"Spalte rechts"
Kommentar des Chefredaktors

Kann die Nationalbank den Euro retten?
Fr. 1.20

Der Schweizer Franken hat in den Währungsturbulenzen von 2010 und 2011 keine Aufwertung erfahren. Tatsache ist vielmehr, dass einerseits der Dollar – Folge der bedrohlichen Überschuldung der USA – in einen gefährlichen Abwärtsstrudel geraten ist. Und dass andererseits auch der Euro – die Währung der von schweren Überschuldungskrisen erschütterten Euro-Staaten – dieser aus dem Ruder geratenen Überschuldung wegen von schwerer Schwindsucht erfasst wurde. Der Franken – Fluchtpunkt für viele, die ihr Vermögen der galoppierenden Entwertung der beiden Weltwährungen zu entziehen versuchen – hat lediglich seine Stabilität bewahrt.

Doch in diesen Tagen setzt einmal mehr sich akzentuierende Flucht in den Franken ein. Sparer im von den Krisen in Griechenland und Spanien erneut schwer getroffenen Euro-Raum versuchen von ihren Vermögen zu retten, was noch zu retten ist.

Allerdings wurde der Franken inzwischen fest an den Euro gebunden. Die Nationalbank garantiert Fr. 1.20 als Mindest-Wechselkurs. Was aber geschieht, wenn das Vertrauen in die «Steuerleute» im EU-Raum erneuter Zerrüttung ausgesetzt wird – weil diese «Steuerleute» in der sich verschärfenden Krise jegliche Steuerfähigkeit eingebüsst haben? Was, wenn die Flucht aus dem Euro die von der Nationalbank gesetzte Wechselkurs-Untergrenze deutlich und dauerhaft durchbricht? Kann dann jeder, der irgendwo auf der Welt noch auf schwindsüchtigen Euros sitzt, in die Schweiz kommen und hier für jeden maroden Euro Fr. 1.20 in Empfang nehmen? Glaubt die Nationalbank im Ernst, im Alleingang den Euro retten zu können?

Würde sie das unter Milliardeneinsatz versuchen, dann würde sie lediglich auch den Franken, für dessen Stabilität sie die Hauptverantwortung trägt, ins Desaster des EU-Schuldenschlamassels stürzen. Und das darf auf keinen Fall geschehen!

Zweifellos erleiden Export und Tourismus, wenn Weltwährungen von Schwindsucht-Anfällen durchgeschüttelt werden, schwere Einbussen. Diese können aber nicht dadurch aufgefangen werden, dass auch der Franken der Zerrüttung durch heillose Überschuldung ausgeliefert wird – Lohnsicherheit, Rentensicherheit, gesicherte Sparguthaben und Pensionsansprüche damit der Erosion ausliefernd. Die Entlastung von Export und Tourismus hat an der Steuerfront sowie durch Auslichtung des Gebühren-, Paragraphen- und Bürokratie-Dschungels zu geschehen – nicht durch Zerrüttung des Frankens!

Ulrich Schlüer

 

23.05.2012 | 1669 Aufrufe