Quidquid agis, prudenter agas et respice finem
Hans Bachofner

15. August 1931 – 29. September 2012

Hans Bachofner, der Schweiz bedeutendster sicherheitspolitischer Stratege der letzten Jahrzehnte, ist tot. Er verbat sich die Veröffentlichung eines Lebenslaufs. «Servir et disparaître» war Divisionär Hans Bachofners soldatischer Leitspruch – bis zu seinem letzten Tag.

Ich persönlich und die «Schweizerzeit» haben Hans Bachofners Weitblick viel zu verdanken. Zwei- bis viermal jährlich sassen wir in den letzten fünfzehn Jahren zusammen. Der strategische Denker präsentierte dabei immer eine schriftlich sorgfältig vorbereitete Beurteilung zur Weltlage und zu deren Auswirkungen auf die Sicherheit der Schweiz.

Daraus entstanden Artikel, grössere Publikationen, Vorträge. Es entsprach Bachofners Sorgfalt, einen Text zur Publikation erst dann freizugeben, wenn er bis in alle Verästelungen wirklich in jedem Satz seinem Denken entsprach. Einen nahezu fertiggestellten Text mit dem Titel «Die sicherheitspolitische Welt nach Afghanistan» besprachen wir noch diesen Sommer. Ihn nach letzten Präzisierungen zur Publikation freigeben konnte Divisionär Hans Bachofner nicht mehr. Der Tod kam ihm zuvor. Mit Zustimmung seiner Angehörigen publizieren wir hier – anstelle eines Nachrufs – gleichsam die Kernelemente aus Bachofners letzter Lagebeurteilung. Und wir verbeugen uns vor diesem grossen Eidgenossen.

Ulrich Schlüer

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Die strategische Lage hat sich nach drei verlorenen Kriegen der Nato (Irak, Afghanistan, Libyen) erneut grundlegend verändert. Es entwickeln sich neue Kriege, neue Kriegsformen, neue Streitkräfte. Nach der faktischen Niederlage der USA in Afghanistan erlebt die Welt die dritte strategische Erschütterung seit dem Zweiten Weltkrieg – nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 und dem Angriff auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington 2001.

Kriegsvorbereitung muss sich auf neue, kommende Kriege konzentrieren. Kriege wiederholen sich nicht. Wer den letzten Krieg nachträglich gewinnen will, wird den nächsten Krieg verlieren.

Weltweit ist eine neue Machtverteilung in Gang gekommen. Daraus entstehen neue Kriegsbilder. Zu diesen neuen Kriegsbildern werden neue Streitkräfte geschaffen. Kriegsvorbereitung und Abwehrplanung haben sich auf diese neuen Entwicklungen einzustellen.

Gescheiterte Globalisierungsansprüche
Im Irak, in Afghanistan und in Libyen hat sich gezeigt: Zwei gegensätzliche Globalisierungsansprüche sind gescheitert.

Der westliche Interventionismus ist nicht zum Ziel gekommen. Die USA hatten versprochen, damit der Welt insgesamt die Demokratie und die freie Wirtschaft zu vermitteln. Das ist nicht im entferntesten gelungen.

Andererseits ist die Globalisierung des Terrors, den Al Kaida zur Errichtung eines globalen Kalifats angestrebt hat, ebenfalls gescheitert. Terroristen konnten punktuell zwar spektakuläre Anschläge realisieren. Die Welt wurde damit aber nicht verändert.

Lokale Verteidigung erwies sich als stärker als der global vorgetragene Angriff – die Erkenntnis bestätigend, dass gut eingeübte Landesverteidigung sich oft als stärker erweist als der Aggressor.

Das Konzept Landesverteidigung hat sich also einmal mehr als erfolgreich erwiesen. Diejenigen, die sich im eigenen Land für das eigene Land gewehrt haben, haben die grosse Auseinandersetzung für sich entschieden. Auch damit, dass sie zu warten verstanden, bis der Eindringling müde wurde, Erschöpfungsanzeichen zeigte. Darauf erfolgten die schliesslich Erfolg bringenden, zermürbenden Anschläge.

Die «Neue Weltordnung nach Afghanistan» ist längst noch nicht in Sicht. Sie befindet sich in der Anfangsphase der allmählichen Herausbildung. Genaueste Beobachtung der machtpolitisch geprägten Auseinandersetzungen ist für den neutralen Kleinstaat Erfordernis Nummer eins.

USA

Die USA sehen sich – auch als Folge der die EU-Staaten lähmenden Überschuldungskrise – zunehmend als nur noch allein zu eigentlichen Kriegshandlungen fähige Macht im Westen. Ihre Nato-Partner erweisen sich für echte Kriegführung als zu schwach. Gleichzeitig müssen die USA – vor allem ihrer eigenen Bevölkerung gegenüber – die verlorenen Kriege verkraften.

