Die bewegende Geschichte eines Zeitzeugen

Der assyrische Christ Simon* hat eine bewegende Geschichte zu erzählen. Bevor er in der Schweiz eine neue Heimat gefunden hat, erlebte er am eigenen Leib, was es heisst, als Christ in einem Land mit muslimischer Mehrheit zu leben.

von Anian Liebrand, Redakton «Schweizerzeit»

Nach neusten Einschätzungen sind heute mehr als zweihundert Millionen Christen mitunter gröbster Verfolgung und Unterdrückung ausgesetzt. Besonders dramatisch ist die Lage in vielen muslimischen Staaten. Ein Direktbetroffener ist Simon, Anfang 60. Der «Schweizerzeit» berichtet er von seiner aufwühlenden Lebensgeschichte.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts betrug der Anteil der Christen in der Türkei etwa zwanzig Prozent der Gesamtbevölkerung. Heute leben in dem Land, das von Staatspräsident Erdogan in eine stramm islamistische Gesellschaft umgewandelt wird, noch etwa hunderttausend Christen – weniger als 0,2 Prozent der Bevölkerung.

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Über viertausend Klöster und Kirchen seien in der Türkei von Muslimen in die Luft gesprengt worden, sagt Simon schweren Herzens. Heute gäbe es nur noch wenige katholische und syrisch-orthodoxe Klöster im Land. Die jahrhundertealte nahöstlich-christliche Kultur werde vom Islam wegradiert und ausgelöscht.

Übergriffe und Schikanen

Simon stammt aus einem kleinen, christlich geprägten Dorf in der südöstlichen Türkei mit rund 2‘500 Einwohnern. Fast alle, auch seine Familie, arbeiteten in der Landwirtschaft. Er half wacker mit, liebte seine Heimat.

Simon berichtet von einer schweren, entbehrungsreichen Kindheit. Die Konflikte mit intoleranten Muslimen, für die er als Christ ein Mensch zweiter Klasse war, spitzten sich laufend zu. Übergriffe von muslimischen Gruppierungen waren an der Tagesordnung. Die Christen mussten ihr Dorf nachts mit bewaffneten Patrouillen bewachen. Auch Simon half mit: Schon als Minderjähriger postierte er sich mit dem Maschinengewehr an der Dorfgrenze.

Unterdrückung

In der Schule mussten die Kinder türkische Märsche singen. In ihrer assyrischen Muttersprache zu sprechen, war ihnen verboten. «Sogar als ich ausserhalb der Schule assyrisch gesprochen habe, wurde das von Spitzeln an die Schule gemeldet. Dort wurden wir immer wieder mit Holzstücken geschlagen», so Simon.

Assyrisch-christliche Mädchen wurden durch muslimische Männer verschleppt. Aus Angst schickten die Christen ihre Mädchen nicht mehr zur Schule. Das sei der Grund, warum viele der christlichen Frauen heute Analphabeten sind. In seiner Jugend wurde Simon einem Gerichtsverfahren ausgesetzt, das ein ganzes Jahr dauerte. Ein Muslim hatte ihn angeschwärzt. Den Grund kennt er bis heute nicht.

Schikanen auch im Militär

Der obligatorische Militärdienst wurde für Simon zur Qual. Er wurde, wie andere Christen auch, systematisch
schikaniert. So waren die Regeln bei der Essensausgabe klar. Während Muslime ordentliches Essen erhielten, gab es für Christen nur Reste oder abgestandenes Essen. Im Dienst drängten ihn die Vorgesetzten, sich beschneiden zu lassen (wie es für Muslime üblich ist). Dauernd musste er sich für seinen christlichen Vornamen rechtfertigen. Simon blickt mit zitternder Stimme zurück: «Mehrmals wurde ich von Vorgesetzten geschlagen, nur weil ich Christ bin.»

Weil es für Simon mit der Zeit in seinem Dorf nicht mehr auszuhalten war, ging er nach Istanbul, um sich eine neue Existenz aufzubauen. Die Bosporus-Metro-pole mit ihrem internationalen Flair stand im Ruf, auch offen für Minderheiten zu sein. Doch die Jobsuche stellte sich für Simon als äusserst schwierig heraus. Unzählige Male wurde er als Christ abgewiesen, was durch einen Vermerk in seinem türkischen Pass hinterlegt und aufgrund seines Vornamens ohnehin nicht schwer zu erraten war.

