Am 25. November 2012 wird im Kanton Zürich über die Abschaffung des bewährten Kindergartens und die Einführung der umstrittenen Grundstufe abgestimmt. Das Ziel der Initianten besteht offenbar darin, die «Finnlandisierung» unseres Schulsystems weiter voranzutreiben.

Um beim nächsten Pisa-Vergleich noch besser abzuschneiden, folgt in vielen Ländern eine Bildungsreform der anderen. Seit Finnland das Ranking anführt, findet allenthalben eine «Finnlandisierung» des Bildungswesens statt, wobei die Nebenwirkungen der einseitigen Pisa-Ausrichtung bei den angeblich «intelligentesten» Kindern kaum bekannt sind.

Laut Unicef-Report von 2007 leben finnische Kinder in wenig intakten Familienverhältnissen, ernähren sich ungesund, trinken viel Alkohol und rauchen häufig. In keinem Land hassen die Kinder die Schule derart wie in Finnland. Und obwohl oder gerade weil die Maturitätsquote in Finnland bei 95 Prozent liegt, beträgt die Jugendarbeitslosigkeit hohe 20 Prozent. Zum Vergleich: Die Schweiz – mit einer Maturitätsquote von «nur» 20 Prozent – weist international tiefe 3,5 Prozent aus.

Beim Ländervergleich anhand von Pisa-Resultaten ist für die Politiker nur das Ranking wichtig. Nebenwirkungen, effektive Leistungen der Schüler sowie ihre Berufschancen werden kaum beachtet. Die Frage, wer Pisa erfunden hat und welche Interessen und Ziele damit verfolgt werden, wird nicht gestellt. Die Pisa-Steuerungsfaktoren (Governance) werden vom Büro der OECD in einem Rothschildschloss in Paris erstellt. Dort erarbeiten 2‘500 Mitarbeiter Reform-Empfehlungen (Hauptprojekt: Making Reform Happen») für alle Lebensbereiche, die man bei passender Gelegenheit (Windows of Opportunity) in geeignete Kanäle einfliessen lässt. Obwohl laut OECD Qualität nicht gemessen werden kann, werden ominöse Pisa-Indikatoren erstellt, die hauptsächlich auf amerikanischen Bildungsmethoden – die amerikanischen Steuerzahler berappen einen Viertel des OECD-Budgets – und bildungsfernen ökonomischen Theorien basieren.

Wird uns eine weitere Finnlandisierung des Bildungswesens auch hierzulande finnische Verhältnisse bescheren? Wurden im Zürcher Schulblatt (Nr. 5/2010) von fünf Prozent Jugendlichen berichtet, die nach neun Jahren Schulzeit weder schreiben noch rechnen können, so waren es zwei Jahre später (Schulblatt Nr. 1/2012) – gemäss kantonaler Pisa-Resultate – bereits zwanzig Prozent der Schulabgänger, welche die minimalen Ziele im Lesen und Rechnen nicht erreichen und deshalb im Berufsleben nur schwer vermittelbar sind.

Warum wollen wir im Namen von «Effizienz» und «Qualität» eine teure Bildungsreform-Bürokratie unterhalten, die der Qualität des Unterrichts letztlich schadet und den Lehrern die Freude an ihrer Arbeit nimmt? Gefährden wir damit nicht unsere einzige wirtschaftliche Ressource und unsere direkte Demokratie?

Peter Aebersold,
Zürich

26.10.2012 | 1597 Aufrufe