Rückblick auf bewegte Zeiten

Unbeugsamer Widerstand – Humanitäre Hilfe

Die «Schweizerzeit» im Gespräch mit alt Botschafter August R. Lindt

Aus der Feder von alt Botschafter August R. Lindt – einer Persönlichkeit, die seit dem Zweiten Weltkrieg bis in die Achtzigerjahre zu den profiliertesten Vertretern unseres Landes im diplomatischen und humanitären Dienst gehörte – erscheint in diesen Tagen ein neues Buch: Ein weiterer Band zu seiner bewegten Lebensgeschichte.

Für die «Schweizerzeit» bildet dieses neue Buch – mit interessanten Kapiteln zur Schweizer Geschichte am Ende des Zweiten Weltkriegs und zu Beginn der Nachkriegszeit – den Anlass, sich von alt Botschafter August R. Lindt einiges über die Zeit des Zweiten Weltkriegs, insbesondere über den Widerstandswillen der Schweizer Bevölkerung während der Kriegszeit erzählen zu lassen.

Die Schweiz 1939/40

«Schweizerzeit»: Herr Botschafter Lindt, Sie sind der letzte Zeitzeuge der sogenannten Offiziersverschwörung von 1940 und der daraus gewachsenen «Aktion Nationaler Widerstand». Heute erleben Sie, wie die Schweiz von Interessengruppen in den USA als «Nazi-Satellit» diffamiert wird. Was bewegt Sie, wenn Sie mit solchen Vorwürfen konfrontiert werden? 

August R. Lindt: Lassen Sie mich die Stimmung in der Schweiz zu Kriegsbeginn 1939/40 kurz in Erinnerung rufen: Nie zuvor und nie danach war das Schweizervolk innerlich einiger, geschlossener als damals. Die Schweiz war kampfbereit, rechnete allerdings damit, dass die Alliierten – Frankreich und England – Hitler standhalten würden. Niemand sah damals in Hitler einen starken, überlegenen Feldherrn. Dass Hitlers Angriff auf Polen zwar eine Kriegserklärung der Alliierten, aber keine konkreten Massnahmen von deren Seite auslöste, weckte Verunsicherung. Die der Alliierten-Kriegserklärung folgende «drôle de guerre» wurde auf beiden Seiten zu eiliger Aufrüstung genutzt.

Grossen, heute kaum mehr nachvollziehbaren Eindruck löste zu Beginn des Jahres 1940 der erfolgreiche deutsche Fallschirmkrieg gegen Norwegen und Dänemark aus, zumal er von Kriegspropaganda begleitet wurde, wie man Ähnliches bis damals nicht gekannt hat. In der Person Quislings wurde gleichzeitig die vordem eher abstrakt beschworene «Fünfte Kolonne» erstmals bedrohliche Realität. Der Wille zum Widerstand war in der Schweiz aber weiterhin ungebrochen. Die Widerstandsbereitschaft des Volkes erhöhte sich, als General Guisan und der damalige Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz den sogenannten «Befehl für Überfall» veröffentlichten, wonach jegliche Kapitulationsbereitschaft, die je gerüchteweise ausgestreut werden sollte, als feindliche Propaganda zu betrachten sei. Damit war klar: Unser Land würde sich gegen jeden Angreifer mit allen Mitteln bis zum äussersten verteidigen.

Dann folgte der deutsche Blitzkrieg gegen die Niederlande, Belgien und Frankreich, der die Maginot-Linie umging und die britische Armee zum überstürzten Rückzug vom Kontinent zwang. Innert weniger Tage sah sich die Schweiz von der Achse umzingelt. Militärisch und politisch eingeschnürt, fühlte sie sich aufs gefährlichste bedrängt. Als das Volk in solcher Gefühlslage am 25. Juni 1940 die als anpasserisch empfundene Rede von Pilet-Golaz vorgesetzt bekam, verbreitete sich Unsicherheit: Was hatte die Regierung vor, die um Vertrauen für den Bundesrat bat, weil dieser Entscheide zu fällen habe, die er mit dem Volk nicht besprechen könne. Warum vermied Pilet Worte wie «Widerstand», «bewaffnete Neutralität», «Unabhängigkeit» so sorgfältig in seiner Rede?