Flucht in die Schweiz

Viele assyrische Christen haben ihre Namen geändert, um nicht ständigen Repressionen ausgesetzt zu sein. Mit der Zeit wurde es in der Türkei immer schwieriger, an der Universität zu studieren und beruflich Karriere zu machen, wenn man offen zu seiner Identität stand. Simon dagegen hat sich nie verbogen. Nie habe er seinen Glauben verleugnet – auch wenn er deswegen nur Nachteile erfahren habe.

Ende der 1970er-Jahre dann der Bruch mit der Türkei. Simon reiste zusammen mit seiner Frau über Umwege in die Schweiz, wo er als anerkannter Flüchtling eine Aufenthaltsbewilligung erhielt. Dafür ist er noch heute unendlich dankbar. Mit seiner Frau zog Simon drei heute erwachsene Kinder gross, die allesamt bestens integriert sind. Er, der sechs Sprachen fliessend spricht, arbeitet seit vielen Jahren als zufriedener Angestellter bei der gleichen Detailhandelsfirma.

Simon ist bei weitem nicht der einzige, der aus seiner Heimat flüchten musste. Er hat Verwandte in Schweden, Österreich, Deutschland und Australien. In der Schweiz leben schätzungsweise rund zehntausend aramäische und assyrische Christen – die meisten von ihnen stammen aus der Südtürkei, aus Syrien oder dem Irak.

Rückkehr ausgeschlossen

Besucht man Simon, empfängt einen ein herzlicher, liebenswerter Mensch, der viel von seinem reichen Schatz an Lebenserfahrung zu erzählen hat. Es ist ihm ein Anliegen, immer wieder mit Nachdruck zu wiederholen, dass er seine Heimat nicht freiwillig verlassen habe. Die Trauer sei ein ständiger Begleiter seines Lebens geworden.

Ob er denn eines Tages zurückkehren möchte? Das sei leider ausgeschlossen, sagt er wehmütig. Er würde zwar gerne in sein Dorf zurückkehren, um dort einen Laden zu eröffnen. Aber als geflüchteter Christ sähe man sich in der Türkei auch heute inakzeptabler Diskriminierung ausgesetzt. Er erzählt von einem Freund, der vor Jahren ebenfalls flüchten musste und in Schweden ein neues Zuhause fand. Dieser kehrte in seine alte Heimat zurück, um in seinem früheren Dorf ein Haus zu renovieren. Er überlebte nicht lange, sondern fiel einem Anschlag zum Opfer.

Konflikte mit der türkischen Botschaft

Simon erzählt von andauernden Konflikten mit der türkischen Botschaft in der Schweiz. Als seine Kinder zur Welt kamen, weigerten sich Botschafts-Angestellte, ihnen die Pässe auszustellen – wegen den christlichen Vornamen.

Erst, als er Druck aufbaute, erledigte die Botschaft ihre Arbeit. Einmal wurde die Laufzeit seines Passes erst verlängert, als er zusammen mit einer Angestellten seiner Gemeinde nach Bern fuhr und diese auf den Tisch klopfte.

«Die Schweiz macht mir Sorgen»

Mit Sorge beobachtet er, wie sich der radikale Islam in der Schweiz ausbreitet. Jene intoleranten Auswüchse, vor denen er und viele seiner Glaubensbrüder und -schwestern fliehen mussten, würden sich auch hier ausbreiten.

Er wisse konkret, dass von den heutigen Asylbewerbern aus dem Nahen Osten die meisten keine echten Flüchtlinge seien. Es habe viele radikale Islamisten darunter. «Die Schweizer wollen nicht sehen, was da auf sie zukommt», warnt Simon.

Doch Simon gibt nicht auf. Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Traditionen und Werte seiner Vorfahren weiterzugeben. Er will die Öffentlichkeit über das Schicksal seines Volkes informieren und vor muslimischer Intoleranz warnen.

In seiner arbeitsfreien Zeit ist Simon fast pausenlos unterwegs. Er verteilt Broschüren oder sammelt Unterschriften. Nicht immer macht er sich damit beliebt. Die katholische Kirchgemeinde hat ihm untersagt, seine Informationen an einem Fest aufzulegen, an dem er sich mit seiner Frau seit Jahren beteiligt.

Für Simon ist das kein Grund aufzuhören. Widerstände ist sich der stolze Assyrer gewohnt.

Anian Liebrand

* Name der Redaktion bekannt.

22.12.2017 | 5538 Aufrufe