Die EU auf den Spuren Kaiser Vespasians

Der aktuelle Freitags-Kommentar der «Schweizerzeit» vom 6. Dezember 2013

Von Ulrich Schlüer, Chefredaktor «Schweizerzeit»

Als Titus Flavius Vespasianus im Jahr 69 nach Christus nach Zeiten bürgerkriegsähnlicher Unruhen Kaiser des Römischen Weltreiches wurde, zeigte Roms Staatskasse gähnende Leere.

Kaiser Vespasian wusste den drohenden Staatsbankrott aber abzuwenden. Er erfand neue Gebühren. Auch Benutzungs-Gebühren für die öffentlichen Toiletten der Weltstadt Rom. «Non olet» sagte das Herrscherhaus zur neuen Einnahme. Zu Deutsch: «Es stinkt nicht» – gemeint war das Geld, das aus der Toilettenbenutzung in die Staatskasse floss.

Toiletten als Staatsangelegenheit

Ähnlich wie das Römische Weltreich zur Zeit Vespasians sieht sich heute die Europäische Union unendlich tiefen Schuldenlöchern gegenüber. Mehrere EU-Staaten können nur dank der von Mario Draghi marktwidrig verfügten «Zinsnullung» vor dem Bankrott bewahrt werden.

Kein Wunder also, dass man sich auch zu Brüssel der Initiativen Kaiser Vespasians erinnert. Bereits wurde eine «Studienkommission» ins Leben gerufen. Und diese – zusammengesetzt aus EU-Funktionären und beige-zogenen Fachleuten – erkor die Toilette tatsächlich zum Studienobjekt für obrigkeitliche Aktivitäten. Allerdings nicht mit dem Ziel der Einnahmen-vermehrung. Die Brüsseler Funktionäre suchten vielmehr nach neuen Betätigungsfeldern für neue Heerscharen zusätzlich anzuwerbender EU-Funktionäre.

Es diene – so lautete die Empfehlung dieser Expertenkommission – dem Ziel des Sich-Näherkommens der EU-Länder, wenn die Toiletten Europas einem Harmonisierungs-Prozess unterworfen würden. Gesagt, getan.

Definitions-Anstrengungen

Bevor Regulierung allerdings erfolgversprechend in EU-Verordnungen gegossen werden konnte, war freilich genaue, europaweit durchzusetzende Definition des Begriffs «Toilette» erforderlich. Dazu wurden während zwei Jahren mehrere, teils mehrtägige Sitzungen abgehalten. Nicht in Brüssel; gemäss EU-Gewohnheit lieber an attraktiveren Orten. Beispielsweise im nicht ganz nahen Sevilla. Wer über Toiletten-Harmonisierung zu brüten hat, muss sich als echter EU-Funktionär auch angemessene Erholung an attraktiven Stätten ergattern können.

Die Studienkommission gelangte nach zweijährigen Beratungen zu wahrhaft umwerfenden Erkenntnissen: Sie fand heraus, dass das Problem Toilette aus unterschiedlichen Benutzer-Gewohnheiten in den verschiedenen EU-Mitglied-ländern resultiere. Vereinheitlichungsbedarf sei entsprechend gegeben.

Ein Hindernis bei der bürokratietauglichen Definition der Toilette war allerdings noch zu bewältigen: Ist der Toilettendeckel – so lautete die tiefgründige Frage der Experten – eigentlich «integrierender Bestandteil» oder bloss «komfortsteigerndes Accessoire» der Toilette? Die EU-Studienkommission fand zu dieser Frage nach tagelangem Rateburgern eine schlechterdings salomonische Lösung: Wo die Toilette fest in die Wand montiert ist, sei der Toilettendeckel gemäss EU-Erkenntnis integrierter Bestandteil. Bei freistehen-den Toiletten sei der Deckel indessen als zusätzliches, komfortsteigerndes, aber nicht obligatorisch zu montierendes Accessoire einzustufen.

Label-tauglicher Wasserverbrauch

Hauptgegenstand weiteren tagelangen Brütens über Toiletten war indessen der als zulässig zu tolerierende Wasserverbrauch pro Toilettenspülung. Die EU-Experten sahen sich in der glücklichen Lage, dafür eine Norm mit europaweiter Gültigkeit definieren zu können: Für die Spülung einer Sitz-Toilette sei ein Wasserverbrauch von maximal fünf Litern tolerierbar. Für Toiletten, die künftig solchem Erfordernis entsprächen, wurde an weiteren Sitzungen auch ein Label erfunden. Für Steh-Toiletten, also für Pissoirs, wird dieses Label, so wurde entschieden, aber nur bei einem Spülwasserbedarf von maximal einem Liter pro Benutzung vergeben.

Eine echte EU-Expertenkommission begnügt sich freilich nicht mit der Verleihung von Labels. Das Label ist vielmehr Vorbote bald zu erlassender Vorschriften, die schliesslich europaweit Gültigkeit erhalten sollen. Dazu erschien es den Experten als notwendig, den Toiletten-Herstellern verbindliche Richtlinien vorzulegen, was mit dem Einsatz von fünf Litern Spülwasser in einer Toilette nach deren Benutzung zu erreichen sei. Die entsprechenden Anweisungen sind EU-konform detailliert.

