Der Schweizer Journalist des Jahres und sein Blick ins Güllenloch eines Bankenskandals

Am letzten Montag wurde der Journalist des Jahres 2018 in Zürich geehrt. Der Preisträger heisst Lukas Hässig und betreibt als Einzelunternehmer die Online-Plattform «Inside Paradeplatz» (IP).

Kommentar vom 1. Februar 2019

von Prof. Hans Geiger, em. Professor für Bankwesen, Weiningen ZH

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Knackige Artikel auf seiner Webseite erreichen 30‘000 Klicks und mehr. Dies war der Fall beim Knaller der letzten Woche «Jauchegrube Raiffeisen: Ganze Spitze war dabei». Bei der Wahl auf den Thron des Journalismus erhielt Hässig 31 Prozent aller Stimmen, das Spitzenresultat in der Geschichte. Die Begründung für seine Wahl lautet: «Fast im Alleingang löste Finanzjournalist Hässig eine Affäre aus, welche die zuvor populärste Bank des Landes in eine tiefe Krise und ihren CEO Pierin Vincenz in Untersuchungshaft führte».

Brisant sind dabei drei Dinge: Der Sturz des Bankenstars Pierin Vincenz; die Demontage der hochgelobten Raiffeisen-Genossenschaftsbank; das Versagen der Schweizer Mainstream-Medien.

 

Wer ist Lukas Hässig?

Lukas Hässig ist Wirtschaftsjournalist, 55 Jahre alt, verheiratet, hat vier Kinder. Im Laufe der Karriere hat er in vielen Redaktionen gearbeitet: Weltwoche, Bilanz, Facts, SonntagsZeitung, Finanz und Wirtschaft, Radio 24. Seit Juni 2006 ist er freischaffender Journalist, seit 2011 betreibt er den Finanzblog «Inside Paradeplatz».

 

Der Sturz des heiligen Pierin

Die erste Geschichte beginnt am 4. April 2016 mit einer SMS-Anfrage von Hässig bei Vincenz, dem die Bank bei seinem Rücktritt im Jahr 2015 eine Festschrift unter dem Titel «Dr. Pierin Vincenz – Bergler und politischer Banker» gewidmet hat. Politiker aller Couleurs überschütten ihn mit Lob. Ein CVP-Ständerat schwärmt vom «heiligen Pierin».

In der SMS erkundigt sich Hässig nach einer Zahlung, die Vincenz von seinem Compagnon Beat Stocker für den Kauf eines Hauses im Tessin erhalten habe. Hässig bezweifelt die Geschichte vom Hauskauf und erkundigt sich nach einer Transaktion zwischen Vincenz und seinem Compagnon Stocker im Sommer 2015, «welche im zeitlichen Umfeld der Neustrukturierung von Investnet und KMU Capital stattfand».

Am 7. April publiziert Lukas Hässig auf IP den Beitrag «Pierin Vincenz im Strudel wegen brisanter Zahlung». Den vorläufigen Schlusspunkt der Geschichte bildet am 27. Februar 2018 die Verhaftung von Vincenz und Stocker durch die Zürcher Staatsanwaltschaft. Der Staatsanwalt steckt die beiden für über drei Monate in Untersuchungshaft und eröffnet eine Strafuntersuchung wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung. Auslöser ist eine Strafanzeige der Aduno-Gruppe, bei der Pierin Vincenz lange Jahre Verwaltungsratspräsident war.

Kurz nach der Verhaftung erstattet auch Raiffeisen Schweiz eine Strafanzeige gegen ihren ehemaligen Chef.

 

Die Demontage der Raiffeisen Bank

Damit beginnt die zweite Geschichte: Die Demontage der Raiffeisenbank. Mit der verspäteten Strafanzeige versuchte sich Raiffeisen als Opfer ihres langjährigen Chefs darzustellen, nach dem Motto. «Wir sind sauber, wir wussten von nichts».

Lukas Hässig kauft der Bank in St. Gallen diese Geschichte nicht ab. Bereits einen Tag nach der Verhaftung von Vincenz und Stocker schlägt Hässig auf IP wieder zu, im Untertitel steht: «Raiffeisen-CEO ist nach Polizei-Aktion bei Vorgänger unglaubwürdig – zu nah, zu aktiv – Teil der trüben Vergangenheit». Hässig schreibt, Patrik Gisel, Vincenz‘ Nachfolger und jahrelang dessen rechte Hand, versuche sich noch schnell zu retten. Gisel sei aber nicht Zaungast in dieser Geschichte. Er hätte im Herbst 2015, als er von Vincenz das Zepter übernahm, sofort alles Heikle, Intransparente und Verdächtige auf den Tisch bringen müssen.

In den folgenden Monaten erscheinen zahllose weitere Artikel auf IP. Raiffeisen kämpft mit allen Mitteln gegen Hässig. Die anonyme Beichte eines langjährigen Kadermanns der Raiffeisen bei IP am 20. August 2018 unter dem Titel «Ich wusste vom Vincenz-Deal. Andere auch» bringt das Fass zum Überlaufen. Raiffeisen verklagt IP für einen Streitwert von 200’000 Fr. und erwirkt vor dem Zürcher Handelsgericht eine superprovisorische Verfügung. Der Blog muss den Bericht vom 20. August sofort löschen.

