Nr. 21, 24. August 2007

Rassismus-Kommission stellt Ausländer unter Artenschutz
Realitätsverweigerung als Programm

Von Patrick Freudiger, Stadtrat, Langenthal BE

In ihrem Bulletin "Tangram", Nr. 19, publiziert die eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) Artikel rund um die Themen Rassismus und Jugend. Die Aussagen sind über weite Strecken - gelinde gesagt - tendenziös. Statt der Suche nach Wahrheit dominieren Denkverbote und akademische Scheuklappen den Inhalt.

Wie weit diese Scheuklappen der politischen Korrektheit gehen können, zeigt ein Bericht zum Thema "Destabilisierungsprozesse jugendlicher Opfer rechtsextremer Gewalt". Das beginnt schon bei der Sprache: Linksextreme Chaoten, die sich nicht selten weder um die Gesundheit von Polizisten noch fremdes Eigentum scheren, werden lieblich "Linksautonome" genannt. Ausländer sind "Heranwachsende mit Migrations-Hintergrund". Personen schliesslich, deren Lebensstil einer Kapitulation vor den Anforderungen der Gesellschaft gleicht, sind im EKR-Neusprech "von der Norm abweichende junge Erwachsene". Solche und andere Gruppen (Obdachlose, Drogenkonsumenten) werden im EKR-Bericht konsequent als Opfergruppen umschrieben.

"Sekundäre Viktimisierung"

Perfiderweise werden die Opfergruppen aber nicht (nur) wegen der erlittenen Gewalt durch Rechtsextreme als Opfer bezeichnet. Opfer seien sie vielmehr auch durch eine "sekundäre Viktimisierung". Denn die "Instanzen der formellen Sozialkontrolle", d. h. vor allem die Polizei, würden den Opfern durch ihr angeblich unsensibles und einseitiges Verhalten den Opferstatus aberkennen. "Sie reagiert auf ihnen bereits in anderem Zusammenhang bekannte Personen, wie dies bei Randgruppen häufig der Fall ist, mit Unverständnis, weist ihnen zumindest eine Teilschuld zu, verleugnet das Tatmotiv oder rät gar von einer Anzeige ab." Solche pauschalen Anfeindungen gegen die Arbeit der Polizei haben vielleicht in einem Vereinsblättchen einer Anarchistengruppe Platz, aber wohl kaum im Bulletin einer Kommission, die vom Steuerzahler ernährt wird. Dass Drogenabhängige, Obdachlose und Chaoten für den Polizisten an der Front berechtigterweise nur allzu oft Problemgruppen darstellen, welche die öffentliche Ruhe stören oder vor denen er seine Mitmenschen gar zu schützen hat, lassen die Theoretiker der EKR-Broschüre im Übrigen geflissentlich beiseite.

Aberkannter Opferstatus?

Weiter ist im Bulletin zu lesen, dass den Opfern auch durch die politische Diskussion um kriminelle junge Ausländer, Asylmissbrauch oder Sozialschmarotzer ihr Opferstatus aberkannt würde. Man muss sich hier einfach vor Augen führen. Eine Gesellschaft hat zwei Möglichkeiten, das Phänomen Ausländerkriminalität und Sozialtourismus anzugehen: Entweder man spricht die Fakten deutlich, aber ehrlich an. Man spricht an, dass Jugendkriminalität mehrheitlich Ausländerkriminalität ist. Man spricht an, dass die Einwanderung von heute grossenteils eine Einwanderung in den Sozialstaat ist. Oder aber man übt sich in politisch-korrekter Tabuisierung, schreibt Aufsätze und Dissertationen über sekundäre Viktimisierung, zahlt brav Steuern für Sozialwerke, welche angesichts des multikulturellen Sozialrentner-Proletariats nicht mehr finanzierbar sind und wundert sich, warum die Kriminalstatistik jedes Jahr wieder etwas trauriger aussieht.

