Die Schweiz und Südafrika: Zwanzig Jahre nach dem Wandel

Der aktuelle Freitags-Kommentar der «Schweizerzeit» vom 27. Dezember 2013

Von Ulrich Schlüer, Chefredaktor «Schweizerzeit»

Der Tod Nelson Mandelas veranlasste fast jedes Medium der Schweiz zu einem Rückblick auf das Zeitalter der Apartheid, das vor zwanzig Jahren mit der Wahl Mandelas zum Präsidenten Südafrikas an sein definitives Ende gekommen ist.

In der Auswahl der «Kronzeugen» zu diesem Übergang (also der Peter Boden-manns, der Daniel Binswangers, der Peter Hugs usw.) bewiesen freilich allzu viele Medien längst überwunden geglaubte Einseitigkeit: Vor allem jene wurden als Gesprächspartner auserkoren, die offensichtlich bis heute nicht verwunden haben, dass der Wechsel in Südafrika damals ohne das von Vielen unermüdlich herbeigeredete grosse Blutbad Tatsache wurde.

Der Autor dieses «Brisant»-Bulletins wurde in diesen Kommentaren ausgiebig attackiert, weil er von 1982 bis 1993 das Geschehen im südlichen Afrika mit einem speziellen Informationsdienst verfolgt und rapportiert hatte.

Keine blutige Revolution

Wie fand denn damals die Ablösung der vor Mandela allein den weissen Südafrikanern reservierten politischen Herrschaft statt? Und welche von uns vor gut zwei Jahrzehnten getätigten Aussagen haben uns die erbitterte Feind-schaft jener eingetragen, die damals auf blutige Revolution setzten?

Wir haben damals in unseren Informations-Bulletins immer wieder die Über-zeugung vertreten, dass in Südafrika in allen um die Macht ringenden Bewegungen und Kräften genügend verantwortungsbewusste Persönlichkeiten aktiv waren, die das Prinzip «One man – one vote» durchsetzen wollten, ohne die bedeutende wirtschaftliche Position Südafrikas in Afrika existentiell zu gefährden.

Wir hielten den friedlichen Wandel, der dann ja auch Tatsache geworden ist, immer für möglich. Wir porträtierten und interviewten damals viele führende Persönlichkeiten unterschiedlicher politischer Lager und aus führenden Positionen der Wirtschaft, die sich – aus unterschiedlicher Optik – einerseits konsequent für die Schaffung einer einheitlichen, allen Südafrikanern offenen Demokratie einsetzten, die andererseits Südafrikas wirtschaftliche Position nicht gefährden wollten. Die zuvor allein den Weissen reservierte Demokratie sollte zu einer allgemeinen, allen Südafrikanern gleiche Rechte und gleiche Pflichten auferlegenden Demokratie werden, ohne dass Südafrika seiner Ernährungsbasis, also seiner Wirtschaft beraubt würde.

Es ging damals eben nicht bloss um Südafrika allein. Es ging auch darum, dem ganzen Subkontinent südlich des Äquators die für die Existenz von Millionen überlebenswichtige wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Südafrikas zu erhalten.

Versöhnung als Programm

Dass schliesslich kein Geringerer als Nelson Mandela – der nach 27jähriger Haft unter zeitweise sehr harten Bedingungen wahrhaftig Rachegefühle hätte entwickeln und ausleben können – zur Symbolfigur der Aussöhnung, des konstruktiven Miteinanders wurde, das beeindruckte die ganze Welt und liess ihn zu einer wahrhaft historischen Figur werden. Mandela enttäuschte allerdings all jene Schreibtischrevolutionäre, die aus ihren komfortablen Büros hier in Europa unablässig verkündeten, die Weissen Südafrikas würden schliesslich in einem grässlichen Blutbad jämmerlich verenden – und das hätten sie auch verdient.

Als Motor der tiefgreifenden Veränderung in Südafrika trieb damals sowohl die südafrikanische als auch die internationale Wirtschaft den Reformprozess an. Schweizer Niederlassungen international aktiver Schweizer Konzerne spielten dabei eine zweifellos nicht untergeordnete Rolle.

Apartheid unterlaufen

Die nach dem Zweiten Weltkrieg (an welchem Südafrika auf der Seite der Alliierten einen hohen Blutzoll entrichtete) vom damaligen Staatspräsidenten Hendrik Verwoerd in Gesetze gegossene Apartheid-Ideologie war in ihrem Wesen zugeschnitten auf einen landwirtschaftlich geprägten Staat. Den Schwarzen wurden Homelands zugewiesen, aus denen sie – für klar begrenzte Zeit – für vornehmlich untergeordnete Arbeit auf den Farmen von Weissen rekrutiert werden konnten. Nach Ablauf einer Arbeits-Periode wurden sie durch andere ersetzt.