Mit fünf Litern Spülwasser ist gemäss Experten-Dekret zwingend dreierlei zu erreichen: Es muss damit erstens das «Abfallprodukt» (in Anführungszeichen setzen wir die Original-Bezeichnungen aus der entsprechenden EU-Verordnung) vollständig beseitigt werden können. Zweitens ist mit den gleichen fünf Litern Wasser das «Auffangbehältnis» auszuwaschen, ohne dass Spritzer den Rand der Toilette überspringen dürfen. Schliesslich muss drittens eine «genügende Wassermenge» auf dem Boden der Toilette – gemeint ist der Boden des Behältnisses, nicht etwa der Boden des Toilettenhäuschens – liegen bleiben. Das die obligatorisch mit fünf Litern Spülwasser zu erfüllenden Erfordernisse für eine auf EU-Label erpichte Toilette.

Weiterungen

Damit wären wir beim heutigen – nicht etwa erfundenen, sondern tatsächlich erreichten – Stand der Bürokratisierung der auf Toiletten stattfindenden Ereignisse. Was jetzt noch kommt, sind Gedanken, die EU-Experten weiterhin auf Trab halten, denen das EU-weite Verankern harmonisierter Lösungen für alle Lebensbereiche höchstes Anliegen ist.

Denn Sorge bereitet zu Brüssel der Umstand, dass ein einheitlicher Umfang des «Abfallprodukts» pro Toilettenbenützung bislang nicht definiert werden konnte. Vielmehr herrscht dazu unter Fachleuten offensichtlich Uneinigkeit. Meinungsverschiedenheiten sollen sich etwa darüber ergeben haben, ob Nahrungsgewohnheiten oder eher das Körpergewicht der Toilettenbenutzer ausschlaggebend seien für den Umfang des von der Toilette aufzunehmenden «Abfallprodukts». Die Beantwortung dieser Frage wird wohl nach der Einsetzung einer weiteren Expertenkommission rufen.

Würde diese Kommission herausfinden, dass der Umfang des «Abfallprodukts» eher nahrungsabhängig ist, so dürften EU-Verfügungen mit dem Ziel der «Vereinheitlichung der Ernährung im EU-Untertanenland» nicht auf sich warten lassen. Würde die Studiengruppe indessen feststellen, dass das Gewicht der Toilettenbenutzer den hauptsächlichsten Einfluss hat auf den Umfang ihrer «Abfallprodukte» hätte, so müsste der Schritt zu Einheitsrationen pro Mahlzeit für alle EU-Untertanen zwangsläufig ins Auge gefasst werden.

Diese zweite mögliche Erkenntnis hätte aus der Sicht der Funktionäre Brüssels den unbestreitbaren Vorteil, dass der Bedarf an Essgewohnheiten-Überwachungs-Funktionären im EU-Raum sprunghaft ansteigen müsste. Das Hauptanliegen aller Vereinheitlicher, unablässig neue Funktionärsstellen für noch mehr Bürokraten zu erfinden, könnte auf diese Weise geradezu ideal erfüllt werden.

Vorbild Schweiz

Ein positives Resultat scheint die Brüsseler Toilettenspülungs-Experten-kommission allerdings erreicht zu haben: In der EU beginnt sich Widerstand zu formieren gegen die ausufernde Regulierung aller Lebensbereiche und das daraus resultierende, krebsartige Auswuchern des Funktionärsapparats in Brüssel. Der Widerstand geht bemerkenswerterweise aus von Unternehmern, die in verschiedenen EU-Ländern mittlere und auch grosse Unternehmen leiten. Eine Inserate-Kampagne, finanziert von diesen Unternehmern, hat in grossen Zeitungen in verschiedenen EU-Ländern diesen sich formierenden Widerstand sichtbar werden lassen.

Besonders bemerkenswert: Als Alternative zum erwürgenden Büro-kratisierungswahn Brüssels präsentieren die Bürokratie-Kritiker das Subsidiaritäts-Prinzip, wie es in der Schweiz kostensparend und bürger-freundlich seit Jahrzehnten zu bewährter Anwendung komme.

Die Schweiz als vorbildliche Alternative zum EU-Bürokratismus – ausge-sprochen von EU-Unternehmern: Warum versinken die Burkhalters, die Widmer-Schlumpfs, die Sommarugas, aber auch die Markwalders sowie die Karrers von Economiesuisse, die Schawinskis und andere Brüssel-Anbeter in den Medien dazu bloss in betretenes Schweigen? Ist es etwa von Bundesbern diktierte Pflicht, dem Schweizervolk vorzuenthalten, dass EU-Unternehmer der Schweiz den Vorzug geben gegenüber dem Bürokratie-Moloch EU?

Ulrich Schlüer

Die Anregung zu diesem «Brisant»-Artikel bot ein Kommentar von Pierre Heumann, erschienen unter dem Titel «Die Toilette – und die EU-Diktatoren» am 19. November 2013 in der «Basler Zeitung».

 

06.12.2013 | 5200 Aufrufe