Polemik und Argumente in einem Abstimmungskampf

Der aktuelle Freitags-Kommentar der «Schweizerzeit» vom 30. August 2013

Von Ulrich Schlüer, Chefredaktor «Schweizerzeit»

Eigenartig: Dass der in der Schweiz geltenden Allgemeinen Wehrpflicht eine historische Entwicklung zugrunde liegt, wird im laufenden Abstimmungskampf weitgehend ausgeblendet.

Staaten sind entstanden aus dem Sicherheitsbedürfnis von Menschen. Auch im liberalen Staat war dieses Sicherheitsbedürfnis auschlaggebend für den demokratisch getroffenen Entscheid, die Wehrpflicht in der Verfassung zu verankern.

Allein hilflos

Bedrohung traf in der Geschichte nicht immer ganze Länder oder Ländergruppen. Ein Angreifer versucht oft, Einzelne zu treffen – herausragende Persönlichkeiten, exponiert angesiedelte Menschen, einzelne Dörfer, einzelne Städte. Und den Bedrohten verinnerlichte sich die Erkenntnis: Wer, zum Ziel erkoren, allein gegen einen mit konzentrierter Macht angreifenden Feind antreten muss, ist hoffnungslos unterlegen. Der einzelne Bedrohte hat nur eine Chance, wenn andere, im Moment nicht im gleichen Mass Bedrohte, ihm in der Stunde der Not zu Hilfe eilen. Diese Überzeugung fand ihren Niederschlag im Schlagwort «Alle für Einen».

Indessen funktioniert das «Alle für Einen» nur, wenn dafür zuvor Ausrüstung beschafft und Ausbildung vorgenommen worden ist. Ausbildung, der sich alle unterziehen müssen. In der Stunde der akuten Not erst mit Ausbildung zu beginnen, ist nutzlos. So fand das «Alle für Einen» seine Ergänzung im «Einer für Alle». Jeder muss sich zur Verfügung halten, damit Abwehr in der Stunde der Bewährung gelingen kann.

Zeitloser Grundsatz

Ein an sich äusserst einfacher, zweifellos auch den meisten Zeitgenossen einleuchtender Grundsatz, der unabhängig von sich entwickelnder Waffentechnik, von sich verändernder Angriffstaktik als Antwort auf Bedrohung gültig ist.

Es bedarf selbstverständlich sorgfältiger Beobachtung, wie sich Bedrohung aufbaut, verändert, gegebenenfalls wieder abbaut. Und es muss sorgfältig überlegt werden, welche Antwort die richtige ist zum aktuellen Bedrohungsbild. Bis heute aber gilt, dass der Grundsatz «Einer für Alle – Alle für Einen» seine Gültigkeit bewahrt hat. Denen, die ihm nachleben, verhilft er zu Selbstbestimmung und Freiheit.

Wer diesen Grundsatz bekämpft, indem er die Pflicht eines jeden Einzelnen, für den andern, wenn er bedroht ist, einzutreten – wer diesen Grundsatz untergräbt und der Lächerlichkeit preisgibt, der wendet sich gegen die Abwehrbereitschaft schlechthin. Er verhindert Selbstbestimmung, zerstört Freiheit. Deshalb ist die Attacke auf die Wehrpflicht eine Attacke auf die Armee und auf die Selbstbestimmung der Schweiz.

Wie berechnet man die Mannschaftsstärke?

Eine weitere Beobachtung erstaunt: Es gibt bekanntlich «Liberale», die behaupten, in der Stunde der Not, wenn ein Einzelner existentiell bedroht ist, könne ein Aufruf, Freiwillige sollten sich zur Hilfeleistung melden, zur Abwehr der Bedrohung genügen. Ob diese Freiwilligen sich wenigstens schon versammelt haben, wenn der Bedrohte bereits im Kugelhagel steht? Hilfsbereitschaft in Ehren – aber ohne Training nützt sie nichts.

Eigenartig dabei: Selbst Professoren, die sich gern zu allem und jedem wortreich zu melden pflegen, scheinen nicht zu wissen, wie die Grösse eines Heeres überhaupt zustande kommt. Ein Freiburger Professor verbreitet derweil die Weisheit, unsere Armee weise inzwischen einen derart geringen Mannschaftsbestand auf, dass die Wehrpflicht überflüssig werde. Diese würde bloss Überbestände bewirken.

Der Herr Professor scheint nicht zu wissen, dass die Musterung der Wehrfähigen heute genau gleich verläuft wie damals, als die Schweiz ein Heer mit einem Mannschaftsbestand von gegen eine Million Mann unterhielt.

Entscheidend ist die Länge der Dienstpflicht

Der Mannschaftsbestand von damals kam doch nicht zustande, weil die schweizerische Bevölkerung viel zahlreicher war als heute – im Gegenteil! Der Mannschaftsbestand der Armee war und ist nie abhängig von der Zahl der Ausgehobenen. Er ist abhängig von der Länge der Wehrdienst-Pflicht der Wehrmänner. Das Heer umfasste viele hunderttausend Mann, als jeder gesunde Schweizer vom zwanzigsten bis zum sechzigsten Altersjahr wehrpflichtig war. Der Bestand verringerte sich, als die Wehrpflicht nur noch bis Alter 48, dann bis 40 dauerte, schliesslich gar bei 32 Jahren begrenzt wurde. Die Zukunft soll eine weitere Herabsetzung bringen. Ausgehoben werden gleichviel, aber sie sind weniger lang militärdienstpflichtig

Fazit

Gut, dass von Zeit zu Zeit über Grundfragen der Selbstbehauptung eines Landes abgestimmt werden muss. Es besteht dann die Möglichkeit, Falschmeinungen – ob polemisch aufgebläht oder auf falschen Annahmen beruhend – auf den Boden der Wirklichkeit zurückzuholen. Vorausgesetzt dass die, die sie verbreiten, nicht bloss unablässig daherschwatzen, sondern vielleicht auch einmal zuhören.

Ulrich Schlüer

 

30.08.2013 | 6208 Aufrufe