Am 2. August 2013

Der aktuelle Freitags-Kommentar der «Schweizerzeit» vom 2. August 2013

Von Ulrich Schlüer, Chefredaktor «Schweizerzeit»

Wer sich um die Geschichte des eigenen Landes foutiert, wird prägende Wesenszüge des eigenen Volkes nie wirklich verstehen können.

1386 – das Jahr der Schlacht bei Sempach wurde für die damals noch in Entstehung begriffene Eidgenossenschaft zum Jahr der entscheidenden Weichenstellung. 1386 schlug diese Eidgenossenschaft eine Entwicklung ein, die sie dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, dem sie bis zum Westfälischen Frieden von 1648 noch angehörte, immer stärker entfremdete.

1386 standen sich bei Sempach zwei Heere in feindlicher Absicht gegenüber: Das habsburgische Ritterheer einerseits, die auf Nahkampf bedachten Eidgenossen, gestellt von den acht der damaligen Eidgenossenschaft angehörenden «alten Orte», andererseits. Die Entscheidung von Sempach war eine historische Weichenstellung – sowohl bezüglich Waffentechnik als auch bezüglich der politischen Entwicklung.

Die Österreicher

Zunächst ist eine wichtige Frage korrekt zu beantworten: Wie setzte sich das damalige habsburg-österreichische Ritterheer überhaupt zusammen? Durch Eroberung, noch ausgeprägter durch überlegte Heiratspolitik hatte sich der Wirkungskreis der Habsburger, die ihren Ursprung bekanntlich im Aargau hatten, weit ins Österreichische verlagert. Wien wurde zum Zentrum des Habsburger Reiches.

Standen also im habsburgischen Heer vor Sempach die Bannerträger des Hochadels von Wien, von Böhmen, von Kärnten – allesamt aus dem Osten – den Eidgenossen gegenüber? Mitnichten! In der Schlachtkapelle zu Sempach sind noch heute die Banner jener Geschlechter abgebildet, die für das Haus Habsburg die Schlacht von Sempach bestritten: Da finden sich die Wappen der Herren von Seon, der Freiherren von Baldegg, der Freiherren von Wildegg sowie zahlreicher anderer zum niedrigen Adel gehörender Geschlechter, die damals noch in den Diensten der Habsburger standen – im Bernbiet, im Aargau, im Luzernischen, im Zürichbiet, in der Innerschweiz. Es standen also die Landleute aus den Vororten und den diesen bereits zugehörenden Gebieten, die damals die Eidgenossenschaft bildeten, den Adligen gegenüber, die sich im gleichen Gebiet zu behaupten versuchten.

Kriegstaktik

Das habsburgische Heer, das die Schlacht von Sempach bestritt, war ein «klassisches Ritterheer»: In schweren Rüstungen traten die Ritter auf teils ebenfalls gerüsteten Pferden an. Ihre Waffen waren die mehrere Meter langen Lanzen. So traten sie an zum ritterlichen Kampf, gleichsam einen langstachligen, aber nur schwer beweglichen Igel bildend.

Diesem langstachligen Igel standen die mit kurzen Hieb- und Stichwaffen ausgerüsteten Eidgenossen vorerst ratlos gegenüber. Die Länge der Spiesse hinderte sie daran, mit den Rittern den Nahkampf aufzunehmen. Entscheidend war deshalb, dass es den Eidgenossen gelang, den zuvor kompakten Igel aufzubrechen. Mit dieser Tat ist jene Überlieferung verbunden, die im Namen Winkelried personifiziert worden ist.

Tatsache ist: Es gelang den Eidgenossen, in den Ring der Ritter einzubrechen. Von diesem Moment an waren diese Ritter, Gefangene ihrer schweren Rüstungen, behindert durch ihre viel zu langen Lanzen, verloren. Fast hilflos fanden sie sich den ihr brutales Werk unbeirrt vorantreibenden effizienten Kurzwaffen der Eidgenossen ausgesetzt.

Sempach bescherte der Kriegsgeschichte das Ende der klassischen Ritterheere. Mochten die Ritter die Nasen rümpfen ob des rohen Zuschlagens der eidgenössischen Kämpfer, mochten sie diese der «unedlen Kampfführung» beschuldigen, so erwiesen sich die Infanteriewaffen der Eidgenossen der ritterlichen Bewaffnung doch als weit überlegen. Die Infanterie der Eidgenossen trug den Sieg davon gegen die alte, ritterliche Kavallerie.

