Der aktuelle Freitags-Kommentar der «Schweizerzeit» vom 4. Mai 2012

Das Fanal von Genf
Die Schweiz und ihre Forschungsplätze

 Von Ulrich Schlüer, Chefredaktor «Schweizerzeit»

Hatten Sie, geehrte Leserin, geehrter Leser, je Gelegenheit, das Forschungszentrum eines in der Schweiz niedergelassenen grossen Konzerns zu besichtigen – z.B. eine Forschungsabteilung eines unserer grossen Chemie- oder Pharma-Konzerne?

Ein Forschungszentrum also, wo sich Labor an Labor, Forschungsstation an Forschungsstation reiht, wo man Dutzende Wissenschafter an der Arbeit verfolgen kann – wie sie in ihren mit Apparaten reichlichst dotierten Forschungsstationen ihre Versuche einrichten und ablaufen lassen, wie sie diese registrieren, auswerten, mit Zahlenmaterial aus allen möglichen Datennetzen sorgfältig vergleichen und bewerten.

Alle Apparate benötigen Energie
Selbst wenn all die in solchen Forschungszentren laufenden Apparate, Computer und Bildschirme Geräte der neusten Generationen sind, ausgerichtet auf im einzelnen sehr sparsame Energienutzung, so ist der gesamte Energieverbrauch solch grosser Forschungszentren nicht bloss bedeutend, er ist gigantisch. Und ohne jeden Zweifel weisen die Rechnungen für den Energiebedarf solcher Zentren sehr hohe Beträge aus.

Die Energiekosten mögen in der Regel zwar nicht die höchsten Ausgabenposten solcher Forschungszentren sein – aber deren Energieverbrauch verursacht zweifellos zu hohen Aufwand, als dass dieser als Bagatelle abgetan werden könnte.

Von Roche und Novartis hat man schon mehrfach vernommen, dass diese beiden Konzerne allein für ihre auf dem Boden der Schweiz installierten Forschungszentren jährliche Kosten von je über einer Milliarde Franken aufwenden – auch für Weltkonzerne gewaltige Beträge. Im steten Bemühen, Kosten im Blick auf schliesslich erschwingliche Endprodukte möglichst tief zu halten, stehen – eine Binsenwahrheit – Kostenstellen mit hohen Beträgen auch in internationalen Konzernen immer im Fokus der auf Kosteneinsparung getrimmten Kontrollstellen. Somit sind die Energie-Verbrauchskosten der Forschungszentren immer Gegenstand laufender Überprüfung.

Dazu ist in der Regel der Einwand zu vernehmen, dass Investitionen in Forschungszentren immer Investitionen «in die eigene Zukunft» seien, da fielen einige Franken oder Dollar mehr oder weniger nicht so stark ins Gewicht. Als könnte man in durchaus weiter betriebenen Forschungszentren aber an andern, günstigeren Forschungsplätzen nicht genau gleich gute Forschungsresultate erzielen.

Merck
Einer jener Weltkonzerne, die derzeit dringend Kosteneinsparungen durchsetzen müssen, ist der deutsche Biotechnologie-Konzern Merck, welcher in Genf in den letzten Jahren einen bedeutenden Forschungsplatz unterhalten hat. Jetzt wird Genf aufgegeben. Die bisher dort betriebene Forschung wird einem andern, nicht in der Schweiz liegenden Merck-Forschungszentrum angegliedert. Ein Kostenentscheid – aus Sicht des Konzerns nachvollziehbar, für Genf aber eine Katastrophe.

Von Kostenentscheiden, wie er Genf jetzt trifft, werden vor allem solche Länder und Standorte heimgesucht, wo in Vergessenheit geraten ist, dass die Wirtschaft nun einmal dort produziert, wo die Rahmenbedingungen für Produktion und Forschung am günstigsten sind.

Energiewende
Die rot-grüne Classe politique der Schweiz erträumt sich derzeit die «grosse Energiewende». Sie weiss schon recht genau, was sie an funktionierenden, zuverlässigen, verhältnismässig kostengünstigen, im Hochlohnland Schweiz zu erträglichen Kosten Produktion (und auch Forschung) ermöglichenden Energieanlagen in den kommenden Jahren stilllegen, ja unter hohen Kosten gar schreddern will. Sie vermag die Milliarden-Kosten dieser Abbruchübung schon recht genau vorauszusagen.

Was anstelle dieser heute funktionierenden und Versorgungssicherheit gewährleistenden Energieproduktion entstehen soll – dazu gehen die Ideen und Träume freilich meilenweit auseinander. Eine immer strahlende Energieministerin, gestern noch Anwältin kostengünstiger Kernenergie, präsentiert plötzlich die Idee von neu zu erstellenden Gaskraftwerken. Auf lautstarken Protest sog. Umweltfreunde revidiert sie ihre diesbezüglichen Träume allerdings umgehend und flieht ins Unverbindliche.

Städte, die bereits tief in roten Zahlen stecken, träumen von grossen Windkraftwerken weit weg in der Nordsee und schicken aus leeren Kassen bereits viel Geld dorthin. Von diesen Windkraftwerken weiss man bisher allerdings bloss, dass sie, sollten sie je erstellt werden, unendlich viel höhere Kosten verursachen werden als bisher je «angedacht» worden ist.

Fern jeglichen Kostendenkens
Man weiss hier also genau, wie und wo man bestehende Anlagen stilllegen will. Aber man weiss nichts Konkretes über die zukünftige Energieversorgung – insgeheim wohl vor allem auf Importe aus französischen Atomkraftwerken und polnischen Kohlekraftwerken zählend. Man weiss nicht was. Man weiss nicht wie viel. Vor allem weiss man nichts Konkretes im Blick auf anfallende Kosten. Aber man will Bestehendes so rasch als möglich stilllegen.

Eines könnte man durchaus wissen, wenn man Fakten etwas sorgfältiger und realistischer einzuschätzen bereit wäre: Das Hochlohnland Schweiz kann für sehr viele Firmen Produktionsstandort nur bleiben, wenn es diesen Betrieben relativ günstige Energiekosten garantieren kann. Das gilt insbesondere auch für die Energie-intensiven Forschungszentren der grossen Konzerne.

Ob der «Fall Merck» die Leute, zumindest einige politisch Verantwortliche aus ihren unrealistischen Träumen wachzurütteln vermag? Ob insbesondere jene «auf die Welt kommen», für welche die Stromversorgung bis heute einfach an der Steckdose beginnt? Ob auch jene angemessen durchgeschüttelt werden, welche in unserem Land den Glauben zu verbreiten suchen, es lasse sich in der Schweiz – wenn Produktionsbetriebe je weniger Arbeitsplätze anbieten könnten – auch vom «staatlich garantierten Mindestlohn» von Fr. 2‘500.– recht gut leben – womit sie sich glauben davon dispensieren zu können, jenen, die hier wertschöpfende Leistung für Arbeit und Wohlstand erbringen, solche Rahmenbedingungen zu bieten, dass sie hier in der Schweiz und eben nicht anderswo produzieren und forschen?

An der Frage gesicherter und kostengünstiger Energieversorgung wird sich entscheiden, ob die Schweiz Hochlohnland bleiben kann.

Ulrich Schlüer


04.05.2012 | 4387 Aufrufe