Winston Churchill und die Rettung der Freiheit

Haben Sie den Churchill-Film («Darkest Hour») schon gesehen? Ein Meisterwerk – zeigend, wie ein Einzelner eine Wende der Weltgeschichte herbeizuführen vermag. Überzeugt von seiner Mission, gewinnt er das Volk dazu, angesichts schicksalhafter Herausforderung die Freiheit zu bewahren.

Freitags-Kommentar vom 2. Februar 2018,
von Ulrich Schlüer, Verlagsleiter «Schweizerzeit»

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Unter die Haut geht dem Betrachter des Films nicht nur, wie der völlig isolierte Churchill mit sich selber und seinen Gegnern ringt, bis er – mit dem Volk, nicht mit der Classe politique im Rücken – den Weg findet, der für die weitere Existenz Englands, für eine Zukunft in Freiheit unausweichlich ist.

Von allen Seiten angefeindet

So eindrücklich, so packend dieser Kampf Churchills mit sich selbst und gegen alle feindseligen Ränke und Intrigen gestaltet wird, so eindringlich lässt er den Zuschauer erkennen, was überragende Staatsführung einerseits, widerliches Kriechen vor als weit stärker eingestuftem Feind andererseits in Zeiten höchster Gefahr bewirkt.

Churchill wurde in der Schicksalsstunde Grossbritanniens nicht mit ihm auch Rückhalt sichernder Zustimmung zum Premierminister gewählt. Er wurde gewählt, weil die ewigen Kompromissler, die England in aussichtslose Sackgasse manövriert hatten, vor der von ihnen mitzuverantwortenden Wirklichkeit ganz einfach kapitulierten – feige kapitulierten. So widerwärtig Churchill der Classe politique war, so mussten sich deren Exponenten eingestehen, dass nur noch dieser gefürchtete Titan der eingetretenen Lage gewachsen sein könnte.

Doch ab erster Stunde seiner Regierung intrigierten sie gegen Churchill. Sie behinderten ihn, wo sie nur konnten. Sie waren sogar bereit, ihr Land Hitler auszuliefern, nur um Churchill scheitern zu sehen.

Das Einzigartige an dieser Ausgangslage: Churchill kannte seine Gegner. Er kannte die Charaktere der dem Berliner Gewaltherrscher gegenüber zu jeder Anpassung Bereiten nur zu genau. Und weil er sie und ihre Bereitschaft zu miesen Machenschaften durchschaute, holte er sie in sein Kriegskabinett: Er wollte sie unter seiner Kontrolle wissen.

Appeasement

Unter ihnen auch Neville Chamberlain und Viscount Edward W. Halifax, die Exponenten der in allen Teilen gescheiterten Appeasement-Politik mit dem schmachvollen Münchner Abkommen von 1938 («Peace for our time») als Höhepunkt: Sie lieferten Hitler halb Europa aus, ihrem eigenen Volk diesen Schritt damit begründend, man habe auf diese Weise die eigene Haut vor dem Rasenden in Berlin gerettet.

Dann aber trat die Katastrophe ein: Das britische Heer – völlig ungenügend, wenn überhaupt bewaffnet – von Hitlers moderner, kampfkräftiger Panzer-Armee in Dünkirchen und in Calais eingekesselt, eigentlich bereits auf der Schlachtbank. Churchill musste erkennen: «Wir haben nichts!». Er bat den US-Präsidenten Franklin Delano Roosevelt um Hilfe. Dieser konnte nicht helfen; noch waren die USA nicht im Krieg. England hatte also nichts. Und England stand allein.

Zur Verteidigung unfähig

Die Schleimer der Appeasement-Politik hatten nicht nur Hitler unablässig geschmeichelt. Sie hatten – eine Lektion sowohl für alle Freiheitsbewussten als auch für alle Kooperations-Schwärmer – rein gar nichts getan, um das eigene Land in der Stunde höchster Gefahr auch nur einigermassen schützen zu können. Weitestgehend wehrlos war Englands Rest-Armee dem Wüten Hitlers ausgesetzt. Keiner der Anpasser in der Classe politique hatte je daran gedacht, dass mit Englands Insel-Lage Englands Sicherheit noch längst nicht gewährleistet war. Sie hatten ihre Macht genossen, sie hatten Hitler hofiert – aber die wichtigste Aufgabe für die Regierung, alles vorzukehren, um Land und Volk Sicherheit zu gewährleisten: Diese Aufgabe hatten sie völlig vernachlässigt, ja vergessen und verachtet.

