Betrachtungen von Arthur Häny
Der Ausflug

Ich befand mich in der Halle des Zürcher Hauptbahnhofs. Wegen der anhaltenden Bauarbeiten musste ich weit nach vorne gehen, um «meinen» Perron zu erreichen.-Diese Bauarbeiten! Lebten wir eigentlich in einem ewigen Provisorium? Endlich war ich vorne angelangt. Auf einem Perron nebenan stand einsam ein Mann und rührte sich nicht.

Er rührte sich auch nicht, als dort bedächtig ein Zug einfuhr, ein grosser, weisser Zug mit Doppelstockwagen. Wartete er wohl auf jemand? Oder wollte er auf gar keinen Zug? Glaubte er vielleicht die Vergeblichkeit alles Reisens erkannt zu haben? Oder spielte ich selber mit diesem Gedanken? Der Mann stand noch immer dort drüben, unbewegt, während jetzt auch auf meinem Bahnsteig der Zug einfuhr.

Ich allerdings setzte mich in Bewegung. Ich wollte nach Luzern reisen, um dort mit einem Freund eine mittägliche Rundfahrt auf dem See zu machen. Mit dem Vierwaldstättersee verbinden mich vielfältige Erinnerungen. In einem der riesigen Luzerner Hotelkästen am Quai hatte ich während des Zweiten Weltkriegs Militärdienst geleistet. Ich war dem «administrativen Hilfsdienst» zugeteilt worden und musste Aufgebote tippen. Die Schreibmaschinen waren amphitheatralische Ungetüme und klapperten bedenklich. Aber der sonnenglitzernde See und die herrlichen Berge bildeten einen wohltuenden Kontrast zu dieser unliebsamen Tätigkeit. Denn so einleuchtend die Aufgebote in den Militärdienst waren, so ungern riss ich jemand aus seinem zivilen Leben heraus. Wir lebten damals in düsteren Zeiten, aber in jenem Spätsommer 1944 war das Ende des Krieges doch schon abzusehen.

Ich hatte aber auch sonnigere Erinnerungen an diese schöne Gegend. Wenn wir mit dem Dampfer an Hertenstein vorüberfahren, dachte ich, dann will ich meinem Freund das kleine Häuslein zeigen, in dem ich 1960-1965 mit Frau und Kindern so manche erfreulichen Ferientage verbrachte.

*

Der Freund erwartete mich, wie vereinbart, am Ende des Bahnsteigs in Luzern, und wir gingen gleich hinüber zur Schiffsstation. Bald fuhr auch die «MS Waldstätter» heran, und viele Reiselustige drängten sich über den Landesteg ins Schiff hinein.

Welche Freude, diese wunderbare Landschaft nach langem wiederzusehen! Vorne rechts ragte der schroffe Bürgenstock auf, vorne links stand die mächtige Pyramide der Rigi – und hinter uns leuchtete, schon etwas beschneit, der königliche Pilatus! Wie schön war der Anblick dieser vertrauten Berge!

Wir fuhren am Küssnachter Arm des Sees vorbei und legten an in Hertenstein. Auch da wurde emsig gebaut: ein grosser Hotelkomplex stand eingerüstet am Ufer. Welch ein Drang nach Veränderung beseelt doch die rastlosen Menschen! dachte ich. Als wir dann weiterfuhren, erkannte ich, nicht ohne Rührung, weit oben über grünenden Wiesen das winzige Häuslein, die Stätte so lange verflossener Sommerfreuden! Es war zwar inzwischen ein halbes Jahrhundert vergangen… aber da droben schien alles beim Alten geblieben.

Jene höchst bescheidene Behausung war wohl als Altenteil gedacht, als Refugium eines betagten Bauernpaars. «Das Hüttlein im Holunder» habe ich das kleine Gebäude in einem Gedicht genannt. (Ich konnte schon damals das Dichten nicht lassen). Der Holunder sollte es, glaube ich, vor Gewittern beschützen, genau wie der geweihte Thujawedel, der unterm Dach an einem Sparren hing.

Es gab da zwei Zimmerchen, eines für die Eltern, eines für die Kinder, eine kleine Küche – unten eine Art Keller, den wir kaum je betraten, und oben den Dachboden, geeignet als Ausguck. Diesen Dachboden musste man allerdings erst befreien von mancherlei alten Ablagerungen ... Und diese Aufgabe übernahm meine unerschrockene Gattin. Darum heisst es am Anfang der «Dachboden-Gedichte»:

Nachdem du,

meine tapfere Liebste,

die Wespennester besiegt,

eine Hornisse fortgeschickt,

und gar ein Ofenrohr auf die Wiese gestürzt hast,

ist jetzt der Dachboden-Ausguck frei

für deinen Poeten,

und alle Bilder verdankt er dir,

die ihm der ländliche Sommer hereinschickt.

Ja der Ausguck war jetzt frei – auf den schönen See mit seinen tutenden Dampfern oder auf die langsamen Ledischiffe, die jenseits unter der dunklen Felswand des Bürgenstocks vorüberglitten. Rundum grünten die Sommerwiesen. Zuweilen brauten sich mächtige Gewitter am Himmel zusammen, dann rumorten unweit auf einem anderen Bauernhof die Schweine in ihrem Koben, und unten, beim ‚Bürgerheim‘, schrie durchdringend ein Pfau. Von den Obstbäumen flatterten die Krähen auf, wenn ein Bauer sie mit Flintenschüssen verjagte. Es gab viel zu sehen und zu erleben, besonders für unsere zwei kleinen Mädchen. Sie tauchten zusammen mit den Bauernkindern in die Scheunen und Ställe ein, sie streichelten Kühe und führten einen grossen Hund spazieren.

*

Diese fernen Jahre in Hertenstein gingen schattenhaft an mir vorüber, als ich dem Freund das Häuslein über den grünen Wiesen zeigte. Und dieses Häuslein glitt nun auch selber langsam vorbei und verschwand. So glitt ja wohl das ganze Leben vorbei, unmerklich und unaufhaltsam. «Denn Bleiben ist nirgends», wie Rilke in der Ersten Duineser Elegie gesagt hat.

Aber die herrliche Landschaft des Vierwaldstättersees war eben doch geblieben; während all der Jahre war sie dieselbe geblieben und würde es noch bleiben für lange Zeit! Die ganze Kette der Berge um diesen vielarmigen Fjord – vom Pilatus übers Stanserhorn und die beiden Bauen bis zum Fronalpstock, diese grossartige Kulisse stand steinern fest und überragte das flüchtige Menschentreiben.

Und ich empfand die Gegend nicht einfach als Landschaft – als eine Landschaft unter vielen anderen, die ich gesehen hatte – sondern sie gehörte tief innen zu mir. Es war meine Heimat. Und diese Überzeugung empfand ich als tröstlich. Sie gab mir einen Halt mitten in all der entgleitenden Zeit, sie verankerte mich in meinem Dasein.

01.12.2012 | 1841 Aufrufe