Wissenschaftliche Utopien gegen harte Fakten

Schlicht unglaublich, was der hierzulande schreibfreudigste «Hansdampf in allen Zeitungsspalten» gewissen Blättern noch immer als angeblich «wissenschaftlich fundiert» zu verkaufen vermag zur Beurteilung der Europäischen Union in der anhaltenden Euro-Krise.

Der aktuelle Freitags-Kommentar der «Schweizerzeit» vom 31. Juli 2015,
von Ulrich Schlüer, Chefredaktor «Schweizerzeit»

Michael Hermann, sich als «Politgeograf» etikettierend und mehr oder weniger allen Zeitungen laufend angeblich wissenschaftlich fundierte Kommentare liefernd, formuliert Komplimente: Die EU habe bei der «Bewältigung» der EU-Krise ihre unerschütterliche Stärke einmal mehr unter Beweis gestellt. Sie erweise sich als bemerkenswert krisenresistent, als «eine immer bessere Union», («Tages-Anzeiger», 28. Juli 2015).

Die Resultate

Was wurde denn erreicht im angeblich so meisterhaft ausgehandelten Griechenland-«Kompromiss»? Für den EU-Apparat wichtigstes Ergebnis ist wohl die Tatsache, dass sich der Standpunkt des Brüsseler Funktionärs-Apparats vollumfänglich durchgesetzt hat: Der Grexit, das Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone, wurde unterbunden. Das Eingeständnis, dass der Euro – marktuntaugliches Prestigeprojekt der weltweit bestbezahlten Funktionäre – gescheitert ist, konnte damit abgewendet werden. Griechenland bleibt an die für seine Volkswirtschaft viel zu starke Einheitswährung gefesselt. Das wird ihm – Kernproblem der Griechenland-Krise – weiterhin eigenständiges Wachstum verunmöglichen. Der Exodus der Reste seiner noch produktiven Wirtschaft geht für Griechenland weiter. Not und Hunger werden sich verstärken. Dies – aus Brüsseler Sicht – freilich nur in Griechenland. Die Brüsseler Funktionäre ziehen selbst aus dem «Controlling» des Griechenland-Desasters noch fette Saläre.

Die Überschuldung bleibt Griechenland nicht nur erhalten, sie wird sich angesichts der anhaltenden Schwindsucht seiner Wirtschaft weiter vergrössern – trotz Zinsnullung. Griechenland wird seine Schulden nie bewältigen können. Andere werden für Athens Schulden aufkommen müssen.

Wer zahlt?

Bezahlen müssen und werden diejenigen, die in der ausufernden Berichterstattung über die Streitereien um Griechenland nie zu Wort gekommen sind: Die Steuerzahler. Ihre Lasten werden angesichts der krebsartig weiterwuchernden Überschuldung im EU-Süden immer untragbarer. Deutschland – für dessen Volkswirtschaft der Euro viel zu schwach ist – kann weiterhin Jahr für Jahr den Titel des Exportweltmeisters erringen. Trotzdem schrumpfen die Einkommen der Deutschen in ihrem sie immer stärker bedrückenden Hochsteuerland. Wohlstandseinbruch bei an sich funktionierender Wirtschaft: Diese Entwicklung wird vor allem den EU-Norden in Zukunft prägen.

Die Deutschen nehmen’s vorderhand hin. In Osteuropa aber wächst der Groll gegenüber dem Brüsseler Apparat, der – selber weitgehend steuerfrei in Saus und Braus lebend – den erst zu Wohlstand gelangenden Ostländern immer neue, immer härtere Lasten aufbürdet. Das «Friedensprojekt EU» hat Schlagseite.

