Heute heisst die Bedrohung «Überraschung»
«Gewaltausbruch in Nahost»

Besondere Verdienste erwarb sich Divisionär Hans Bachofner durch seine Fähigkeit, realistische Szenarien auf der Grundlage sich tatsächlich ereignenden Weltgeschehens zu erarbeiten. Szenarien, wie die Schweiz urplötzlich und völlig überraschend in einen Konflikt hineingezogen werden kann. Bachofners Szenarien waren Ausgangspunkt für Übungen, denen Landesregierung und Armeespitze auch heute – früher gehörte solches Training untrennbar zur Regierungstätigkeit – ausgesetzt werden müssten. Bachofners Szenario «Gewaltausbruch in Nahost» lautete wie folgt:

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«Die aggressive Rhetorik zwischen Israel und Iran verschärft sich. Die Spannung in Nahost steigt. Die USA erklären Truppenstationierungen als fortan überflüssig. Mittels unbemannter Drohnen könnten sie jeden Punkt der Erde aus weiter Entfernung vernichtend treffen.

Iran mobilisiert Teile seiner Armee für grosse Manöver. Drohnen-Abwehr wird realistisch geübt. Während alle hohen Kommandanten zu einem Rapport befohlen worden sind, entdeckt ein junger, karrieresüchtiger Offizier auf seinem Radar ein sich rasch näherndes «unbekanntes Flugobjekt». Er identifiziert dieses als Drohne. Nach dreissig Sekunden Situationsbeurteilung befiehlt er scharfen Schuss. Der Schuss trifft. Nur: Das «Objekt» war keine US-Drohne, es war ein israelisches Verkehrsflugzeug. Der Treffer fordert über hundert Tote.

Jerusalem entscheidet sich für dosierten, gezielten Gegenschlag. Aus der Luft wird die iranische Einheit, welche den «Volltreffer» erzielt hat, aufgerieben. Deren Kommandant wird mittels gezielten Raketentreffers getötet. Auch Iran entschliesst sich zu begrenztem Gegenschlag: In der Strasse von Hormus – Nadelöhr für den Erdöl-Nachschub für Europa – wird ein Handelsschiff getroffen und zwecks Blockade versenkt. Die ganze Welt verfolgt per Bildschirm erschreckt das Sinken des brennenden Schiffes. Panik macht sich breit. Der Ölpreis schiesst in die Höhe. Die Konsumenten zittern.

Da wird die Schweizer Regierung vom israelischen Mossad informiert, dass an einem hiesigen, von Jets anfliegbaren Kleinflughafen – in Altenrhein – eine Geheimkonferenz unter Beteiligung islamistischer Top-Terroristen stattfindet. Der Strategische Nachrichtendienst der Schweiz bestätigt diesen Befund. Der Bundesrat entscheidet sich für Zugriff. Dieser gelingt. Die Verhafteten werden in einem von andern Strafgefangenen geräumten Gefängnis untergebracht – von militärischen Sicherheitskräften (MilSich) streng bewacht.

Israel verlangt von der Schweiz die sofortige Auslieferung der Verhafteten. Aus rechtsstaatlichen Erwägungen muss die Schweiz dies verweigern. Da stellen die USA ein Ultimatum: Würden die Verhafteten nicht innert 24 Stunden ausgeliefert, dann würde eine (existierende!) US-Spezialeinheit diese gewaltsam aus der Schweiz entführen…»

Soweit Bachofners Ausgangslage – Übungsanlage für Landesregierung und Armeespitze, die auf der Grundlage dieses Szenarios ihre «Fähigkeit zur Krisenbewältigung unter Stress» zu beweisen hätten.

Wir wissen, dass Divisionär Hans Bachofner dieses Szenario den Spitzen der Schweizer Armee kurz vor seinem Tod noch persönlich vortragen konnte.

Dem Bundesrat – die Folgen kennt man längst – erscheint regelmässiges Krisentraining indessen seit Jahren als überflüssig.

S.

07.11.2012 | 1521 Aufrufe