Kein Wort zur Ausländerkriminalität

Im Übrigen wäre es angebracht, dass die EKR auch einmal über die sekundäre Viktimisierung von Opfern von Ausländerkriminalität ein Wort verlieren würde: Über das Opfer z. B., dessen Geschichte in der politischen Diskussion kein oder zu wenig Gewicht erhält, da man sonst ja Vorurteile gegenüber Ausländern schüren würde; oder über das Opfer von Ausländerkriminalität - der Täter hätte längst ausgeschafft werden sollen -, das von Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey höchst persönlich vernimmt, eine Ausschaffungsinitiative sei "das Letzte, was die Schweiz braucht"; und schliesslich über das Opfer von Ausländerkriminalität, das vernimmt, dass der Täter nicht etwa eine Strafe verbüssen muss, welche diesen Namen verdient, sondern im System des Gutmenschenstrafvollzugs verhätschelt wird. Aber eben. Bei diesen Fällen beginnen die Scheuklappen der politischen Korrektheit.

Politisch noch einseitiger ist der Bericht "Ausländerfeindliche Einstellungen unter Schweizer Jugendlichen". Die Autorin, Andrea Haenni Hoti, beschreibt darin eine von ihr selbst durchgeführte "Jugendstudie", in der anhand von gerade mal vier Fragen der Ausländerfeind im Jugendlichen erkannt werden soll. Auf ausländerfeindliche Einstellungen schliessen lässt bereits, wenn der Befragte z.B. folgende Aussage befürwortet: "Die in der Schweiz lebenden Ausländer/innen sollten ihren Lebensstil ein bisschen besser an den der Schweizer/innen anpassen." Aus den Auswertungen dieser "Analyse" kann die Autorin dann endlich folgende offenbar über jeden wissenschaftlichen Zweifel erhabenen Schlussfolgerungen ziehen:

"Jugendliche mit ausländerfeindlicher Einstellung scheinen sich eher mit einem traditionellen, vom ‹Sonderfall Schweiz› geprägten Bild der Schweizer Nation zu identifizieren, wie es in ländlichen Gegenden noch stärker verbreitet ist" und weiter: "Das Aufwachsen in einem traditionell ländlichen, nach innen orientierten Milieu scheint deshalb im Gegensatz zu einem städtisch-kosmopolitischen Milieu der Übernahme einer ausländerfeindlichen Einstellung förderlich zu sein."

Ausserdem steige die Neigung zu ausländerfeindlicher Einstellung mit der "Bereitschaft zu diszipliniertem Gehorsam gegenüber Autoritäten und politischen Führungspersonen" sowie dem "Ruf nach einer härteren Gangart gegenüber Kriminellen". Schliesslich entpuppt sich die Autorin auch noch als Expertin im Bereich "Gender Studies". So hält sie zur Ausländerfeindlichkeit fest: "Das männliche Geschlecht stellt somit einen Risikofaktor dar."

Man kann nur staunen. Anhand von gerade mal vier Fragen wird es möglich, einen ansehnlichen (wenn auch der Autorin wohl nicht so sympathischen) Teil der Schweizer Bevölkerung zum Gefahrenpotential zu erklären, der dann wiederum mit viel Sensibilisierungsarbeit von oben zur gefügigen Masse bis in den Zustand des politisch korrekten Hirntodes zu therapieren ist: Moderne Soziologie, angewandt in der Praxis.

Gewiss: Stereotype Vorurteile gegen Ausländer verdienen Kritik. Aber so richtig peinlich wird es erst, wenn jemand seine eigenen stereotypen Vorurteile zu einer Wissenschaft macht. Hier der gute Ausländer, dort der böse, rechtsgerichtete, auf dem Land lebende, nicht über einen Universitätsabschluss verfügende, männliche Ausländerfeind; und schliesslich die Soziologin, die diese psychologischen Tiefenmechanismen in einem staatlich alimentierten Forschungsprogramm untersucht und sich anschliessend zur sozio-kulturellen Gesellschaftselite zählen darf.

