«Geheimbericht» gegen Christoph Mörgeli

Der aktuelle Freitags-Kommentar der «Schweizerzeit» vom 4. Oktober 2013

Von Ulrich Schlüer, Chefredaktor «Schweizerzeit»

Christoph Mörgeli ist jetzt also «wissenschaftlich ertappt» worden: Von den 64 Dissertationen – Arbeiten zur Erlangung der Doktorwürde –, die unter seiner Leitung am Medizinhistorischen Institut der Universität Zürich entstanden sind, müssten mehrere als «mangelhaft» beurteilt werden.

Dieses Verdikt liess die Universität Zürich den Medien aushändigen, nachdem es ein «international besetztes Experten-Gremium» in einem Bericht festgehalten haben soll. Der Bericht beruhe auf den Resultaten von Untersuchungen an 39 Dissertationen, wovon die meisten von Professor Christoph Mörgeli begleitet worden seien.

«Genügend» aber «mangelhaft»

Allerdings: Trotz Ihrer Mangelhaftigkeit sei das «Genügend» all diesen Dissertationen zu Recht erteilt worden, soll dieser Bericht verkünden. «Genügend» – aber trotzdem «mangelhaft»: Wie soll man aus solcher Qualifikation klug werden? Zumal verschiedenen von Professor Mörgeli betreuten Arbeiten gleichzeitig auch noch «hoher wissenschaftlicher Standard» attestiert wird.

Offensichtlich sei, dass keinem der 39 Verfasser der genauer überprüften Dissertationen der Doktortitel nachträglich wieder aberkannt werden könne. Ihre Arbeiten entsprachen also den an sie gestellten akademischen Ansprüchen. In letzter Zeit sind – im Ausland wie in der Schweiz – akademische Titel mehrfach solchen Autoren angeblicher Doktorarbeiten wieder abgesprochen worden, denen unkorrektes Abschreiben nachgewiesen werden konnte. Gemäss dem Zürcher Bericht kann solches keiner Dissertation vorgeworfen werden, die Prof. Christoph Mörgeli betreut hat. Denn offensichtlich ist: Könnte Mörgeli in solchem Zusammenhang irgend welche Nachlässigkeit vorgeworfen werden, so hätte ihn der Bannstrahl der hohen Universitätsleitung mit absoluter Sicherheit ohne jedes Pardon getroffen.

Alles bleibt geheim

«Mangelhaft» und dennoch «genügend»: Will, wer solch widersprüchliches Urteil vernimmt, nicht mit denen sprechen, die dieses Urteil gefällt haben – um ihre Begründungen für das Unverständliche in Erfahrung zu bringen? Das allerdings ist unmöglich. Die Namen der im «Internationalen Gremium» einsitzenden Persönlichkeiten, die über Mörgeli zu Gericht gesessen sind, bleiben geheim. Also möchte man den Bericht und die darin gewiss ausführlich dargelegten Begründungen lesen. Auch das ist unmöglich. Denn auch der Bericht ist geheim. Es untersteht also höchster Geheimhaltung, wie und weshalb ein Gremium Dissertationen gleichzeitig als mangelhaft und dennoch genügend beurteilt.

Auch vor dem Betroffenen bleibt fast alles geheim. Während Universitätsrats-Mitglied Kathy Riklin, CVP-Nationalrätin, schon Tage vor Erscheinen des Uni-Berichts den Treffer auf Mörgeli prahlend und strahlend den Bundeshausjournalisten in Aussicht gestellt hat, erhielt der Angeklagte den Bericht erst unmittelbar vor dessen Veröffentlichung. Grosse Teile des Textes waren eingeschwärzt, sind also für Mörgeli unlesbar. Die Namen der Verfasser bleiben auch Mörgeli gegenüber geheim.