Ein solches Arbeitsmodell ist für eine moderne Wirtschaft schlicht untauglich. Die Wirtschaft benötigt Fachkräfte. Fachkräfte, die sie für teures Geld aus- und weiterbildet. Dass teuer Ausgebildete nach wenigen Arbeitsmonaten in ihr Herkunftsgebiet zurückgeschickt und durch andere ersetzt würden – so etwas kann sich eine hochentwickelte Wirtschaft nicht leisten.

Gemäss überkommener Apartheid-Gesetzgebung gab es freilich keine Territorien, auf denen sich schwarze Facharbeiter in «weissen Gebieten» auf Dauer anzusiedeln berechtigt waren. Also wurden für schwarze Facharbeiter – und bei diesem Vorgehen haben Schweizer Firmen eine nicht unwesentliche Rolle gespielt – Wohnungen auf den Territorien ihrer Arbeitgeber-Firmen errichtet. Konzerne, die so handelten, waren für den Staat viel zu wichtig. Also «übersah» die Regierung den Gesetzesbruch, der mit solchen Siedlungen Tatsache wurde.

Hohe Anerkennung fanden Schweizer Anstrengungen im Rahmen der Lehrlingsausbildung. Eine Berufslehre bei Sulzer in Johannesburg war damals der Traum jedes zukunftsorientierten Jungen – gleich welcher Hautfarbe. Sulzer hat Hunderte junger Südafrikaner zu gesuchten Fachkräften ausgebildet – ein wesentlicher Beitrag ans «neue Südafrika». Formell wurden mit diesen Lehrwerkstätten Apartheid-Gesetze verletzt – gemischtrassige Ausbildung war damals vom Gesetz nicht vorgesehen. Aber die internationalen Konzerne waren als Pfeiler der Wirtschaft für den Staat viel zu wichtig, als dass gegen bewusst eingegangene, beharrlich ausgedehnte Gesetzes-Ritzungen und
-Verletzungen vorgegangen worden wäre.

Der Wiehahn-Report

Die Gewerkschaften unterstanden in Südafrika bis in die Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts der Rassentrennung. Schweizer (und auch andere) Kon-zerne unterliefen dieses Gesetz, indem sie «Betriebskommissionen» schufen, die allen Arbeitskräften ungeachtet ihrer Hautfarbe offenstanden. Sie hatten klar Gewerkschaftscharakter, wurden aber einfach «Betriebskommissionen genannt» – und von der Regierung geduldet.

Nicht nur das. Denn auch die Regierung erkannte die Zeichen der Zeit. Sie engagierte einen renommierten Wirtschaftsprofessor, der auch im Aufsichtsrat von BMW sass: Nicholas Wiehahn. Dessen Wiehahn-Report zum Gewerk-schaftswesen wurde zum Startschuss für die politische Emanzipation der schwarzen Bevölkerung.

Wir verfolgten damals diese Vorgänge sorgfältig und berichteten ausführlich darüber. Einer unserer wichtigsten Gesprächspartner war damals John Kane-Berman, der Direktor des «South African Institute of Race Relations» – ein publizierender Wissenschafter, der gewiss nicht in Apartheid-Illusionen stecken geblieben ist.

Kane-Berman verglich den damals ablaufenden Emanzipationsprozess mit einer Zwiebel: Mit den Reformen zum Gewerkschaftswesen seien die äussersten Schalen der Zwiebel weggeschält worden. In der Folge ging die Häutung der Zwiebel immer weiter – bis schliesslich der Kern, das allein den Weissen reservierte Stimm- und Wahlrecht offengelegt und bald darauf auch beseitigt wurde.

Denn jeder Abbau nicht mehr haltbarer Apartheid-Gesetze hatte Konse-quenzen. Beispielsweise in der Siedlungspolitik: Die Wohnungsnahme nicht-weisser Facharbeiter in früher allein den Weissen reservierten Wohngebieten setzte sich zunächst in den Städten, bald aber auch in den Agglomerationen durch. Das erforderte Reformen im zuvor der Rassentrennung unterworfenen Bildungswesen. Auch im Gesundheitswesen. In der schrittweisen Zulassung der Angehörigen aller Rassen zu allen Berufen. Und so weiter – bis zur endgültigen Aushöhlung der gesamten Apartheid-Gesetzgebung. Die sich ausdehnende Wirtschaft diktierte das Tempo. Diejenigen, die dabei führend waren – es befanden sich darunter etliche Schweizer Konzernchefs –, noch heute als «Verlängerer», als «Komplizen» der Apartheid an den Pranger stellen zu wollen, ist schlicht lächerlich, zeugt vom Frust derer, deren Träume von der blutigen Revolution Gott sei Dank nie Wirklichkeit geworden sind.

Veranstaltungen

Wir haben über solche Entwicklungen nicht nur berichtet. Wir haben auch Veranstaltungen organisiert. Veranstaltungen hier in der Schweiz, die teilweise grosses Aufsehen erregten, grosse Teilnehmerschaft motivierten. Etwa eine Tagung im Mövenpick-Hotel in Egerkingen anfangs der Neunzigerjahre. Dort fand nach unserem Informationsstand vor Schweizer und internationalem Publikum die weltweit erste Tagung statt, an welcher ein höchst einflussreicher Vertreter der südafrikanischen Arbeitgeber (Bobby Godsell von AngloAmerican) in öffentlicher Diskussion mit einem nicht minder einflussreichen schwarzen Gewerkschafter die Klinge kreuzte (mit Marcel Golding, Stellvertreter von Cyril Ramaphosa, dem Chef des schwarzen Gewerkschaftsbundes Cosatu, Congress of South African Trade Unions – Ramaphosa, inzwischen einfluss-reicher Unternehmer geworden, war als Sprecher an der Trauerfeier Mandelas wieder zu sehen).

Dritter auf dem Podium war damals der bereits erwähnte Nick Wiehahn, Verfasser des Wiehahn-Reports. Nicht öffentlich bekannt wurde, dass die gleichen Persönlichkeiten einen Tag zuvor in der Umgebung von Zürich ein intensives Seminar absolvierten, in welchem die drei Südafrikaner mit namhaften Vertretern von Schweizer Firmen mit Niederlassungen in Südafrika einerseits, mit Führungsleuten des (inzwischen in der UNIA aufgegangenen) Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiterverbandes SMUV andererseits intensive Gespräche führten. Es ging in diesem Seminar darum, Informationen zu vermitteln, wie Sozialpartner in friedlichem Rahmen die im Land geltenden Arbeitsbedingungen aushandeln können.

Glaubt jemand im Ernst, Persönlichkeiten des erwähnten Formats hätten sich von uns für derartige Anlässe gewinnen lassen, wenn wir uns als Apartheid-Nostalgiker aufgeführt hätten?

Nicht belegbare Vorwürfe

Zu Beginn der Neunzigerjahre wurden wir in einem gepfefferten Artikel mit dem Vorwurf rassistischer Aktivitäten konfrontiert – vom «Beobachter». Der darauf ohne Verzug kontaktierte Redaktor nahm nach kurzem Gespräch ein von uns formuliertes Angebot an: Wir lieferten ihm lückenlos alles, was wir in den zehn Jahren zuvor über den Wandel in Südafrika publiziert hatten. Ausserdem wurde ihm freier Zutritt in unser persönliches Archiv offeriert. Beides unter der Bedingung, dass er anschliessend alles, was er dabei an rassistischen Äusserungen unsererseits auffinde, öffentlich zitieren werde. Der Mann nahm das Angebot an – wurde allerdings nicht fündig, anerkannte nach seinen Recherchen vielmehr ausdrücklich die gründliche Sachlichkeit unserer Berichterstattung. Er brachte seine neue Erkenntnis sogar seiner Leserschaft – allerdings in bemerkenswert dürren Worten – zur Kenntnis.

Südafrikas «neues Bildungswesen»

Die Niederlassungen schweizerischer Konzerne in Südafrika engagierten sich damals stark im «neuen Bildungswesen» des Landes. Um 1990 entstand eine private Trägerschaft unter dem Namen «New Era Schools Trust» (NEST). Sie betrieb drei Internatsschulen: In Johannesburg, in Kapstadt, in der Nähe von Durban. Nach südafrikanischer Nomenklatur waren dies die ersten «nicht-rassischen» Schulen des Landes überhaupt. Diese Bezeichnung traf zu, weil dieser Trust nicht einfach von Weissen geführte Schulen betrieb, die auch nicht-weisse Schüler aufnahmen. Nein, die NEST-Schulen waren die ersten Schulen Südafrikas auch mit gemischtem Lehrkörper.

Nach damaliger, noch von Rassentrennung geprägter Gesetzgebung, gab es in Südafrika eigentlich kein Grundstück, auf dem eine solche Schule hätte errichtet werden können. Trotzdem gab es diese Schulen. Eine einmalige, für die damalige Zeit aber nicht ungewöhnliche Partnerschaft sicherte den NEST-Schulen die Existenz: Die südafrikanische Wirtschaft finanzierte ihr die Schulgebäude. Internationale – namentlich auch schweizerische – Konzerne finanzierten die Ausstattung und die Lehrmittel für die drei Schulen. Und die Regierung Südafrikas – der Unterrichtsminister höchst persönlich – garantierte ihr ungestörten Betrieb. Dazu gehörte vor allem, dass Schüler, die an einer (gemäss Gesetz «illegalen») NEST-Schule den Abschluss bestanden, Zugang zu den Universitäten fanden. Auch zu Universitäten, die einst nur Weissen offen standen.

Für die zum New Era Schools Trust gehörende Mittelschule in Kapstadt er-reichten wir die Ausstattung eines Computerraums durch schweizerische und Kapstädter Rotary Clubs. Selbst Rotary International – mit Sitz in den USA – finanzierte erklecklich mit. Die USA waren damals in mehreren Bereichen Boykott-Anführer gegen Südafrika. Gelder für Projekte in Südafrika unterstanden entsprechend strenger Kontrolle. Glaubt jemand ernsthaft, es hätten wesentliche Finanzmittel aus den USA für dieses Projekt flüssig gemacht werden können, wenn der Initiant des Projekts mit der Apartheid hätte in Verbindung gebracht werden können?

Das Kapstädter Schulgebäude stand übrigens im legendären «District six», Jahre zuvor Schauplatz eines jahrelang nachwirkenden Apartheid-Exzesses. Die Schule kam unter in einem Komplex kirchlicher Gebäude, die der Anglikanischen Kirche gehörten. Deren Oberhaupt war Erzbischof Desmond Tutu. Er höchstpersönlich hat seinerzeit grünes Licht für die Realisierung des von Rotary finanzierten Projekts gegeben – was gewiss nicht erfolgt wäre, hätte irgendein Zusammenhang zwischen Nest-Schulen und der Apartheid-Ideologie bestanden.

Lost generation

In einem Bereich des öffentlichen Lebens waren die Boykott-Aufrufe aus Europa damals erfolgreich. Exponenten der hiesigen politischen Linken einerseits, kirchliche Funktionäre andererseits vermochten dem weitherum geforderten «Schulboykott» Teilerfolge zu sichern. Dazu aufgeputschte Schüler legten mehrere hundert Schulen in Wohngebieten von Schwarzen lahm. Nicht wenige davon wurden niedergebrannt. Hiesige Schreibtisch-Revolutionäre, immer an ein finales Blutbad in Südafrika glaubend, feierten diese Tatsache gewordenen Schulboykotte lauthals als Erfolge.

Die Schüler, die diese Boykotte herbeigeführt hatten, wurden allerdings – weil ihre Schulen zerstört waren – gleichsam von selbst vom Schulbesuch ausge-schlossen. Was aus ihnen später geworden ist – damit befassten sich die Schreibtisch-Revolutionäre in hiesigen Gefilden allerdings weniger. Die grosse Tragik, die von diesen «erfolgreichen» Boykotten ausging, bestand nämlich darin, dass sich die Schüler der davon betroffenen Schulen um ihre eigenen Bildungschancen brachten. Im «neuen Südafrika», das auf ausgebildete schwarze Fachleute dringend angewiesen war, standen diese jungen Leute plötzlich da – ohne jeden Abschluss, ohne jede Ausbildung. Nicht wenige dieser Boykotteure sahen sich zu lebenslanger Arbeitslosigkeit verurteilt. Sie mussten sich mit schlecht bezahlter Hilfsarbeit abfinden, landeten nicht selten auch in der Kriminalität.

Über diese Seite ihres «Erfolgs» schweigen sich die Boykott-Anfeurer aus Europa bis heute beharrlich aus. Verantwortung für die Folgen ihrer Aufrufe glauben sie keine übernehmen zu müssen. Ihre Hinterlassenschaft aber ist eine «lost generation», eine verlorene Generation, die, als Südafrika unter Staatspräsident Mandela zu neuen Ufern aufbrach, tatenlos, weil unausgebildet, am Strassenrand stand – und der Vergesslichkeit der Geschichte anheim fiel.

Vergessen auch von «ihren Freunden in Übersee», die in den Achtzigerjahren noch vom grossen Blutbad in Südafrika geträumt hatten.

Ulrich Schlüer

 

27.12.2013 | 5123 Aufrufe