Aufklärung über solche und ähnliche Konstellationen gab uns klar und deutlich der Psychiatrie-Professor Dr. Leopold Szondi, verstorben 1986 im Alter von 93 Jahren, der Begründer der Schicksalsanalyse, der Triebdiagnostik und der Triebpathologie in seinen äusserst spannenden und lehrreichen Vorlesungen sowie in seinen Schriften. Seine stets tiefgreifend recherchierten, fundierten und lückenlos beweisbaren Erkenntnisse mit Hilfe der experimentellen Triebdiagnostik kann, kurz zusammengefasst, auf folgenden Nenner gebracht werden:

Ob bewusst oder verdrängt durch Erziehung, Gesellschaftsform oder Religion, haben Personen, die sich gegenseitig Sympathien entgegenbringen, grundsätzlich dieselben Einstellungen, Veranlagungen, Triebe oder Süchte etc.

Konkret: Durch eine entsprechende Berufswahl kann ein so potentiell gleich Veranlagter, der dadurch nicht direkt zum Täter wird, seinen Gesinnungsgenossen wenigstens helfen, indem er z. B. als Gutachter, Verteidiger oder Richter usw. eine Tat als psychisch, rassebedingt, herkunftsmässig, als kulturell entschuldbar verteidigt und so versucht, Nachsicht, mildernde Umstände oder fromme Ansichten als Begründung ins Feld zu führen. Sein Antrag oder das Urteil lautet dann etwa so: Deshalb sei begreiflicherweise anstelle der gemäss Gesetz angemessenen Sanktion keine oder höchstens eine bedingte Strafe auszusprechen, da bloss eine kleine entschuldbare oder leicht erklärbare Verschuldung vorliege. Solche Personen verfügen selber, gemäss den Forschungsergebnissen von Szondi, über mindestens dieselbe kriminelle Energie wie die Täter und sollten daher ebenso verurteilt werden.

Obwohl wissenschaftlich belegt und unanfechtbar, konnte Szondi nicht auf einhellige Zustimmung hoffen. In verschiedenen Nachschlagewerken ist er leider auch nicht aufgeführt. Da ebenfalls auch die Psychophysiognomen (nach Carl Huter) auf praktisch dieselben Resultate kommen, haben beide Analyseverfahren sehr stark gegen Ressentiments zu kämpfen. Die Wahrheit einer Tatsache ins Auge schauen zu sollen oder zu müssen, war immer schon bitter.

Hanspeter Känzig-Schmid, Hinwil

12.06.2013 | 1946 Aufrufe