Aber heute kann Hässig die Geschichte von der «Jauchegrube Raiffeisen» publizieren, und keiner reklamiert. Kein Mitglied der damaligen Geschäftsleitung ist mehr dabei, der Verwaltungsrat ist ausgewechselt.

 

Das Versagen der etablierten Medien

Kurt Zimmermann, Chefredaktor der Zeitschrift «Schweizer Journalist», sagt im Gespräch mit Lukas Hässig: «Ich glaube, Sie sind für die Branche eine Art Idealtypus. Sie sind ein Journalist, der noch hinausgeht und recherchiert. Sie sind sozusagen das Gegenbeispiel zu jenen Newsroom-Redaktoren, die nur noch am Computer sitzen».

Bereits im Vorjahr wurde Hässig zum Sieger der Sparte Wirtschaftsjournalismus gewählt. Damals übte Michael Ringier, Chef seiner Mediengruppe, grobe Kritik an Hässig. Er sprach von «diesem Blogschreiber, der die angeblich schmutzige Wäsche der Finanzindustrie vornehmlich im Dreckschleuderwaschgang bearbeitet». Hätte Ringier doch geschwiegen.

Eigentlich ist die Wahl Hässigs ein Armutszeugnis für die etablierte Presse. Wie kann es sein, dass ein Einzelkämpfer einen riesigen Bankenskandal aufdeckt und die Ikone des Schweizer Bankenplatzes zum Absturz bringt, während der Rest der «vierten Gewalt im Lande» wegschaut? Spielte das Inseratebudget von Raiffeisen eine Rolle? Hässig war nicht der Erste, der auf das Thema aufmerksam wurde. Ein Journalist der Aargauer Zeitung war bereits Jahre zuvor heiklen Transaktionen auf die Spur gekommen. Nach einer Aussprache zwischen ihm, seinem Chef und Pierin Vincenz war der Fall kein Thema mehr für seine Zeitung.

Die Wirtschaftspresse zeigte auch keine Lust am Recherchieren, als am 27. Juli 2016 die dritte Story in der Causa Vincenz bei IP erschien. Der Artikel erwähnt auch Patrik Gisel, den neuen Chef der Raiffeisenbank. Auf diesen Beitrag melden sich bei Hässig Kollegen aus drei Zeitungen der Tamedia-Gruppe. Sie möchten von Hässig Unterlagen erhalten, was für diesen kein Thema ist. Statt selbst zu recherchieren, legen sie die Hände in den Schoss.

Die grossen Zeitungen nehmen sich dem Thema erst an, als Vincenz und sein Compagnon geschlagen sind. Hässig war in den turbulenten Monaten zuvor allein, konfrontiert mit einem Alphatier, das für seinen unzimperlichen Umgang mit Gegnern bekannt ist. Im Oktober 2017 wächst der Druck von Vincenz und seinem Partner auf Hässig ins Unerträgliche. Sie drohen mit Strafanzeigen, Schadenersatzforderungen, verlangen Löschung aller Artikel und Verzicht auf Künftiges.

In der Not bringt Hässig seinerseits die Idee einer Strafanzeige gegen Vincenz und Stocker ins Gespräch. Die beiden geben Ruhe. Das nützt nichts mehr. Ende 2017 erstattet die geschädigte Aduno AG Strafanzeige gegen ihre langjährigen Chefs. Kurz darauf landet Vincenz für gut drei Monate im Bezirksgefängnis Dietikon.

 

Das Güllenloch

Und heute? Wie steht es mit der Bezeichnung «Jauchegrube», mit der Hässig über 30‘000 Klicks erhält? Für Raiffeisen offensichtlich kein Problem. Anlass für den Blogbeitrag ist der Bericht von Prof. Bruno Gehrig über die Vorfälle bei Beteiligungen der Raiffeisen. Darin erwähnt Gehrig auch die Kritik der Finanzmarktaufsicht FINMA: Unzureichender Umgang mit Interessenkonflikten von Herrn Vincenz, ungenügendes Risikomanagement bei Kreditvergaben an Herrn Vincenz, ungenügende Kontrolle der Ausgaben von Herrn Vincenz, schwere Mängel in der Corporate Governance. Güllenloch scheint kein übertriebener Ausdruck dafür. Auf Sanktionen gegen einzelne Verantwortliche verzichtet die FINMA.

Selbstverständlich gelten alle erwähnten Personen als vollständig unschuldig, solange sie nicht von einem Gericht rechtsgültig verurteilt sind.

 

Hans Geiger

 

Der Artikel stützt sich auf den Bericht „Don Pierin: Wahre Geschichte“, der auf der Webseite von Inside Paradeplatz herunter geladen werden kann (https://insideparadeplatz.ch/fall-vincenz-wahre-geschichte/). Zudem auf Artikel in der Zeitschrift „Schweizer Journalist“ (http://www.schweizer-journalist.ch/ ).

01.02.2019 | 1330 Aufrufe