Unverrückbare Zielsetzung bleibt für die USA die Befähigung ihrer Streitkräfte zur Air-land-battle und zur Air-sea-battle – den Zugang zu den Meeren wollen sich die USA zu jedem Zeitpunkt offenhalten. Mittels Cyber War-Angriffen wollen sie die Führung des Gegners gezielt ausschalten können, zwecks völliger Lahmlegung von deren Armee ohne eigenen Armee-Einsatz am Boden.

Von dieser US-Doktrin sprechen alle. Konkrete Abwehrvorbereitungen gegenüber solcher Doktrin sind aber nirgends erkennbar.

Im Rahmen dieser neuen Doktrin rücken die USA von der Verstärkung regionaler Verteidigungsbündnisse durch eigene Truppen zunehmend ab. An die Stelle der Truppen-Entsendung auf Vorposten tritt eine Doktrin, die in der ersten Phase die Androhung massiver, gewalttätiger Strafmassnahmen gegen sich den US-Interessen widersetzende Staaten vorsieht.

Erzielt die blosse Androhung keine Wirkung, schlagen die USA – das ist die zweite Phase – mit special forces, die aus den USA lufttransportiert an ihren Einsatzort irgendwo auf der Welt gebracht werden, massiv zu. Das diesen Kräften für ihre jeweilige Mission gesetzte Ziel muss innert sehr kurzer Zeit, innert Stunden erreicht werden.

Danach – bevor der überfallene Gegner Gegenattacken organisieren kann – ziehen sich die special forces in Phase drei rasch wieder in ihre Ausgangsbasis in den USA zurück.

Solche Einsatzdoktrin erspart den USA das «afghanische Trauma»: In grosser Zahl im Konfliktgebiet eingesetzte Infanterie, die kaum sichtbare Erfolge erzielt, von der aber Woche für Woche Tote, Verstümmelte und Traumatisierte nachhause zu bringen sind.

Special forces werden, soweit bis heute sichtbar, auch für folgende Einsatzformen ausgebildet: Erstens für verdeckte, teils von der CIA geführte Operationen, zweitens für den aus weiter Ferne gelenkten Drohnen-Einsatz, drittens für Cyber-Einsätze.

Ziel ist es, den Gegner zu lähmen, bevor er zuschlagen kann. Um dies zu erreichen, werden alle Operationen von konzentriertem politischem Informations-Krieg begleitet.

«Leading from behind» heisst diese Einsatzdoktrin.

Sie weist – das werden die «Partner» der USA relativ rasch realisieren – den Verbündeten vor allem die Rolle der Frontwache, also des «Kanonenfutters» zu – was die «Freundschaft» der Bündnispartner nicht unbedingt stärken dürfte.

Europa

In Europa geht eine fünfhundertjährige Epoche, geprägt vom politischen Willen zu grossflächiger Einigung, derzeit wohl zu Ende.

Der Verlust der Dominanz Europas bedeutet, dass das von Europa ausgegangene Staatsrecht und damit auch das Kriegsvölkerrecht, welche die Friedensordnung seit dem Westfälischen Frieden 1648 weltweit geprägt haben, an Ausstrahlung verlieren werden. Das europäische Verständnis von Krieg und Frieden, von Recht und Unrecht erodiert. Danach war «souverän», wer den Ausnahmezustand zu definieren vermochte, wer sagte, dass jetzt entweder Krieg (unter Kriegsrecht) geführt wird oder Frieden (auf abendländischem Staatsrecht beruhend) herrscht. Diese klare, Rechtssicherheit gewährleistende Unterscheidung erodiert. Obama behauptet leichthin, Krieg sei immer, woraus er für sich das «Recht» ableitet, selbst gegen bis anhin befreundete Staaten plötzlich «Kriegsmassnahmen» – allenfalls auch bloss wirtschaftlicher Natur – zu ergreifen. Das Volk weiss dabei nicht, ob Krieg oder Frieden herrscht. Willkür greift um sich, ausgehend selbst von zivilisierten Staaten.

Die Überschuldungskrise löst neue Fragen aus – deren Beantwortung die Zukunft prägen wird:

An der Spitze steht die Frage nach dem Souverän: Wer hat – ganz besonders im Europa der Europäischen Union – im Staat künftig das letzte Wort – die politischen Instanzen oder die Wirtschaft?

Vom Bürger spricht längst niemand mehr. Als Griechenland die Möglichkeit einer Volksabstimmung zu EU-Sparaufträgen in die Diskussion warf, stiess es auf eine geschlossene Ablehnungs-Front sämtlicher EU-Staaten: Die «demokratischen Allüren» Griechenlands wurden kategorisch und unisono verworfen – von Staaten bzw. deren Exponenten, die für sich demokratische Tradition in Anspruch nehmen.

Die Zentralisierung der wichtigen Entscheidungen verstärkt sich markant – setzt die Regierungen der EU-Länder aber zunehmendem Vertrauensverlust aus. Die Regierungen werden reduziert auf eine Rolle unbarmherziger Geldeintreiber.