Der Bildungsforscher Christian Imdorf wiederum geht der Frage nach, "weshalb Lehrbetriebe keine ‹ausländischen Jugendlichen› ausbilden wollen". Hoch zu Ross doziert er vom Schreibtisch herab: "Die Argumente der Lehrmeister stehen auf brüchigem Fundament." So als wären Lehrmeister verpflichtet, ausländische Lehrlinge bei sich einzustellen, mimt Imdorf den elitären Lehrer. Die sprachlichen und schulischen Defizite ausländischer Lehrlinge, welche die Lehrmeister betonen, seien nur vordergründig. Vielmehr gebe ein negatives Bauchgefühl den Ausschlag. Es zeigt sich einmal mehr, welchen Respekt Werte wie Vertragsfreiheit und Privatautonomie heute in allzu vielen intellektuellen Kreisen noch geniessen.

Symbiose von Sozialismus und Antirassismus

Weisheiten der besonderen Art liefert uns der Soziologe Marco Galli. Zu Beginn tönt es noch einleuchtend. Rassismus bestehe darin, in Ausländern einen Sündenbock für alles zu sehen. Diese Erklärung hindert den hohen Soziologen aber nicht, gleich selbst einen Sündenbock für die Probleme auf dieser Welt zu finden: "Es ist immer einfacher, die Schuld für alles Ungemach beim anderen und seinem Anderssein zu suchen als in der Finanzpolitik eines Bankenkartells oder bei multinationalen Gesellschaften." Es folgt die Architektur einer Symbiose von Sozialismus und Antirassismus. Denn Rassismus werde hervorgerufen durch Ängste um die Verteilung der Güter. In bestem Marxisten-Deutsch fährt der Soziologe weiter: "Ohne eine solche bessere Verteilung kann auch die Rassismusbekämpfung nicht wirklich greifen."

Bestärkt wird er vom deutschen Pädagogik-Professor Wilhelm Heitmeyer, der bereits die Akzeptanz sozialer Ungleichheit als zentrales Merkmal von Ausländerfeindlichkeit nennt. Man darf also gespannt sein, wie lange es noch geht, bis die Befürworter der freien Marktwirtschaft, die Ungleichheiten denklogisch voraussetzen, nach dem Antirassismusgesetz bestraft werden.

Linksintellektuelle Polit-Spiesser

Mit dem Tangram-Bulletin schafft die EKR vor allem eines: Sie dokumentiert sich selbst. Sie gibt ein Bild ab von sich als einem Kolloqium linksintellektueller Polit-Spiesser, deren Engagement gegen Rassismus nur ein Etikett darstellt für eine moralisch minderwertige Hassentladung gegen erfolgreiche und praxisbezogene rechtsbürgerliche Ideen. Künstlich ernährt durch Fronabgaben des Steuerzahlers, eingebunkert in den Büros der politischen Korrektheit und bequem abgeschirmt von den traurigen Realitäten des (auch) von ihnen gepredigten Multikulturalismus, erheben die Politfunktionäre der EKR bei jeder noch so lächerlichen Diskriminierung sofort den Mahnfinger und reden die rassistische Apokalypse herbei. Jedoch offenbaren sie sich dabei nur selbst als die ungehobeltsten Schwarz-Weiss-Seher mit dem Unterschied, dass sie ihre eigene Borniertheit als Wissenschaft missverstehen.

P.S.: Der renommierte französische Essayist Pascal Bruckner hat einmal vom Rassismus des Antirassismus gesprochen. "In dieser Toleranz liegt Verachtung, denn sie unterstellt, dass einige Gemeinschaften unfähig seien zur Moderne." Wer Ausländer dauernd unter staatlichen Artenschutz stellen will, damit diese in unserer Gesellschaft eine Chance haben, geht im Grunde doch davon aus, dass Ausländer zu minderwertig sind, um unseren hohen freiheitlich-demokratischen Ansprüchen zu genügen. Eine Selbstanzeige von Antirassismus-Ayatollah und EKR-Präsident Georg Kreis wegen Rassendiskriminierung wäre also längst überfällig.

Patrick Freudiger