Wenn ein Mitglied des Universitätsrats wie die Mörgeli seit Jahren spinnefeinde Kathy Riklin darob sichtbar gefeiertem Triumph verfällt, sehnt sie sich offenbar zurück ins Zeitalter kommunistischer und anderer totalitärer Schauprozesse, wo Einzelne, welche sich der Ideologie der Herrschenden verweigerten, oft ebenfalls ohne jede Anhörung geschmäht, verurteilt und versenkt wurden. Im Rechtsstaat dagegen ist die Anhörung eines jeden Beschuldigten ein elementares Grundrecht – das könnte die streitbar-vorlaute CVP-Nationalrätin sogar in der Bundesverfassung nachlesen.

Wahrheit oder Polemik?

Geheimbericht und Geheimgremium: Ist das neuerdings die Art, wie die Universität Zürich, einst weithin anerkannter «Hort der Wissenschaft», mit solchen Professoren umgeht, deren Wertvorstellungen nicht den von oben verordneten Direktiven entsprechen? Fühlen sich die Autoren, die den Bericht gegen Mörgeli veranlasst haben, zu schwach, ihr «Werk» auch zu verteidigen, wenn darin enthaltenen Aussagen kompetent widersprochen würde? Geht es gar nicht um Wahrheitsfindung, vielmehr um Abrechnung, um «Fertigmacherei mit allen Mitteln»?

Will die Universität sachlicher Widerrede deshalb ausweichen, weil man die Medien bereits mit der – nirgends nachgewiesenen, nirgends nachprüfbaren – Behauptung gefüttert hat, Mörgeli habe selbst für blosses Abschreiben irgend welcher alter Texte grosszügig Doktortitel verteilt?

Vergleichs-Verdienste

Das Institut, das Christoph Mörgeli als Professor jahrelang geleitet hat (wofür ihm von der gleichen Universität wiederholt hervorragende Qualifikationen ausgestellt wurden), untersteht, seit Mörgeli weggemobbt wurde, einem neuen Direktor. Dieser ist zwar – weil Verfahren rund um die Absetzung Mörgelis noch laufen – seit Monaten suspendiert. Dennoch muss auffallen, dass die gegen Mörgeli eingesetzte «Geheimkommission» und deren «Geheimbericht» ausgerechnet Umstände ins Visier nehmen, denen gegenüber Mörgelis Nachfolger, Professor Flurin Condrau, tatsächlich mit reinster Weste dasteht.

Um zu beweisen, dass kein einziger von Condrau je begleiteter Doktorand «mangelhaft» gearbeitet hätte, ist weder ein Geheimbericht noch ein Geheimgremium erforderlich. An den von Professor Condrau begleiteten Doktorarbeiten kann nur schon deshalb nichts beanstandet werden, weil dieser Institutsdirektor bis heute – obwohl im 48. Altersjahr stehend – noch keine einzige Dissertation bis zu deren Annahme begleitet hat. Was der hochwohllöblichen Universitätsleitung Zürich offensichtlich bloss gleiches Achselzucken herauszulocken vermag wie die Tatsache, dass Professor Condrau bis heute keine Habilitationsschrift vorgelegt hat. Während jeder Professor einer jeden auf ihren Ruf bedachten Universität, bevor er eine Berufung erlangt, eine Habilitation vorlegen muss, also eine anspruchsvolle wissenschaftliche Arbeit zum Gebiet, auf dem zu lehren er sich beworben hat, gibt es eine solche aus der Feder des Nachfolgers von Christoph Mörgeli schlicht und einfach nicht.

Nicht dass Flurin Condrau nicht auch publiziert hätte. Nur war eines seiner bevorzugten Organe die WoZ. Die WoZ ist freilich keine wissenschaftliche Publikation. Eher eine Plattform für ideologisch motivierte Polemik. Ist das die Publikationsform, die zu Zürich heutzutage Berufungen an die Universität auslöst? Auf dass unter deren Siegel Geheimberichte von Geheimgremien entstehen, die Wissenschafter mit zwar ausgezeichneter Qualifikation, jedoch wenig Enthusiasmus für sozialistische Ideologie mit List und Tücke aufs Abstellgeleise zu manövrieren gestatten?

Ulrich Schlüer

04.10.2013 | 6424 Aufrufe