Wegweisender Sieg

Die Sempacher Schlacht bewirkte auch eine politische Weichenstellung von grundlegender Bedeutung. Dies, weil die Eidgenossen, als sie mit ihren Infanteriewaffen die Oberhand gewonnen hatten, nicht innehielten, vielmehr das ritterliche Heer regelrecht niedermachten. Sie ruhten nicht, bis das habsburgische Heer nicht nur geschlagen, sondern vernichtet war.

Das hatte Folgen: Der niedere Adel, der sich bis Sempach neben den Eidgenossen noch zu behaupten vermochte, wurde zu Sempach buchstäblich ausgerottet. Es gab danach auf dem Boden der Eidgenossenschaft, auf dem Boden der nachmaligen Schweiz kein adliges Geschlecht mehr, das imstande gewesen wäre, Herrschaft auszuüben. Die Feudalherrschaft, die Adelsherrschaft hatte «mangels weiteren Personals» aufgehört zu existieren.

Damit konnte sich auf dem Boden der Eidgenossenschaft eine für lange Jahrhunderte innerhalb des deutschen Reiches einzigartige Herrschaftsform entwickeln: Der adelsfreie Territorialstaat. Er ging aus von den Vororten der eidgenössischen Stände, insbesondere von den Städten Zürich und Bern. Diese griffen mit Erwerbungen und Eroberungen weit in die Landschaft aus. Bern wurde innerhalb des damaligen Deutschen Reiches zum grössten Territorialstaat, der nicht einer Adelsherrschaft unterstand.

Während die Feudalherrschaft, also die Herrschaft durch Adelshäuser im Deutschen Reich bis weit über die Zeit Napoleons hinaus überlebte, so verschwand die gleiche Herrschaftsform ab 1386 vom Boden der Eidgenossenschaft – sozusagen aus «Personalmangel». Damit nahm die Eidgenossenschaft eine völlig andere Entwicklung als das übrige Deutsche Reich, dem die Eidgenossenschaft völkerrechtlich noch angehörte bis 1648, als es im Rahmen des Westfälischen Friedens die von allen wichtigen Staaten Europas damals verbriefte staatliche Unabhängigkeit vom im Dreissigjährigen Krieg schwer geschwächten Deutschen Kaiserreich erlangte.

Auf dem Weg zur Volkssouveränität

Natürlich vergingen noch Jahrzehnte, noch Jahrhunderte, natürlich kam es noch zu zahlreichen Wechselfällen, bis die in der Eidgenossenschaft 1386 durchgesetzte Selbstverwaltung auch demokratische Züge annahm. Entscheidend war, dass ab 1386 auf dem Gebiet der Eidgenossenschaft nicht mehr adlige Geburt darüber entschied, wer politische Macht, wer politische Herrschaft ausüben konnte. Es bedurfte einer persönlichen Leistung, beispielsweise des Erfolgs als Händler oder als Kaufmann, bis jemand Regimentsfähigkeit erlangte. Dieser andere, geburtsunabhängige Weg, zu politischem Einfluss zu gelangen, verlieh der Eidgenossenschaft einen grundlegend anderen Charakter als dem im Feudalismus verharrenden Deutschen Reich.

Die Eidgenossenschaft musste auf ihrem Weg der Selbstverwaltung gar noch eine schwere Niederlage – gegenüber Napoleon – einstecken, bis Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem System der Selbstverwaltung die Idee der Volkssouveränität herauswachsen konnte. 1848 war es soweit – die damals verabschiedete erste Bundesverfassung des modernen Bundesstaats Schweiz schlug mit der Volkssouveränität als Kernartikel endgültig den Weg ein Richtung direkte Demokratie.

Begonnen hatte die territoriale Selbstverwaltung 1386 nach der Schlacht von Sempach. 1648 errang die Eidgenossenschaft damit die staatliche Unabhängigkeit vom Deutschen Kaiserreich. Die Vollendung erfuhr diese Selbstverwaltung durch Verankerung der direkten Demokratie in der Bundesverfassung im neunzehnten Jahrhundert – jener direkten Demokratie, die den «Sonderfall Schweiz» im heutigen Europa prägt.

Ulrich Schlüer

02.08.2013 | 5673 Aufrufe