Tatsächlich wähnte ich mich im falschen Film, als ich die "Weltuntergangsprognosen" von 1992 eines Franz Blankart im Lichte der heutigen Wirklichkeit bestaunte. Er war hingegen nicht allein. Der Gesamtbundesrat und sämtliche Parteien, ausgenommen die SVP, trugen seinen fatalistischen Pessimismus mit. Blocher wurde sang- und klanglos aus dem SBG-Verwaltungsrat geworfen, und die EWR-Gegner wurden wie räudige Hunde gemieden.

Die grosse Frage bleibt: Können wir diesen falschen Propheten von damals, und damit den Zukunftsprognosen der heutigen Thinktanks, weiterhin Vertrauen schenken? Zu stark schimmert zum Beispiel bei Economiesuisse die zwiespältige Haltung des Bundesrats durch, die von Hunderten von "Spin Doctors" (die jeweils auch die Abstimmungsbüchlein verfassen) im Volk verbreitet wird.

Der Bundesrat verhält sich wie das Kaninchen, das vor der Schlange panisch in Bewegungslosigkeit verharrt. Man fragt sich, warum dieses Kaninchen so gebannt auf Europa starrt, wo ihm doch als klassischer und erfahrener Industrie- und Handelsnation mit einzigartigen, begehrenswerten Produkten die ganze Welt offen steht? Ist es Bequemlichkeit, Kleinmut oder gar der Herdentrieb? Die Schweiz hat in mehreren Fällen wichtige Freihandelsabkommen früher als die EU geschlossen, so mit Japan, Südkorea, Hongkong und Singapore. Wir sind doch als innovatives, fleissiges , selbstbestimmendes Erfinder- und Handelsvolk viel wendiger als der fette Bürokratieriese EU.

Als Muster an Innovationskraft möge ein mittlerer Produktionsbetrieb zuhinterst im Emmental dienen. Man war 1992 nach dem EWR-Nein völlig konsterniert, hat sich dann aber gefangen und in der Zwischenzeit über 50 neue Absatzmärkte auf der ganzen Welt erschlossen. Der Besitzer begreift nicht, warum nicht andere weltoffene Unternehmer, statt gebannt auf Europa zu starren, ebenfalls weltumspannende, profitable Kontakte zu knüpfen suchen. Er erwähnt u. a. ASEAN und MERCOSUR, streicht aber auch einzelne Länder wie die USA, Mexico, China, Australien, Japan, Indien, Brasilien und Russland heraus. Er nennt aber auch Taiwan, den nahen Osten oder Südafrika als lohnenswerte Absatzmärkte.

Mit einer unvermeidlich in den Abgrund driftenden europäischen Schulden-Union verliert unser Kontinent zunehmend an Bedeutung im Konzert aufstrebender Weltregionen. Unsere bescheidene Schweiz hat trotz politisch geringer Masse hervorragende Zukunftschancen, aber nur wenn es nicht von seinen bewährten Staatsmaximen wie direkte Demokratie, bewaffnete Neutralität und föderale Selbständigkeit abweicht. Oder liegen für den Bundesrat die Zukunftshoffnungen vielleicht doch eher in einem Zusammenschluss Europas, in den wir überhaupt nicht hineinpassen, und dies alles unter Preisgabe unseres wunderschönen, geliebten Landes, unserer Souveränität, unserer weltweit einzigartigen Demokratie und unserer gestalterischen Freiheit? Unsere Exekutive könnte dann die gesamte gesetzgeberische Verantwortung nach Brüssel delegieren, und das lästige Stimmvolk dürfte statt selbst zu bestimmen lediglich noch Gesetze und Richterentscheide abnicken!

Es müsste uns auch zu denken geben, dass alle EU-Länder bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ausnahmslos Untertanen von feudalen Einzelherrschern waren. Einige unter ihnen wurden noch bis in die Achtzigerjahre hinein zusätzlich durch brutale Diktaturregimes terrorisiert. Die Bevölkerungen dieser Länder haben daher eine total andere, über Jahrhunderte von Obrigkeitshörigkeit und Gehorsam geprägte Einstellung zu unserer Geisteshaltung der Selbstbestimmung. Die Unterwerfung unter nie gewählte Brüsseler Eurokraten ist für diese Nationen schon fast wie eine Heimkehr zum „guten alten Kaiser Wilhelm“, diesmal aber nicht von Gottes, sondern von Funktionärs Gnaden. Einzig die Schweiz hat sich nach dem Abzug von Napoleons Truppen aus dem Volk heraus selbst konstituiert und sich seither demokratisch legitimiert. Schon Bruder Klaus hat uns gewarnt: „Stecket den Zun nit ze wit!“

Robert Nieth,
Walchwil (ZG)

06.12.2012 | 2286 Aufrufe