Wenn ich mich auf Leserbriefseiten oder im Internet über gegnerische Standpunkte orientiere, zieht sich ein Aspekt wie ein roter Faden durch die gesamte «Argumentationslandschaft»: Zielscheibe ist nicht in erster Linie die Initiative, sondern die SVP, getreu dem Motto: «Man schlägt den Sack und meint den Esel». Fast in jedem zweiten Leserbrief fällt der Ausdruck «Mogelpackung», ohne nähere Angaben, wo und warum denn hier «gemogelt» werden soll.

Das gegenseitige Nachplappern solch abgelutschter Worthülsen lässt auf einen akuten Argumentationsnotstand schliessen. Das unerwartete Umfrageergebnis von 64 Prozent Zustimmung zur Familieninitiative liess offenbar einige Gegner in Panik erstarren. Im Hinblick auf den Anfang 2014 zu erwartenden Abstimmungskampf zur SVP-Masseneinwanderungs-Initiative» können es sich Economiesuisse und FDP schlicht nicht leisten, der SVP zweieinhalb Monate vor der «Entscheidungsschlacht» noch einen Abstimmungserfolg zuzugestehen. Im Bewusstsein, dass auch die nächste SVP-Initiative im Volk grosse Sympathien geniesst, wollen die Economiesuisse-Verantwortlichen auch zu unkonventionellen Mitteln greifen.

Eine eigenartige Logik verrät beispielsweise der Werbespruch «Ein Schuldzinsabzug ohne Schulden». Dieser Vergleich hinkt mit beiden Beinen. Dass die Besteuerung einer «Miete ohne Mietzinseinnahmen» (Eigenmiete) schon seit langem besteht, hat der «FDP-Sprücheklopfer» offenbar übersehen. Es ist meines Erachtens ein Skandal, dass selbstbetreuende Eltern derart diskriminiert und von einem gleichwertigen Abzug bei der Bundessteuer ausgeschlossen werden! Sind wir tatsächlich zu einer Zweiklassengesellschaft verkommen? Logisch ist, dass zuhause genau die gleichen Kosten anfallen wie in der Krippe (Essen, Windeln, Spielsachen etc.) Oder ist die Arbeit einer Mutter etwa weniger wert als die einer diplomierten Krippenleiterin? Darf hier, nur um den ideologischen Vorlieben einer etatistisch gesinnten Regierung Genüge zu tun, mit ungleichen Ellen gemessen werden? Bei der Abstimmung 2011 über die Abzüge bei Fremdbetreuung war eine Diskussion über Steuerausfälle völlig tabu. Doch jetzt, bei der Forderung nach Gleichbehandlung, wird dieser monetäre Aspekt plötzlich hochgespielt. Obwohl sich eigenbetreuende Eltern mit nur einem Einkommen begnügen müssen, tragen sie mit ihren Steuern massgeblich zur Finanzierung der meist grosszügig subventionierten Krippenplätze bei, ohne selbst auch nur einen Rappen abziehen zu können. Indem sie auf subventionierte Krippenplätze verzichten, entlasten sie den Staat zusätzlich in erheblichem Masse.

Zum fortschreitenden Trend einer Fremdbetreuung von Kleinkindern hier noch das Zitat eines Kinderarztes in der NZZ vom 4. November 2013: «Eine grosse Anzahl dieser Kleinstkinder würde uns massiv anklagen, dass wir sie so früh der Sicherheit und Geborgenheit ihrer Familie entreissen und für einen Grossteil ihrer Lebenszeit in eine Betreuungsinstitution verbannen!»

Robert Nieth,
Walchwil

20.11.2013 | 1499 Aufrufe