Glosse von Arthur Häny

Der Gang zum Postfach

«Heute solltest du wieder einmal zum Postfach gehen, um die eingegangene Post abzuholen. Ich glaube, du bist schon zwei oder drei Tage lang nicht mehr dort gewesen», meint sie.

«Ja, du hast recht», sagt er. «Ich will mich aufraffen und durch diesen grauen, kalten Februartag zur Post hinunterstapfen. Eisglätte hat es jetzt, glaube ich, keine mehr. Vielleicht dass ich dort unten, mitten unter all dem Papierkram – endlich den Brief meines Lebens finde», meint er mit einem halben Lachen.

«Ich wünsche dir viel Glück dazu!»

«Es wäre manchmal schon bequemer, wenn der Postbote einem das Zeug nach Hause brächte und man nicht eine Viertelstunde weit laufen müsste, bei diesem trostlosen Wetter.»

«Weswegen haben wir uns denn seinerzeit für ein Postfach entschieden?» fragt sie. «Du sässest viel zu oft bei deinen Büchern oder am Computer, und in unserem Alter tut das nicht gut! Man hat Bewegung nötig! Für den Weg von hier zur Post brauchst du mit deinen langen Schritten übrigens kaum eine Viertelstunde. Und dann hast du doch etwas für deine Gesundheit getan!» «Sogar ziemlich viel! Ich muss ja auch wieder zurück.»

Die Strasse, an der sie wohnen, heisst ‚«am Bergli»; ursprünglich gab es dort Rebberge. Die sind zwar längst den obligaten Betonbauten gewichen, aber die schöne, sonnige Lage ist erhalten geblieben. Indem er nun – auf immer denselben Strassen, an immer denselben Häusern vorbei, einem einzigen Stück Wiese entlang – zur Post hinuntergeht, kommt ihm «der Brief meines Lebens» wieder in den Sinn. Das war ihm nur so herausgerutscht. Wir Menschen sind schon seltsame Wesen, denkt er, dass wir immer auf etwas gespannt sind, das auf uns zukommen sollte, und zwar von aussen, von anderen Menschen, von glücklichen Umständen her – statt dass wir selber auf die Dinge zugehen – oder uns einfach zufriedengeben mit dem was ist.

Wir träumen von einer idealen Zukunft, statt uns zu begnügen mit der realen Gegenwart, die doch mannigfaltig und reich genug ist für den, der sie erfassen kann.

Über einen schräg abfallenden Autoabstellplatz geht es zum Häuslein mit den Postfächern hinab. Der Boden ist hier noch hauchdünn mit Schnee bestreut, aber die Eisglätte ist wirklich verschwunden. Vorsichtig gehend, erreicht er den dämmrigen Raum. Zwei Wände bestehen aus nummerierten weissen Kästchen verschiedener Grösse. Oft ist schon eine andere Person da, manchmal sind es auch mehrere, und alle sortieren an einem langen Tisch ihre Post. Viel Papier wandert kurzerhand in die Wegwerfbehälter. Er gräbt den Schlüssel aus der Tasche und öffnet das Türchen zum Schliessfach.

Schon wieder diese unsinnige Flut von Werbung! Und doch stirbt seine Hoffnung nie, dass sich unter all dem Papier ein richtiger Brief verstecken könnte, ein guter, ausführlicher Brief, wie man sie einander früher zu schreiben pflegte… Aber wer hat denn heutzutage noch die Geduld dazu, in der Epoche der E-Mails und Taschentelefone? Ein längerer oder gar handgeschriebener Brief ist heutzutage eine Rarität. Man ist in Hinsicht auf die Post bescheiden geworden, denkt er; man freut sich schon über jeden auch noch so kurzen Kartengruss, den man irgendwoher aus einem sonnigen Ferienland bekommt!

Neben der Überfülle von Werbung verdriessen ihn auch die vielen Aufforderungen zum Spenden. Sie vertreten wohl meist eine gute Sache, denkt er, und es steckt auch viel Arbeit hinter diesen wohltätigen Unternehmungen. Aber die moralisierenden Texte befremden ihn. Die wollen mir alle ein schlechtes Gewissen machen! Und dann entdeckt er noch Rechnungen. Die meisten sind unumgänglich, er findet nur eine, die er hätte vermeiden können… Summa summarum: viele Ermahnungen und Forderungen, pro forma an seine Person, in Wirklichkeit an sein Portemonnaie. Dreht sich denn heute alles nur noch ums Geld? Und die Wirtschaft soll noch wachsen von Jahr zu Jahr – wo doch die arme Erde den entfesselten Boom bald nicht mehr verkraften kann! Aber dann rafft er sich auf und ruft sich zur Ordnung: Die Welt ist zwar voller Probleme, sagt er sich, aber das ist sie von jeher gewesen. Die Menschen sind sich doch immer gleich geblieben. Sie waren damals, als man einander lange Briefe schrieb, kaum besser als heute. Und die alten Zeiten… wahrhaftig kein Paradies! Nur schon dieser grauenhafte Zweite Weltkrieg…

Als er wieder nach Hause kommt, fragt sie ihn: «Hast du ihn nun bekommen, den Brief deines Lebens?»

«Leider schon wieder nicht!»

«Ist auch nicht zu verwundern!»

«Wieso?»

Sie lacht ihr befreiendes Lachen, das ihm von jeher an ihr so gefallen hat. «Weil du ihn schon vor fünfzig Jahren bekommen hast!»

«Wirklich?»

«Wie, du erinnerst dich nicht mehr? Es war der Brief, in dem ich dir schrieb, dass ich mein Leben an deiner Seite verbringen möchte.»

19.02.2011 | 1758 Aufrufe