Einerseits verbreitete sich depressive Stimmung. Anderseits entzündete Pilets Rede offenen Widerstand in Teilen des Offizierskorps, worauf sich, lanciert von Hauptmann Alfred Ernst, die «Offiziersverschwörung» bildete. Pilet wurde nicht als Verräter eingestuft, aber die breite Bevölkerung zweifelte an seinem Rezept, ein diplomatisches Arrangement mit Hitler zu finden. Vor allem aber verbreiteten sich Zweifel am Widerstandswillen des Bundesrats.

Unsicherheit

Weil der General nach Pilets Rede während mehr als drei Wochen schwieg, kamen auch Zweifel auf an seiner Haltung. Hauptmann Alfred Ernst, der spätere Nationalrat Walter Allgöwer, zu diesem Zeitpunkt Kommandant eines Rekruten-Bataillons, und ich selber waren überzeugt, dass ein Staat, der sich kampflos ergibt, sein Daseinsrecht verliert. Um solches zu verhindern, dachten wir an ein radikales Mittel, an einen Staatsstreich, der die Absetzung der gegenwärtigen Bundesräte erzwingen und die Bundesversammlung zur Wahl eines neuen Bundesrats veranlassen sollte. Nach wenigen Tagen erkannten wir jedoch, dass eine Demokratie nicht durch Staatsstreich gerettet werden kann. Für uns bestand aber weiterhin die drängende Frage, wie eine allmähliche Anpassung ans Dritte Reich verhindert werden könne.

Hauptmann Alfred Ernst fasste gleichzeitig den Plan, einen Bund zuverlässiger Offiziere zu gründen. Damit sollte sichergestellt werden, dass geschossen würde, wenn der Bundesrat auf politische Forderungen Hitlers eintreten sollte. Gegründet wurde dieser Offiziersbund am 21. Juli 1940, als Alfred Ernst ihm bekannte Generalstabsoffiziere nach Luzern aufbot, die als Chefs der Nachrichtendienste in ihren Einheiten über die Kommunikationsmittel verfügten. An dieser Zusammenkunft wurde vereinbart, dass alle Teilnehmer den Befehl zum Kampf – mit oder ohne Genehmigung des jeweiligen Vorgesetzten – an die Truppen übermitteln würden, sobald die Geheimsender, über die wir verfügten, das Losungswort «Nidwalden» ausstrahlen sollten. Dies in Erinnerung an 1798, als Nidwalden als einziger Kanton den Kampf gegen die französischen Besatzungstruppen aufgenommen hatte.

Bevor die zweite Zusammenkunft des Offiziersbundes stattfinden konnte, verhaftete die Heerespolizei deren wichtigste Mitglieder. Sie handelte im Glauben, eine Verschwörung rechtsextremer, nazifreundlicher Offiziere aufgedeckt zu haben. Nachdem der General über die wahren Hintergründe des Offiziersbundes informiert werden konnte, berief er die bekanntesten Mitglieder der Verschwörung in sein Hauptquartier. Er teilte ihnen dort mit, er sei mit ihrem Ziel vollumfänglich einverstanden, jede kampflose Anpassung an das Dritte Reich zu verhindern. Sie hätten ihn aber über ihre Pläne informieren sollen. Deshalb bestrafe er sie mit Disziplinarstrafen, also scharfem Arrest.

Geist des Widerstands

Wurde diese «Verschwörung» auch amateurhaft aufgezogen, so ging von ihr eine in Worten kaum erfassbare psychologische Wirkung auf die Armee aus. Indem sich der General offen zum Geist des Widerstandes bekannte, brachte ihm die Bevölkerung fortan nahezu blindes Vertrauen entgegen. Mit dem legendären Rütli-Rapport wurde dieses Vertrauen noch zementiert: Die Schweiz war sich des Kampfeswillens ihrer Armeeleitung sicher, wusste sich in ihrem Widerstandswillen getragen.