Die Schuldner diktieren

Die überschuldeten Länder – sie bilden in der EU offensichtlich die Mehrheit – sind an der Zementierung der für jeden Vernunftbegabten unhaltbaren Situation interessiert. Für sie ist wichtig, dass sie für die Überschuldung ihrer Länder gleiche Behandlung erwarten und durchsetzen können wie die Griechen. Die EU muss sich offensichtlich den wirtschaftlich Unproduktivsten in der Union anpassen. Und diese Unproduktivsten werden vom Zwang befreit, ihre Hauptprobleme – die nicht bezahlbaren Sozialapparate, verwaltet von nichtbezahlbaren Bürokratien – endlich anzugehen. Nicht Steuerhinterziehung ist ihr Hauptproblem: Das Hauptproblem ist – insbesondere in Frankreich und Italien – die Abwanderung der produktiven Industrie, der wirtschaftliche Aderlass bei sich laufend verteuernden Funktionärsapparaten.

Wie lange werden die EU-Nordländer – in diesem Bankrott-System zu ohnmächtigen Zahlern degradiert – der üblen Entwicklung noch zusehen

Spätestens zu dieser Frage taucht als Antwort regelmässig der Name von Mario Draghi auf: Er werde und könne mit seinen Druckerpressen – beziehungsweise mit Bedienung der dafür vorgesehenen Computertaste – das Ganze sicher schon richten. Als ob uferlose Ausweitung der Geldmenge bei stagnierender oder gar sinkender Wirtschaftsleistung ohne Folgen bliebe für ein Land, dessen Volkswirtschaft und dessen Einwohner. Aus Angst vor dem Zusammenbruch des Euro-Systems wird notgedrungen grünes Licht gegeben für die Zerrüttung der gemeinsamen Währung durch die Institution, die eigentlich Währungshüterin sein müsste.

Ob der wissenschaftlich arbeitende Politgeograf Michael Hermann darin die «unerschütterliche Stärke Brüssels» glaubt erkennen zu können?

Zahlen fehlen

Aufschlussreich: Zahlen zur Untermauerung der behaupteten Stärke der EU nennt der wissenschaftliche Politgeograf keine. Die «Weltwoche» hat die wichtigsten vermittelt (23. Juli 2015): Noch vor acht Jahren trug die Europäische Union 31 Prozent zur weltweiten Wirtschaftsleistung bei – fast ein Drittel. Heute, acht Jahre später beträgt ihr Anteil am weltweiten Wirtschaftsaufkommen noch 22 Prozent – wenig mehr als ein Fünftel! Dieser Rückgang der europäischen Wirtschaftsleistung: Darin widerspiegelt sich das eigentliche Desaster der Fehlkonstruktion EU. Er ist der «Leistungsausweis» von Brüssels Funktionären – nach wie vor die bestbezahlten weltweit.

Die EU, für deren Wohlergehen diese Funktionäre verantwortlich wären, serbelt, gerät weltweit in eine wirtschaftliche Randposition. Sie, die Funktionäre selber, leben derweil im Luxus. Wer darin «Stärke» zu erkennen glaubt, sollte sich gelegentlich wohl ernsthaft mit seiner wissenschaftlichen Qualifikation auseinandersetzen.

Und die Schweiz?

Die Schweiz liegt inmitten Europas. Der aus ihrer Überschuldung resultierende Krebsgang der EU kann den Schweizern gewiss nicht gleichgültig sein – ist auch nicht Anlass zur Jubelfeiern der EU-Beitrittsgegner.

Er muss aber Warnung sein: Wer sich in eine der Schwindsucht verfallene Union «institutionell einbinden» lässt, wird zwangsläufig auch Opfer des Niedergangs dieser Union. Für die Schweiz, noch im Wohlstand lebend, heisst das: Die Brüsseler Funktionäre, laufend um die Rettung ihrer persönlichen Position kämpfend, werden vor allem den Wohlstand der Schweiz in ihr Visier nehmen.

Er dürfte, sobald die Schweiz «institutionell» an die EU gefesselt wäre, bald dahin sein…

 

 






31.07.2015 | 3861 Aufrufe