In Europa wird zudem eine tiefe Identitätskrise sichtbar: Ein europäisches «Wir-Gefühl» ist weit und breit nirgends festzustellen. Um so schmerzlicher wird das Demokratiedefizit kritisiert. Die classe politique européenne wollte ein «Wir-Gefühl» mittels Einheitswährung erzwingen. Das Scheitern dieser Währungsunion resultiert im Ruf nach streng zentralistisch gelenkter Fiskalunion. Die EU-Führungsriege entwickelt sich zu einer neuen Oligarchie – womit sie sich in sich vertiefenden Widerspruch begibt zu den allenthalben aufbrechenden kulturellen Gräben. In der Überschuldungskrise drängen die nationalen Interessen zurück an die Entscheidungsfront. Die EU-Oligarchen geraten in die Defensive.

Europa präsentiert sich europamüde und kriegsmüde. Der Kernfrage «Was haben wir zu verteidigen?» wird im Europa von heute sorgfältigst ausgewichen. Niemand glaubt daran, dass die «Gemeinsame Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik» (ESVP) als Ersatz für die Landesverteidigung der europäischen Länder je einsatzfähig werden kann.

Selbstverantwortung wäre die richtige Antwort auf diese Krise. Es wird ihr ausgewichen, weil in den überschuldeten Haushalten das Geld für ausreichende Selbstverteidigung fehlt. Europa präsentiert sich als handlungsunfähig.

Der nächste Krieg

Jetzt einfach Reglemente abzuschreiben von Armeen, die an Kriegen teilgenommen haben, wäre völlig falsch. Wichtig ist zunächst die umfassende, auf die eigenen Interessen ausgerichtete Lagebeurteilung.

Die Schweizer Armee ist insbesondere davor zu warnen, den Nato-Wortschatz unkritisch zu übernehmen. Und vor allem anderen sind Landesregierung und Armeespitze (gegebenenfalls auch ganze Armeeteile) anhand realistischer Szenarien auf moderne Kriegsformen vorzubereiten und in ihrer Reaktion darauf zu trainieren.

Vorbereitung und Training auf allenfalls aggressive politische Kriegführung gegen unser Land steht an erster Stelle. Vorbereitung auf Operationen mit special forces, die auch mit Drohnen operieren und Cyber War-Attacken auslösen können, ist vordringlich. Sie soll erfolgen anhand konkreter, durchdachter, auch unser Land miteinbeziehender Szenarien. Bloss allgemeine Kenntnisnahme genügt keineswegs.

Übungen für die Landesregierung, für die Armee- und Verwaltungsspitzen im Rahmen realistischer Szenarien sind anzuordnen. Das richtige Entscheiden unter Stress wird niemandem in die Wiege gelegt.

Die Bedrohung für die Schweiz

Der nächste Krieg findet – zumindest auch – im Weltraum statt (Cyber War, Satelliten für Einsatzführung). Ausserdem werden Auseinandersetzungen um die wichtigen Seewege (Rohstoff-Nachschub) von zentraler Bedeutung sein. Der Weltraum, die Luft, die Meere, das Land und der Cyber Space werden die Kriegsschauplätze abgeben.

Am Boden ist mit lokalen Auseinandersetzungen, die von hohem Hightech-Einsatz geprägt sind, zu rechnen.

Es ist davon auszugehen, dass eigentlich niemand eine massive territoriale Veränderung, eine Besetzung eines Landes, einer Region oder ähnliches anstrebt. Die «neue Gewaltanwendung» erfolgt ohne territoriale Besetzung. Dennoch kann eine gewalttätige Auseinandersetzung plötzlich Tatsache werden – Ergebnis sich aneinanderreihender, mit Drohungen unterlegter Sachzwänge.

Von der Überraschung – aus heiterem Himmel schwer treffende Schläge à la 9/11 – geht die gefährlichste Bedrohung aus – weil Überraschung den gänzlich Unvorbereiteten unter Umständen tödlich lähmt.

Kriegsvorbereitung heisst heute: Eingehend und in regelmässiger Wiederholung anhand realistischer Szenarien mit äusserst überraschend Tatsache werdender Bedrohung konfrontiert zu werden und darauf angemessen reagieren und antworten zu können.

Für die Schweiz ist wichtig: Das gedankenlose «Aufwuchs-Gerede» muss ein für allemal aufhören. Niemand nimmt es mehr ernst. Eine «Aufwuchs-Armee» ist eine nicht einsatzfähige Armee. Diese muss im Ernstfall sofort bei einer an einem Konflikt beteiligten Armee Anschluss suchen. Das «Aufwuchs-Gerede» kann der Schweiz nur schaden. Stattdessen muss zeitgerechte, bedrohungsan-gemessene Mobilmachung der Armee wieder möglich und wieder eingeführt werden.

Die Armee – auch diese Tatsache muss verinnerlicht werden – ist nicht ein «Lernprozess mit Ergebnis». Aufstellung, Ausbildung und Ausrichtung der Armee müssen laufend der sich verändernden Bedrohungslage angepasst werden. Ein «Endzustand» wird nie erreicht.

S.

08.11.2012 | 2471 Aufrufe