Es ist ergreifend zu sehen, wie das Car-Unglück von Siders (Sierre) eine Welle der Solidarität auslöste. Spontan entdeckten die Menschen ihre Schicksalsgemeinschaft, dies ganz besonders in der belgischen Bevölkerung, die namentlich in den letzten Jahren ein Bild grosser politischer Zerstrittenheit geboten hatte. Der tiefe Graben zwischen der flämischen und der wallonischen Bevölkerung Belgien schwelt allerdings schon seit vielen Jahren.

Als ich vor Jahrzehnten zwei Semester an der Universität Löwen (Leuven) verbrachte, musste ich feststellen, wie man es da selbst in Akademikerkreisen am nationalen Gemeinschaftssinn fehlen liess. Spontan drängt sich mir heute die Frage auf: Wird der Tod der vielen Kinder – ungeachtet der unweigerlich empfundenen Sinnlosigkeit – beim belgischen Volk endlich das Gefühl der nationalen Zusammengehörigkeit nachhaltig genug zu prägen vermögen? Wir man sich «hüben wie drüben» endlich die Hände zu einer aufrichtigen Aussöhnung reichen? Es wäre dies jedenfalls mein grosser Wunsch, der Wunsch eines Vaters, der seinerzeit selbst durch die Unachtsamkeit eines Autolenkers eine Tochter im Alter von 17 Jahren verlieren musste.

Auch das Schweizervolk hatte sich einmal so zerstritten, dass sogar ein Bürgerkrieg auszubrechen drohte, dies nach den siegreichen Burgunderkriegen. Aber dank der Kompromissbereitschaft der zerstrittenen Lager (Städtebund gegen die Landkantone) fand man dank dem Rat des Einsiedlers Niklaus von Flüe unversehens zur Einigkeit zurück. So wurde das Jahr 1481 damals zur Sternstunde der Schweiz.

Wird heute auch Belgien seine Stunde zu nutzen wissen?

Traugott Voegeli-Tschirky,
Leibstadt AG

22.03.2012 | 1604 Aufrufe