Denkanstoss

Schwindelerregende Überschuldung - ein Denkanstoss
31'709 Lebensjahre

Kommentar von Dr. Ulrich Schlüer für die "Schweizerzeit" vom 11. November 2011

Die Manager der Euro-Krise verkünden stolz: Die Schaffung des Europäischen «Rettungsschirms» EFSF sei gelungen. Der Euro sei gerettet, Staatsbankrotte seien abgewendet worden…

Und es sei gelungen, diesen EFSF auf – vorläufig – 1‘000 Milliarden Euro zu «hebeln». Kann sich irgend jemand vorstellen, wie gross diese «gehebelte» Summe (Euro 1‘000‘000‘000‘000) in Tat und Wahrheit ist?

Bevor wir die Frage beantworten, soll hier das Konstrukt EFSF in seinen Einzelheiten beschrieben werden.

Nur Garantien
Für die Dotierung des «Rettungsschirms» EFSF, der vom Bankrott bedrohten Euro-Staaten unter die Arme greifen soll, sind zunächst 450 Milliarden Euro bereitgestellt worden. Gegen 250 Milliarden seien für Griechenland, Irland und Portugal bereits verbraucht worden. Deshalb lägen derzeit effektiv nur noch gut 200 Milliarden Euro in der EFSF-Kasse.

Diese Aussage täuscht allerdings über die Realität hinweg. Denn in der EFSF-Kasse liegt tatsächlich kein einziger Euro! Denn kein einziger der Euro-Staaten verfügt über Reserven, aus denen er 200 Milliarden (ursprünglich gar 450 Milliarden) Euro einfach an den EFSF überweisen könnte. In Wahrheit sprechen die Euro-Staaten bloss Garantien aus. Es fliesst kein oder kaum Geld. Die Euro-Länder übernehmen vielmehr Bürgschaften – wobei als «Bürgen» auch solche Euro-Staaten auftreten, die selbst bereits bankrott sind – Griechenland inklusive. Milliarden garantieren können in der EU auch solche Staaten, die lediglich noch auf Schuldenlöchern sitzen.

Mit der «Garantie» für die insgesamt noch gut 200 Milliarden Euro im EFSF ist es allerdings nicht getan. Gleichzeitig bestätigen sich all die Länder, die zusammen diese Summe garantieren, die über jeden Zweifel erhabene Solidität, also das «kerngesunde Fundament» ihrer Staatshaushalte. Einander solches feierlich bestätigen kann man in der EU offensichtlich auch dann, wenn das Gegenteil des Bestätigten, nämlich die rettungslose, nicht mehr korrigierbare Überschuldung des Staatshaushaltes Tatsache ist.

«Hebelung»
Diese gegenseitige Zusicherung der «hohen Qualität» der geleisteten Garantien ist indessen notwendig für die von den Lenkern der Euro-Staaten beschlossene «Hebelung» der garantierten Summe. Diese funktioniert wie folgt: Dem Rettungsschirm EFSF wird faktisch der Status einer Bank zugebilligt – auch wenn die formelle Erhebung des EFSF zur Bank bis heute noch nicht erfolgt ist. Sobald diesem EFSF aber «Bank-Charakter» attestiert wird, kann die ihm von den Euro-Staaten garantierte Summe von 200 Milliarden zum «Eigenkapital» des EFSF erklärt werden. Da keine Bank lediglich mit ihrem Eigenkapital Bankgeschäfte betreibt, auf der Grundlage genügenden Eigenkapitals vielmehr dank regelmässig vorgenommener Risikoabschätzung das (aus der Bilanz ablesbare) Geschäftsvolumen über den Betrag des Eigenkapitals hinaus markant ausweitet, kann nach Meinung der Euro-Strategen auch der EFSF sein Eigenkapital «hebeln». Es wird ihm zugestanden, ein Mehrfaches seines von den Trägerstaaten als «solid» garantierten – aber bloss in Form von Garantien geleisteten – Eigenkapitals als Kreditmasse für vom Bankrott bedrohte Staaten einsetzen zu können.

Vorerst beschlossen die Euro-Krisenverwalter eine «Hebelung» der dem EFSF garantierten 200 Milliarden auf das Fünffache – einzelne Schuldenverwalter traten bereits auch für die Verzehnfachung des EFSF-«Eigenkapitals» ein. Der EFSF mit faktisch nicht verhandenem, von vielfach überschuldeten Staaten bloss «garantiertem» Eigenkapital kann im Moment also bis zu 1‘000 Milliarden Euro, bestehend ausschliesslich aus virtuellem Kapital, gleichsam als Bar-Hilfe an vom Bankrott bedrohte Euro-Staaten auszahlen. Vorausgesetzt, die dafür anzuwerfende Notenpresse vermag dem Ausmass der Aufblähung des lediglich aus Schulden bestehenden «Eigenkapitals» zu folgen...

1‘000 Milliarden Euro: Kann jemand mit solcher – wie gesagt ausschliesslich aus virtuellem Geld bestehender – Kreditsumme, mit welcher der «Rettungsschirm» jetzt operieren wird, überhaupt eine konkrete Grössenvorstellung verbinden? Ein Vergleich mag hilfreich sein: Hat ein Mensch mit 65 Jahren sein Pensionsalter erreicht, so hat er bis zu diesem Moment genau 2‘050‘000‘000 (in Worten: zwei Milliarden und fünfzig Millionen) Sekunden gelebt. Wer 1‘000 Milliarden Sekunden leben möchte, muss also das biblische Alter von sage und schreibe 31‘709 Jahren erreichen…

Aus solchem Umfang an faktisch ungedeckten Garantien besteht die Kreditsumme, mit der der EFSF jetzt bankrottgefährdete Euro-Staaten retten soll. Ob mit solch gigantischem Finanzkonstrukt ohne werthaltigem Fundament der schlingernde Euro wirklich über die Runde zu bringen ist?

 

09.11.2011 | 1824 Aufrufe