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Einige Fakten

Zu den Ursachen des Holocaust


Von Dr. Ernst Walder, Zürich

Wie der Tagespresse zu entnehmen ist, wünscht Unterstaatssekretär Stuart Eizenstat – mit dem «Ziel der moralischen Besserung des Schweizervolkes» (NZZ vom 15. 9. 1998) –, die Schweiz möge sich vermehrt mit dem Thema Holocaust beschäftigen.

Eine Arbeitsgruppe des EDA – Herrn Eizenstat stets zu Diensten – hat bereits entsprechende Vorschläge ausgearbeitet; offenbar geht es insbesondere darum, wie die Shoah in der Schule dargestellt werden kann.

Ehe wir uns zur Sache äussern, sei folgendes vorausgeschickt: Die «Schweizerzeit» vom 30. Mai 1997 hat ausführlich und dokumentiert gezeigt, dass die USA für den Holocaust mitverantwortlich sind, weil ihre antisemitische Politik die Aufnahme von jüdischen Flüchtlingen systematisch behinderte. Eizenstat täte deshalb gut daran, sich in diesem Punkt (und vielleicht auch anderweitig) um die moralische Besserung des eigenen Volkes bzw. der amerikanischen Behörden zu kümmern.

Es ist aber richtig, dass das Thema Holocaust der Vertiefung bedarf. Zwar sind wir sehr gut darüber orientiert, was geschah; dagegen herrscht über die Ursachen der Shoah auch heute noch keine genügende Klarheit. Wir versuchen nachstehend, einige Gesichtspunkte – natürlich ganz unvollständig – aufzuzeigen; dabei werden sich auch Hinweise auf unsere Flüchtlingspolitik während des Zweiten Weltkrieges ergeben.

1 Zunächst sei daran erinnert, dass ein profunder Kenner der Materie wie der Theologe Hans Küng die Auffassung vertritt, die Verbrechen der Nazis wären nicht möglich gewesen «ohne die fast zweitausendjährige Vorgeschichte des religiösen Antijudaismus der christlichen Kirchen» (Hans Küng, Das Judentum, Piper, 1991).

2 Als Ludendorff am 14. August 1918 dem deutschen Kaiser mitteilte, dass man nicht mehr hoffen dürfe, «den Kriegswillen unserer Feinde durch kriegerische Handlungen zu brechen», und damit das erste Signal zur Kapitulation Deutschlands gab, stand sein Land scheinbar auf einem Höhepunkt der Macht. Russland war niedergerungen worden, und ein grosser Teil der russischen Ressourcen stand zur Verfügung Deutschlands: beispielsweise die ukrainische Kornkammer, 79 Prozent der russischen Eisen- und 89 Prozent der Kohleproduktion. Im Westen stand die deutsche Armee tief in Frankreich. Für den Grossteil des deutschen Volkes – u. a. für den jungen Hitler – war deshalb der plötzliche und totale Zusammenbruch Deutschlands im November 1918 völlig unverständlich. Die gemeinsam mit dem Kaiser für die Kriegführung und die Katastrophe verantwortliche deutsche Generalität hatte deshalb leichtes Spiel, als sie die Verantwortung auf einen Sündenbock abzuwälzen versuchte. Was zur «Dolchstoss-Legende» wurde, begann mit einer Erklärung von Marschall Hindenburg, dem späteren deutschen Reichspräsidenten, wonach das deutsche Heer «von hinten erdolcht» worden sei. General Schulenburg wurde deutlicher: «Unter unseren Leuten wird die Parole unter allen Umständen ziehen, dass ihre Schwesterwaffe, die Marine, mit jüdischen Kriegsgewinnlern und Drückebergern ihnen in den Rücken gefallen ist.» Diese Version fand um so leichter Glauben, als im Chaos, das in Deutschland dem Ersten Weltkrieg folgte, jüdische Kommunisten bei sämtlichen Versuchen, die Ordnung zu stürzen, eine führende Rolle spielten. So baute sich tiefer Hass gegen die Juden auf.

3 Nach 1922 brach die deutsche Währung völlig zusammen, bis die Mark praktisch wertlos war. Die Rentner, die kleinen Sparer verloren damals alles, während diejenigen, die Sachwerte wie Grundstücke, Fabriken, Bergwerke besassen, sich unerhört bereicherten; sie hatten Bankkredite und Anleihen in guter Währung aufgenommen und konnten dank der Inflation ihre Schulden mit wertlosem Gerld zurückzahlen. Spekulanten lebten in Saus und Braus; die Alten, die Rentner, die Arbeiter und Angestellten dagegen hungerten. Niemand konnte verstehen, was passiert war; das Resultat war aber dasselbe wie in den USA während der Krisenjahre: Viele verarmte Deutsche waren überzeugt, die internationale, angeblich von Juden dominierte Hochfinanz sei für ihr Elend verantwortlich. Auch das schaffte Hass.

