Was der "Arbeitskreis Gelebte Geschichte" in seiner Kritik am sogenannten "Bergier-Bericht" nicht zuletzt beanstandete, war das Fehlen von Zeitzeugenschaft. Das Gleiche gilt für den Artikel "Manipulierte Geschichte" von Hans Ulrich Jost ("Der Bund", 30.1.2013, S.10).

Wer während der Kriegsjahre als junger Erwachsener durch ständige und meist lange Aktivdienst-Leistungen in Anspruch genommen war, so dass er seinen Studienplänen nur mit Mühe gerecht werden konnte, sieht die von ihm hautnah erlebte Situation anders. Natürlich war die Rückweisung eines Teils der jüdischen Flüchtlinge eine überaus tragische Massnahme. Aber die Alternative, die Grenzen uneingeschränkt für sie offen zu halten, hätte die Zahl derjenigen, die sich in der Schweiz vor dem Holocaust in Sicherheit bringen wollten, zweifellos rasch vergrössert. Der "Führer" hätte es höchst wahrscheinlich nicht lange zugelassen, dass seine verbrecherische Absicht, das jüdische Volk auszurotten, durch die Schweiz behindert wurde. Bei ihm und seinen Kumpane bestand ohnehin keine Sympathie für unser Land mit seiner mehrheitlich antinazionalsozialistischen Presse. Dies umso mehr als unsere Luftwaffe nicht gezögert hatte, 1940 während des Frankreichfeldzuges der Wehrmacht eine ganze Reihe, den schweizerischen Luftraum verletzender deutscher Bomber abzuschiessen – noch dazu mit Messerschmitt-Jagdflugzeugen, die wir kurz vor Kriegsausbruch in Deutschland gekauft hatten.

Die Folge eines absehbaren Angriffs seiner ihm in unbegreiflicher germanischer Gefolgsschaftstreue ergebenen Generalität auf die Schweiz hätte abgesehen von den unabsehbaren Folgen der Verwandlung unserer neutralen Friedensinsel in einen Kriegsschauplatz dazu geführt, dass nicht nur die schon zu uns geflüchteten, sondern auch die bei uns seit langem als angesehene Mitbürger integrierten Juden dem Holocaust zum Opfer gefallen wären. Auch viele Schweizer hätten unsern Abwehrkampf nicht überlebt.

Vermutlich würde der 1940 geborene Jost heute ebenso wenig wie ich als sein 20 Jahre älterer Universitätskollege über das Für und Wider diskutieren. Auf den Jost sekundierenden, die Äusserungen von Bundespräsident Maurer desavouierenden Hornstoss von Frau Bundesrätin Sommaruga braucht hier nicht eingetreten zu werden.

Hans-Georg Bandi,
Bern

05.02.2013 | 1647 Aufrufe