dann die kalte Dusche: Die formelle Distanzierung der «der Wissenschaft verpflichteten Filmemacher» vom im Film Gezeigten. Gefilmt worden sei das, was «das gemeine Volk» wohl gerne zu sehen wünsche. Die in ihrer Ideologie getränkten Wissenschafter, erhaben über Volksgelüste, konnten sich danach gegenseitig Schulter klopfend zusichern: Tatsächlich geschehen sei das alles ja nicht. Morgarten, sagen sie, nähre bloss einen Mythos. Einen Mythos, wie ihn einfältiges Volk, wenn es Heimatgefühle entwickeln wolle, nun einmal brauche. Sie, die Herrinnen und Herren über die Wissenschaft, wüssten alles natürlich etwas besser.

Helden-Demontage

Allerdings scheinen nicht alle, die da zum nachträglichen Kommentieren der gezeigten «heldischen Mythen» aufgeboten waren, das vorgeführte Spiel wirklich durchschaut zu haben. Der in der Runde sitzende Basler Professor kam nicht darüber hinweg, weinerlich zu beklagen, dass er zum Film selbst als Experte nicht beigezogen worden sei. Deshalb sei die «europapolitsche Dimension» der Geschichtsbetrachtung bedauerlicherweise vernachlässigt worden.

Roger de Weck, von der Diskussionsleiterin so eingesetzt, dass er – seiner ihm von seiner Untergebenen kaum angefochtenen Unfehlbarkeit voll bewusst – ex cathedra selbst die eifernden Frauen, in Schach zu halten vermochte – jene, welche die Frau in der eidgenössischen Fernsehgeschichtsbetrachtung protestierend vermissen. Die vermeintlichen Helden, wie sie im ersten Film in der Person Stauffachers im Vorfeld der Schlacht am Morgarten porträtiert würden, seien – belehrte de Weck – eigentlich ja nur vermeintliche, sozusagen dem «dummen Volk» präsentierte Helden. Wer sich angesichts fehlender Heldinnen noch immer ereifere, der übersehe offensichtlich, dass die gezeigten Helden bloss Staffage seien fürs einfältige, tumbe Volk. Dieses brauche in seiner Beschränktheit nun einmal Heldengeschichten. Also liefere man, wonach es das Volk dürste: «Brot und Zirkusspiele» in die Moderne übersetzt – vom Herrn über alle Fernsehkanäle.

Unerwarteter Zusammenhang

Roger de Weck, sich solcherart in der Rolle des Lehrmeisters der Nation aufspielend, würde sich zweifellos eher die Zunge abbeissen, als dass er etwas zugeben würde, das dem Zuschauer unversehens aufging, der die langfädige, einschläfernde Diskussion nach dem Film wenigstens eine gewisse Zeit lang verfolgte: Alljährlich lädt doch ein renommierter Schweizer Politiker am 2. Januar (2013 fand eine zusätzlicher Anlass auch noch im Spätsommer statt) zu einer Vortragsveranstaltung über «grosse Schweizerinnen und Schweizer» ein. Viele hundert, zumeist über tausend Personen folgen diesen Einladungen Christoph Blochers und lauschen Jahr für Jahr – zuweilen über zwei Stunden lang – mit gespannter Aufmerksamkeit seinen Darlegungen.

Persönlichkeiten aus der Schweizer Geschichte, aus der Schweizer Kunst- und aus der Schweizer Geistesgeschichte werden da von Christoph Blocher lebensnah porträtiert. Anlässe, die unsere Medien peinlichst meiden – die bei ihnen angesichts der aus dem ganzen Land in grosser Zahl an diese Ereignisse strömenden Zuhörerinnen und Zuhörer vielleicht aber doch irgendwie «einfahren».

So dass sich der Schulmeister auf dem Thron des Monopolmediums zum Eingreifen bemüssigt fühlt und «Gegengewichte» zu setzen sich anschickt: Zwar auch populäre Helden, die danach aber von ideologischen Beckmessern heldenverachtender Zeitgeist-Historiker auf Mythen reduziert werden, weil «das Volk» schliesslich nach Mythen lechze.

Der wahre Experte fehlte

Weshalb uns dieser Zusammenhang zwischen der Verbannung des Historikers Christoph Mörgeli und der Präsentation der Schweizer Geschichte im Schweizer Fernsehen als recht plausibel erscheint? Weil der ausgewiesenste Fachmann zum Geschehen am Morgarten, der Staatsarchivar des Standes Schwyz, mit keinem einzigen Wort das Geschehen von 1315 im Fernsehen erklären oder kommentieren konnte. Gesucht waren «stromlinienförmig argumentierende» Historiker. Solche, die sich dem Diktat, wie es aus der Säuberung an der Universität Zürich Tatsache geworden ist, anzupassen bereit sind.

Ein Kulturkampf ist im Gang in der Schweiz.

Ulrich Schlüer

08.11.2013 | 6116 Aufrufe