Erlebnisse eines Autogrammjägers
Der General

 Von Christian H. Schlüer

Ich kam gerade aus einer Augenklinik, wo nach einer kleinen Operation nahe am Auge die Fäden entfernt werden mussten. Meine Frage danach, wie dies geschehen werde, beispielsweise indem man einfach am einen Ende des Fadens ziehe, löste nur ein belustigtes Lächeln aus. Daher weiss ich bis heute nicht, wie dies tatsächlich bewerkstelligt wird. Jedenfalls wurde es bei mir in kürzester Zeit und ohne den kleinsten Schmerz erledigt, und ich betrat sofort danach wieder die Strasse.

Entspannt schlenderte ich zur Bahnhofstrasse und weiter in Richtung Bahnhof. Weil gerade ein Tram kam, entschloss ich mich spontan, dieses zu benutzen, auch wenn es nur für eine einzige Haltestelle war. Beim Einsteigen musste ich erst zusammen mit zwei weiteren Passagieren einem älteren Mann beim Aussteigen helfen. Mit vereinten Kräften schafften wir es schliesslich, ihn die zwei oder drei Stufen hinterzubringen. Es war eben keines der bequemen «Cobra»-Trams. Erleichtert setzte ich mich auf einen Einzelsitz. Gleichzeitig erblickte ich direkt vor mir die Achselpatten eines Drei-Sterne-Generals der Schweizer Armee, also eines sogenannten Oberstkorpskommandanten, falls diese Bezeichnung nach all den Armee-Reorganisationen der letzten Zeit noch stimmt.

Neugierig, aber diskret bog ich mich ein wenig nach aussen und versuchte, etwas von seinem Gesicht zu erkennen. Es handelte sich, wie ich ohne Mühe feststellen konnte, um André Blattmann, den Chef oder Oberbefehlshaber der Armee.

Am Hauptbahnhof stiegen wir beide aus. Er setzte währenddessen noch schnell sein Béret auf, war also in voller Uniform unterwegs. Da ich sein Autogramm von einer Begegnung während des Sechseläutens schon in meiner Sammlung habe, konnte ich es mir und ihm ersparen, ihn anzusprechen.

Im Übrigen hatte ich auch wieder einmal kein Schreibzeug bei mir, ein unverzeihlicher Fehler. Erst kürzlich war mir das Gleiche passiert, als ich gerade im «Au Premier» des Hauptbahnhof Zürich mit einem alten Freund ein Bier trank und plötzlich Christa Markwalder vorbeikam, die Berner Nationalrätin, die so kräftig die Werbetrommel für die EU rührt. Völlig zu Recht hatte ich deswegen schwere Vorwürfe meines Freundes einstecken müssen und offenbar nichts daraus gelernt.

Der Drei-Sterne-General verschwand schneller Schrittes in Richtung Bahnhofsgebäude, wahrscheinlich zu einem Zug nach Bern. Ich selber realisierte einmal mehr, wie dankbar ich bin, in einem Land zu wohnen, wo der Oberbefehlshaber der Armee in voller Uniform Tram fährt und nicht mit gepanzerter Limousine und Blaulicht durch abgesperrte Strassen prescht.

Man kann nur hoffen, dass dies trotz einiger Verrückter wie dem Attentäter von Zug noch eine Weile so bleibt …

Gleichzeitig erinnerte ich mich schmunzelnd an eine andere Begebenheit mit seinem Vorgänger, Christophe Keckeis, damals auch Chef der Armee. Es war während eines Sechsläutens und er einer der vielen Ehrengäste. Als seine Zunft direkt vor mir kurz einen Halt einlegte, stürzte ich mich todesmutig in die aufgestellte Phalanx, um den General anzusprechen. Dies gelang mir zwei, jedoch hatte ich vorher in aller Hast noch ein weiteres, ganz kleines Problem zu überwinden. Es musste schnell gehen, da der Zug sich jeden Moment wieder in Bewegung setzen konnte. Eine Person versperrte mir nämlich den direkten Weg zu Christophe Keckeis, und zwar kein Geringerer als Franz Beckenbauer unter einem Dreispitz. Ich musste ihn, die Lichtgestalt des deutschen Fussballs, ganz sachte etwas zur Seite drängen, um zu meinem Ziel zu gelangen. Ich sehen noch heute sein erstauntes, wenn nicht gar konsterniertes Gesicht über diesen Fussball-Hinterwäldler, der ihn wegen eines unbedeutenden Generals schnöde links liegen liess. Er konnte natürlich nicht wissen, dass er bereits in meiner Sammlung vertreten ist, sogar mehrmals. Und Zeit zu grossen Erklärungen war wahrhaftig nicht vorhanden …

(22. März 2011)

Der Autor der hier abgedruckten Kurzgeschichte (er ist der Bruder des «Schweizerzeit»-Chefredaktors) ist passionierter Autogrammjäger. Besondere Erlebnisse bei Begegnungen mit Prominenten hat er in Kurzgeschichten wie der hier abgedruckten festgehalten. Daraus sind, herausgegeben durch die CMS-Verlagsgesellschaft in Zug, bisher zwei Bändchen «Wenn Wege sich kreuzen» entstanden.

 


14.11.2012 | 1592 Aufrufe