Nordkorea im Herbst 2012 (I)
Arm – aber überlebensfähig

Von Ulrich Schlüer

Es ist der zweite Besuch Nordkoreas. Gegenüber dem ersten im Frühjahr 2010 hat sich die äussere Atmosphäre gelockert. Vor allem: Die Elektrizitätsversorgung der Hauptstadt Pjöngjang ist jetzt offensichtlich gewährleistet.

Vor zweieinhalb Jahren war Pjöngjang nachts stockdunkel. Das hat sich geändert. Die sich drehende Bar im 44. Stockwerk des Hotels Koryo, in dem die Schweizer Besuchergruppe wohnt, bewegt sich tatsächlich. Und man sieht: In allen Stadtteilen Pjöngjangs mit seinen gut zwei Millionen Einwohnern brennt heute Licht.

Am Bahnhof gibt es sogar eine hell leuchtende Lichtwand – Kino-Ersatz für Pjöngjang vor vielem sich am Abend für Stunden niederlassendem, in Wolldecken gehülltem Publikum. Die Lichtwand ist allabendlich bis Mitternacht im Betrieb.

Noch immer wird man in Nordkorea auf Schritt und Tritt überwacht. Aber die Überwachung erfolgt nicht mehr durch sture, stumme «Ledernacken». Heutige Überwacher sind sprachgewandt und diskussionsfreudig – aber immer da. Sie leiern gewiss nicht stereotype Propagandaformeln herunter. Man diskutiert mit ihnen. Beidseits werden Fragen gestellt – und meist auch beantwortet. Einer der drei Begleiter für unsere Gruppe spricht – für die welschen Reisteilnehmer – gut Französisch (er ist gleichzeitig formeller Reiseleiter), der zweite spricht sehr gut Deutsch, zumindest zwei sprechen gewandt Englisch.

Ob die äusserliche Lockerung auf innere Entspannung zurückgeht, bleibt aber undurchsichtig. An der Staatsordnung hat sich nichts geändert. Nach wie vor dominiert die Präsidentenfamilie – politisch und äusserlich in Form der alle grossen Plätze beherrschenden monumentalen Bronzestatuen oder Wandbilder.

Hunger?

Wir bereisen Nordkorea bei prächtigem Herbstwetter. Die golden strahlenden Reisfelder zu Beginn der Ernte prägen die Landschaft. Nordkorea zeigt sich in wunderbarem Herbstkleid.

Tausende versehen Ernte-Arbeiten, schneiden mit kleinen Sicheln die Reishalme. Ochsenkarren liefern attraktive Fotomotive.

Nur: Ob das Land mit immerhin vierundzwanzig Millionen Einwohnern mit seinen mittelalterlichen Erntemethoden wirklich ernährt werden kann? Man erhält schon offizielle Zahlen. Will man diese hinterfragen, gelingt das allenfalls auf Umwegen – nie kann man sich der erhaltenen Auskünfte sicher sein. Man muss immer ihre Plausibilität abschätzen.

Offiziell ist: Siebzig Prozent der Oberfläche Nordkoreas sind landwirtschaftlich nicht nutzbar. Nordkorea ist ähnlich gebirgig wie die Schweiz. Dreissig Prozent der nordkoreanischen Bevölkerung sind als Bauern registriert. Diese dürfen vom geernteten Reis pro Familie und Tag 600 Gramm zurückbehalten. Bezüglich Mais und Gemüse existieren ähnliche Regelungen mit Tagesguthaben.

Sechzig Prozent der Nordkoreaner gelten als Arbeiter. Sie erhalten als Entgelt nicht Lohn in Form von Geld. Sie erhalten Gutscheine. Zumeist – insbesondere in Pjöngjang – in den das Stadtbild beherrschenden, riesigen Wohnblöcken wohnend, können sie diese Gutscheine im Erdgeschoss der Wohnblöcke, wo sich Magazin-ähnliche Einbauten befinden, einlösen: Pro Person ist eine Tagesration von 1‘200 Kalorien vorgesehen. Allerdings seien die Vorräte nicht allzu selten in nicht genügendem Ausmass vorhanden. Dann würden die Rationen verkleinert. Für Kleiderbezug und andere Notwendigkeiten existieren ähnliche Bezugsregelungen mittels Gutscheinen.

Beobachtet man die vielen Landarbeiter auf den Feldern, dann fällt immer auf, dass ein grosser Teil, bis zu zwei Dritteln der Arbeitenden gerade ausruht. Sie seien, ist mit der Zeit zu erfahren, gleichsam lebendiger Beweis mangelnder Durchhaltekraft infolge ungenügender und allzu einseitiger Ernährung. Gesicherte Informationen erhält man dazu kaum. Aufmerksames persönliches Beobachten lässt diese Erklärung aber als plausibel erscheinen.

