Nr. 21, 15. September 2006

Freiheit, Unabhängigkeit und Neutralität: Die Schweiz aus USA-Sicht 1942 (8. