Der aktuelle Freitags-Kommentar der «Schweizerzeit»-Redaktion vom 21. Januar 2011

Christophe Keckeis befürwortet Abschaffung der Milizarmee
Der Versager als Experte

 von Nationalrat Ulrich Schlüer, Chefredaktor «Schweizerzeit» 

Christophe Keckeis, Urheber der kostspielig gescheiterten Reform «Armee XXI», meldet sich wieder zu Wort. Er empfiehlt, mittels neuer Armeereform die Schweizer Milizarmee zu liquidieren und durch eine nur noch international einsetzbare Interventions-Streitmacht zu ersetzen.

«Erfunden» wurde diese neue Armee vom als «Jungstar» der FDP etikettierten Genfer Stadtrat Pierre Maudet, Vorsteher des dortigen Umwelt- und Sicherheitsdepartements.

Vor fünfzig Jahren
Kernaussage im Strategiepapier von Pierre Maudet – der bei dessen Präsentation vor den Medien von alt Armeechef Christophe Keckeis und einem wahren Tausendsassa einträglicher Behörden-Beratung, dem Zürcher Brigadier aD Peter Arbenz flankiert wurde – war die Feststellung, dass die Schweiz «in den nächsten fünfzig Jahren» gewiss mit keinerlei Aggression aus der Nachbarschaft konfrontiert sein werde.

Damit erübrige sich, folgerte das Strategen-Trio, jegliche Landesverteidigung. Das Heer könne geschrumpft werden auf 20'000 Mann, die nur noch für internationale Interventionseinsätze in Kooperation mit andern Heeren zur Verfügung zu stehen hätten.

Bedrohung, die nicht aus unmittelbarer Nachbarschaft stammt, scheint für die drei Strategen mit ihrem bemerkenswert weiten Zeithorizont grundsätzlich nicht zu existieren. «Strategische Überraschung» – das Gefährlichste an militärisch-politischer Herausforderung – kommt in ihrem Wortschatz nicht vor.

Dafür die Voraussage, was unser Land in den nächsten fünfzig Jahren allenfalls treffen könnte: Grundsätzlich nichts!

Man rufe sich, um das Kühn-Revolutionäre an dieser Voraussage richtig würdigen zu können, kurz die Welt vor fünfzig Jahren in Erinnerung 1961: Als die Sowjets eben erst den Ungarn-Aufstand blutig niedergeschlagen hatten, als sich die Welt gerade von einer Suezkrise zu erholen suchte, als der Kolonialismus über Afrika erst allmählich zu Ende ging – wer hätte damals den fulminanten Aufbruch der «Tigerstaaten» in Fernost für möglich gehalten, wer hätte den Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums voraussagen, den Islamismus als weltweit ernstzunehmende Gefahr zu erkennen, die Möglichkeit einer Einheitswährung in Europa – und deren Zerfall in der Überschuldungskrise vorauszusagen gewagt. Maudet, Keckeis und Arbenz indessen stützen ihre Strategie auf das «Ende der Geschichte»: Das, was sie jetzt als Realität erkennen, das werde auch in fünfzig Jahren das Geschehen bestimmen: An glaubwürdige Landesverteidigung auch nur zu denken, werde für die Schweiz damit überflüssig.

Leistungsbilanz
Zumindest bezüglich der Person des Christophe Keckeis kann als Fundament solch mutiger Lagebeurteilung eine wahrhaft aussergewöhnliche Leistungsbilanz in Erinnerung gerufen werden. Schliesslich musste Keckeis bei Niederlegung seines Kommandos als Chef der Armee höchstselbst feststellen, dass die seiner Kompetenz anvertraute Armee im Ernstfall «nicht mehr einsatzfähig» sei. Hätte er an der Spitze des VBS einen kompetenten Chef gehabt, hätte ihm dieser für diese Lageschilderung als knappes militärisches Attest ein deutlichen «Nicht erfüllt» ausstellen müssen….

Die Restanzen seiner Überforderungen, die gescheiterten Elemente der von ihm enthusiastisch vorangetriebenen Armee XXI, belasten sowohl die Qualität der Armee als auch den Bundeshaushalt noch heute in nicht hinnehmbarem Ausmass:

Keckeis verdankt die Schweiz, dass die kompetenten Betreuer eines weltweit einzigartigen, bedrohungsgerecht dezentralisierten Versorgungs-Konzepts für die Armee mehr oder weniger über Nacht «zum Teufel gejagt» und durch ein sündenteures elektronisches Logistik-System ersetzt wurden, das, weil unbeschreiblich unsorgfältig bestellt, bis heute nicht funktioniert. Gleicher Dilettantismus prägt das bis heute ebenfalls nicht hinreichend nutzbare Mannschafts-Kontrollsystem, dem das weltweit einzigartige Mobilmachungs-Konzept der Schweizer Armee aufs leichtfertigste geopfert worden ist.

Der von Keckeis in alle Himmel gelobte, flüchtig der Nato abgeguckte «neue Soldat», elektronisch geführt ab Kommandozentrum Bern musste als Millionen-Flop liquidiert werden. Das elektronische Führungssystem verschlang Milliarden. Gewisse Teile davon konnten zwar zum Laufen gebracht werden – diese «gewissen Teile» als «Armee-Führungssystem» zu bezeichnen, wagen indessen höchstens die Verblendetsten unter den Computer-Dilettanten. Was Keckeis in der Nato an Elektronik irgendwann und irgendwie zu Gesicht bekam, liess er für insgesamt Milliarden anschaffen. Dass elektronische Systeme untereinander irgendwie kompatibel zu sein hätten, entdeckte er erst, als sich die Milliarden-Ruinen hier einsatzunfähig zu türmen begannen.

Der Partner
Auch der Partner von Christophe Keckeis als Berater des Genfer FDP-Jungstar-Strategen kann ihm selber viel Gewinn einbringende Beratungstätigkeit für Behörden als Leistungsausweis präsentieren. Der Bundesrat liess ihn einst im Balkankrieg als Experte und Berater Pulverdampf atmen und intensiv herumwirbeln. Was dabei herausschaute, überlebte die dazu von Arbenz den Medien zugestellten Schlagzeilen aber um kaum einen einzigen Tag. Mit dem Ausdruck «Ausser Spesen nichts gewesen» dürfte Arbenz’ Balkankrieg-Einsatz eher beschönigend charakterisiert werden. Später liess sich Arbenz dazu herbei, im Dienst der auf Steuerzahlers Kosten gegen mutige Whistleblowerinnen prozessierenden Stadt Zürich ein eigentliches Weisswasch-Gutachten für die Grüne Monika Stocker zu verfassen, dessen Schlussfolgerungen von der Realität der Fehlleistungen im Zürcher Sozialdepartement geradezu hinweggefegt wurden. Damit dürfte die Substanz des den Genfer Sicherheits-Star beratenden Fundaments an strategischer Kompetenz hinreichend charakterisiert sein.

Das Motiv
Wer auch Motive der Miliz-Zerstörer zu erkennen versucht, dem ruft sich unwillkürlich eine heftige Auseinandersetzung mit Christophe Keckeis zur Zukunft der «höheren Kaderausbildung» in der Schweizer Armee in Erinnerung.

Christophe Keckeis rühmte sich, mit der zu seiner Wirkungszeit an der ETH geschaffenen Militärakademie (MILAK – Nachfolge-Institution der früher nüchtern «Militärpolitische Abteilung» genannten Fakultät) die «perfekte Ausbildungsstätte» für Offiziere, die internationale Auftritte suchen, geschaffen zu haben. Denn, so Keckeis, jene «gewöhnlichen Dorftrampel» (so drückte sich Keckeis aus), die hierzulande in der Milizarmee Offiziere werden könnten, könnten mit an Nato-Akademien gross gewordenen ausländischen Elitegenerälen nie und nimmer «auf Augenhöhe» verkehren…

Der Offizier, der, im Berufsleben stehend und dort seinen Mann stellend, sich auch dem Vaterland zur Verfügung stellt, der, sollte seine Heimat in Überlebensgefahr geraten, selbst mit dem eigenen Leben hinzustehen bereit ist: Für solche Haltung zur Landesverteidigung von Offizieren und Bürgern hatte Keckeis nie etwas übrig. Er träumte von der «grossen Armee», vom Krieg Seite an Seite mit der Elite ausländischer Akademiegeneräle. Die Schweizer Milizarmee stand und steht ihm dabei im Weg – denn Keckeis träumt noch immer.

Ulrich Schlüer, Nationalrat

21.01.2011 | 4894 Aufrufe