4 Wie die «Schweizerzeit» vom 30. Mai 1997 zeigte, identifizierten weite Kreise weltweit (auch bei uns) das Judentum mit dem Bolschewismus, weil Juden vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg in der kommunistischen Bewegung eine führende Rolle spielten. Das deutsche (und auch das schweizerische) Bürgertum betrachtete den Kommunismus als tödliche Gefahr. Das war wohl auch der eigentliche Grund, weshalb Hitler an die Macht kam: Viele Deutsche waren überzeugt, dass die demokratischen Parteien der dämonischen Macht des Bolschewismus mit seinen weltrevolutionären Plänen nicht gewachsen seien; deshalb die Unterstützung des «starken Mannes», der versprach, die kommunistische Seuche auszurotten.
Der Hass vieler Deutscher gegen den Kommunismus richtete sich damit auch gegen die Juden. Diese Identifikation des Judentums mit dem Bolschewismus (vgl. dazu Johnson, A History of the Jews, Weidenfeld and Nicolson, 1987; Seiten 484ff.) war die Hauptursache dafür, dass die USA den vor den Schergen Hitlers flüchtenden Juden das Asyl weitgehend verweigerten. Obwohl das, soweit wir sehen, in den umfangreichen Untersuchungen über unsere Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg nirgends zum Ausdruck kommt, kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Situation bei uns ähnlich war: Viele Verantwortliche waren fälschlicherweise überzeugt, die Juden seien generell Träger des bolschewistischen Bazillus und damit gefährlich, unerwünscht.

5 Diese Bemerkungen führen zum letzten Gesichtspunkt, den wir hier erwähnen wollen, zum sogenannten Kulturbolschewismus (vgl. Johnson, a. a. O., Seiten 477ff.).
In der Weimarer Republik spielten viele deutsche Juden im kulturellen Leben (und auch in der Wissenschaft) des Landes eine mehr und mehr bedeutende Rolle: 1920 wurde Max Liebermann Präsident der Preussischen Akademie; man denke weiter an Dirigenten wie Otto Klemperer und Bruno Walter, an Musiker wie Jascha Heifetz und Horowitz. Die damals hervorragende deutsche Filmproduktion war von Juden dominiert; dasselbe galt für das Theater. Am Frankfurter Institut für Sozialforschung waren Leute wie Adorno, Horkheimer, Marcuse, Fromm und Neuman tätig. Im Verlagswesen (Beispiel S. Fischer) und in der Medienwelt war der jüdische Einfluss enorm. Wir zitieren hier Johnson (übersetzt): «... ein grosser Prozentsatz der Theater-, Musik-, Kunst- und Buchkritiker waren Juden: Juden betrieben wichtige Galerien und andere Kulturzentren. Sie schienen die Szene zu beherrschen, die Trends zu bestimmen und Reputationen zu machen. Ihr Einfluss wurde dem Einfluss der Linksintellektuellen ganz allgemein gleichgestellt; das provozierte Neid, Frustration und Wut.»
Kein Zweifel: Die grosse jüdische Begabung brachte im deutschen Kulturleben vieles zu hoher Blüte. Aber diese Entwicklungen führten bei vielen jener Deutschen zu Angst und Hass, die dem traditionellen Kulturleben ihrer Heimat verhaftet waren; man denkt hier vielleicht an Stichworte wie «Am Brunnen vor dem Tore ...» und «Im schönsten Wiesengrunde ...». Diese «völkischen» Deutschen hatten den Eindruck, das Judentum usurpiere das Kulturleben ihres Landes und bringe sie um ihre Identität. Der pathologische Judenhass Hitlers fand hier einen geradezu idealen Nährboden.

Damit ist das Thema bei weitem nicht ausgeschöpft. Aber wir hoffen, dass diese Ausführungen gezeigt haben, wie komplex die Thematik ist und dass sie seriöser, objektiver Untersuchung bedarf. Man darf deshalb hoffen, dass der Bundesrat wenigstens in diesem Bereich darauf verzichtet, die notorischen «Junghistoriker» einzusetzen.

Dr. Ernst Walder, Zürich

 


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