Werden hohe Funktionäre Nordkoreas auf solche Beobachtungen angesprochen, bestreiten diese zeitweise eintretende Mangellagen nicht rundweg. Sie machen den von den USA ausgehenden Boykott Nordkoreas dafür verantwortlich – und verweisen auch auf Naturkatastrophen (Taifune), die Nordkorea tatsächlich recht oft erntezerstörend heimsuchen.

Nordkoreaner und Südkoreaner gehören zum gleichen Volk. Dass die Nordkoreaner durchschnittlich fünfzehn Zentimeter kleiner sind als die Südkoreaner, ist offenbar ernährungsbedingt.

Tongil-Markt

Wir erfahren, dass es in Pjöngjang einen grossen Markt geben soll, wo eigentlich alles zu erhalten sei. Wir melden unseren Wunsch, diesen Markt zu besuchen, via unsere Begleiter bei den Tourismusbehörden an. Wie bei allen Sonderwünschen hebt langes, kompliziertes Hin und Her an – beginnend wie üblich mit einem barschen Verbot: Der Markt sei Ausländern nicht zugänglich, lautet der erste Bescheid. Langes Feilschen weicht die Verbotshaltung schliesslich auf. Endlich erhalten wir eine «Ausnahme-Genehmigung». Verbunden mit der Auflage von absolutem Fotografier-Verbot. Warum dieses Verbot? Niemand hat eine Erklärung: Der Tongil-Markt wäre für Nordkoreaner eigentlich eher als Erfolgsgeschichte «zu verkaufen»…

Die Markthalle von enormer Grösse lässt sich finden. Tatsächlich ist dort weitgehend alles zu erhalten, was sich für fernöstliche Märkte denken lässt: Lebensmittel, auch Fleisch. Und viel Fisch. Dazu Kleider, Schuhe, Haushaltartikel, Werkzeuge. Und es hat viele Käufer. Das Gedränge ist gross. Wer auf dem Markt ist – ausschliesslich Nordkoreaner –, kauft auch.

Am meisten erstaunt: Wer kauft, der bezahlt mit Geld. Woher das Geld, wenn der Arbeitslohn ausschliesslich aus Gutscheinen besteht?

Geld

Zum auf dem Tongil-Markt reichlich zirkulierenden Geld erhält man – bei hartnäckigem Nachfragen an jedem denkbaren Ort – mit der Zeit Erklärungen, die plausibel klingen – auch wenn sie nie offiziell bestätigt werden. Die plausible Erklärung für das am Tongil-Markt reichlich zirkulierende Bargeld lautet wie folgt:

In Nordkorea gilt die gesetzliche Regel, wonach jeder Nordkoreaner, der von einem in China lebenden Verwandten oder Bekannten zu einem Besuch eingeladen wird, unbesehen ein für drei Monate gültiges «Ausreisevisum für Besucher» erhält. Daraus hat sich längst ein florierendes Geschäft entwickelt: Geschäftstüchtige Chinesen stellen solche «Einladungen» gegen Bezahlung in zunehmend reicher Zahl aus. Jede nordkoreanische Familie sucht sich eine oder mehrere solcher Einladungen zu ergattern. Darauf reist die tüchtigste Arbeitskraft der Familie für drei Monate nach China – nicht für einen Besuch, vielmehr zum Arbeiten. Zum Arbeiten gegen Lohn in Form von Geld. Das in drei Monaten verdiente Geld – für Nordkoreaner zumeist ein sehr stattlicher Betrag – bringt der Besucher-Arbeiter zurück nach Nordkorea. Seit dieses System – unter offensichtlich stillschweigender Duldung des Regimes – funktioniert, zirkuliert vor allem in Pjöngjang recht viel Bargeld.

Die persönliche Schlussfolgerung zu dieser Beobachtung: Solche, das Gesetz dehnende oder schlicht umgehende Machenschaften werden in Nordkorea stillschweigend akzeptiert – damit die Ernährung der Bevölkerung überhaupt gewährleistet werden kann.

(Fortsetzung folgt)

Reisegruppe
Der Besuch in Nordkorea vom 1. bis 8. Oktober dieses Jahres wurde organisiert durch die Parlamentarische Gruppe Schweiz – Republik Korea (darunter ist Südkorea zu verstehen).

Folgende amtierenden und ehemaligen Parlamentarier nahmen – nebst weiteren Mitreisenden – am Besuch in Nordkorea teil: Christine Bulliard (CVP FR), Nationalrat Ignazio Cassis (FDP TI), Ständerat Roland Eberle (SVP TG), alt Ständerat Dick Marty (FDP TI), Nationalrat Yves Nidegger (SVP GE), Nationalrat Jean-François Rime (SVP FR), alt Nationalrat Ulrich Schlüer (SVP ZH), alt Nationalrat Peter Vollmer (SP BE).
Die Gruppe reiste auf privater Basis, ohne offizielle Funktion. 


15.11.2012 | 1657 Aufrufe