Allerdings gab es sowohl hohe Offiziere als auch wichtige Industrielle und einige Intellektuelle, die glaubten, der Zeitgeist verlange von der Schweiz den Beitritt zum «neuen Europa». Die nationalsozialistische Propaganda verwendete dieses Wort zur Beschönigung der Beherrschung eines grossen Teiles Europas durch die Achsenmächte. Die Gefahr, die Schweiz könnte nazideutschem Willen gefügig gemacht werden, bestand aber eigentlich nie mehr. Defaitismus fand in der Schweiz keinen Nährboden.

Versorgungsprobleme

Nachdem die Schweiz von den Achsenmächten umzingelt war, war sie auf die Lieferung von deutschem Stahl und deutscher Kohle angewiesen. Wären diese Lieferungen ausgeblieben, wäre allgemeine, schwere Arbeitslosigkeit unvermeidlich gewesen. Verhandlungen zur Sicherstellung des überlebensnotwendigen Nachschubs waren während der ganzen Dauer des Krieges sowohl mit Deutschland wie mit den Alliierten zu führen. Ob die Schweiz im Rahmen solcher Verhandlungen mit Hitler-Deutschland zu wenig oder zuviel bezahlt hat, ist eine Ermessensfrage. Die Verhandlungen mit den Alliierten gestalteten sich oft sehr zäh. Immerhin erlaubten sie der Schweizer Handelsflotte mit kurzen Unterbrüchen, Weizen aus Amerika zu importieren, wobei allerdings von den Achsenmächten jeweilen das Zugeständnis eingehandelt werden musste, dass unter Schweizer Flagge fahrende Handelsschiffe nicht durch deutsche Unterseeboote angegriffen und versenkt würden.

In der zweiten Kriegshälfte schlug das britische Ministerium für wirtschaftliche Kriegführung vor, die schweizerischen Industrien, die für Deutschland arbeiteten, zu bombardieren. Das Foreign Office widersetzte sich solchen Plänen. Die USA und Grossbritannien erkannten, dass die Existenz eines unabhängigen Landes inmitten des Nazi-Herrschaftsbereichs von grossem politischem Gewicht war. Nach dem Krieg lobte Winston Churchill die Politik der neutralen Schweiz während des Krieges denn auch ausdrücklich.

Das Schweizervolk als solches blieb trotz massiver deutscher Propaganda den Diktaturen gegenüber feindselig gesinnt. Es übte ständigen Druck auf den Bundesrat aus, den Achsenmächten gegenüber nicht allzu grosse Zugeständnisse einzugehen. Diesem Willen des Volkes ist es zu verdanken, dass die Schweiz innerhalb des besetzten Kontinents eine Demokratie blieb und 1943 demokratische Wahlen durchführen konnte.

Plan Wahlen

Zu dieser unerschütterlichen Haltung der Schweizerinnen und Schweizer trugen zwei Entschlüsse wesentlich bei. Der «Plan Wahlen», auch Anbauschlacht genannt, beseitigte die Angst vieler Schweizer, von den Achsenmächten innert kurzer Frist regelrecht ausgehungert zu werden. Nach dem raschen Zusammenbruch der Verteidigungslinien Hollands und Belgiens vor den deutschen Panzern wurde in der Schweiz die Gefahr erkannt, auch unsere Verteidigungsmassnahmen längs unserer Grenzen könnten einem deutschen Angriff nicht standhalten. Da beschloss der General, den Grossteil der Armee ins gebirgige Réduit zurückzuziehen. Im Réduit-Gelände sind Panzer nicht operationsfähig. Die in Felsen eingebauten Artilleriestellungen konnten mit Bomben aus der Luft nicht ausgemerzt werden. Allerdings hätte das Voralpengebiet und das Mittelland, wo der überwiegende Teil der Bevölkerung lebte, nach hinhaltender Verteidigung durch den Grenzschutz vom Feind besetzt werden können. Dem Besetzer könnte indessen durch Überfälle aus dem Réduit sowie mit ausgedehnter Sabotagetätigkeit das Leben sauer gemacht werden.

«Schweizerzeit»: Herzlichen Dank, Herr Botschafter, für diese lebendige Schilderung des damaligen Schweizer Widerstandswillens. S.


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