Heimatmüdes Bundesbern

Vor fünf Jahren: Maturandinnen besuchen das Bundeshaus. Sie wünschen meine Begleitung für Tribünenbesuch, Diskussion und Rundgang. Die Klasse war diskussionsfreudig, lebendig, «aufgestellt». Unter der Kuppel, vor den «Drei Eidgenossen», verwies ich auf Niklaus von Flüe und Winkelried uns gegenüber. Verständnislose Blicke kamen als Antwort: «Wer soll denn das sein?» Die begleitende Lehrerin erklärte: «Schweizer Geschichte wird bei uns nicht mehr unterrichtet …»

"Spalte rechts"
Kommentar des Chefredaktors

In Zürich erläutern – vor einer Woche vor 1300 Besuchern – Christoph Mörgeli, Roger Köppel und Christoph Blocher das von der Eidgenossenschaft vor genau zweihundert Jahren am Wiener Kongress vorgelegte Bekenntnis zur «immerwährenden bewaffneten Neutralität», die darauf von allen Grossmächten völkerrechtlich anerkannt wird. Ein Tag später findet die «offizielle Feier» in der Universität Zürich statt. Die Zürcher Bildungsdirektorin Regine Aeppli und alt Bundesrat Moritz Leuenberger als Hauptredner geben sich – vor mageren 150 Zuhörern – distanziert, spötteln über Mythen, die einige als «gottgegeben» preisen, die eigentlich Abschottung predigen …

Journalisten reagieren betreten. Ein hochgejubelter Germanist degradiert Persönlichkeiten, welche für Neutralität, Freiheit und Eigenständigkeit der Schweiz eingetreten sind, zu «Jasskarten», die Politiker manipulativ auszuspielen wüssten. Der Schweizer Geschichte können sie offenbar nur noch aus der Perspektive ihres Aberwillens gegenüber Blocher begegnen.

In der Nähe von Baden entfaltet ein «Forschungsinstitut Direkte Demokratie» wissenschaftliche Anstrengungen zu Ursachen eigenständiger schweizerischer Entwicklungen und Errungenschaften. Nutzer attestieren dem Institut hohe wissenschaftliche Kompetenz. Der Schweizerische Nationalfonds, der weiss Gott auch «Eigenartiges» mitunter mit hohen Beiträgen fördert, verweigert jeden Franken. Forschung zu Eigenständigkeit, Direkter Demokratie, Neutralität passt Bundesberns linkem Filz nicht. Lob und Geld erhält, wer das Zweitweltkriegs-Réduit als liebdienerische Demutsgeste gegenüber Hitler diffamiert.

Ob Bundesbern glaubt, mit geschichtsloser Generation das ersehnte Brüssel rascher zu erreichen?

Ulrich Schlüer

 

PS. Das «Forschungsinstitut Direkte Demokratie» und sein Gründer und Leiter, der Historiker Dr. René Roca, werden der Öffentlichkeit im «Schweizerzeit-Magazin» am Freitag, 27. März, vorgestellt. 

 

25.03.2015 | 1248 Aufrufe