Sie träufelten dem eigenen Volk als beruhigendes, ihr Pflichtversagen tarnendes Gift ein, man befinde sich selber in wohliger Sicherheit, wenn man dem landgierigen Berliner Gewaltherrscher Europas Osten zum Frass vorwerfe. Und so standen Englands Truppen 1940 weitgehend ungeschützt den sie umzingelnden Panzern der Wehrmacht gegenüber, in entscheidender Stunde ohne wirksame Waffen, chancenlos.

Stunde der Wahrheit

Diejenigen, die den Machthunger Hitlers ständig verniedlicht und ihn mit Beutestücken vermeintlich ausreichend versorgt hatten, verzogen sich in irgend welche Hinterzimmer, um neue Offerten an Berlin auszuhecken, mit denen sie sich selbst einzureden versuchten, man könne damit möglicherweise einen erträglichen Unterwerfungsvertrag vom Gewaltherrscher zu Berlin erbetteln.

Churchill – immerhin mit dem König im Rücken – musste derweil den in Calais ausharrenden viertausend Engländern den Befehl erteilen, buchstäblich bis zur letzten Minute – ohne Aussicht auf Rettung – allen ihnen noch möglichen Widerstand zu leisten, auf dass Hitlers Sturmlauf auf Dünkirchen so verzögert wurde, dass doch die meisten der dort eingeschlossenen dreihunderttausend englischen Soldaten gerettet werden konnten – gerettet auf Booten, die der Premier der Flottenmacht England bei Privaten ausleihen musste. Nichts hätte das heillose Versagen der gegen Churchill intrigierenden gescheiterten Appeasement-Strategen eindringlicher illustrieren können als die zur Rettung der meisten Eingeschlossenen von Dünkirchen aufgebotene «Flotte» geborgter Kleinboote.

Das schlimmer kaum vorstellbare Versagen der Classe politique wurde allein aufgewogen durch einen zu allem entschlossenen, die Autorität zur schwierigen Entscheidung allein mit seinem Appell ans Volk gewinnenden Premierminister Winston Churchill – im direkten Kontakt mit den so packend glaubwürdig charakterisierten U-Bahn-Benutzern.

Unter Churchills Führung fand England selbst in schwierigster Stunde jenen Willen zum Widerstand, der schliesslich Jahre später – nachdem Millionen des von den Schwächlingen dem Verderben Ausgesetzten ihr Leben hatten lassen müssen – die Kriegswende herbeiführte. Am Anfang stand der Opfertod der viertausend britischen Soldaten in Calais, vom Volk als unabänderliche Notwendigkeit eingesehen, auf dass Grossbritannien den Kampf gegen Hitler erfolgversprechend aufnehmen konnte.

Die Lektion

Nicht jene, die dem Unmässigen in wohlfeile Zeilen verpackte Beutestücke zuwarfen, nicht jene, die von Kooperation schwärmten, erkämpften der freien Welt die Freiheit zurück. Die Freiheit wurde zurückgewonnen von jenen, die mit ihrem Leben zu ihrem Land standen, die zunächst dem eigenen Land, dann den Geknechteten auf dem Festland die Freiheit zurück erkämpften. Das Volk war dazu entschlossen, während die Classe politique zum Verrat bereit war.

Die Freiheit überlebt durch jene, die eigenständig die Kraft zum Widerstand – auch gegen vermeintlich Übermächtige – aufbringen. Wahrhaftig eine deutliche Lektion an all die Schwärmer von EU- und Nato-Partnerschaft. Nicht auf die Vielschwätzer und Armeeverächter à la Levrat, à la Wermuth, à la Glättli, auch nicht auf die sich als Erfinder der Weltpolitik aufspielenden, durch alle Lande des Erdballs schwärmenden und dazu unablässig plappernden Geister à la Schneider-Schneiter, a là Galladé, à la Fiala ist in der Stunde der Not Verlass. Weit eher auf den unbequemen, den eigensinnigen, den kantigen, widerstandserprobten Anführer, der durch seine glaubwürdige Eigenständigkeit das Volk auf seine Seite zu bringen vermag.

Eine Lektion in Weltgeschichte, die für alle Generationen Gültigkeit hat.

Ulrich Schlüer

03.02.2018 | 1980 Aufrufe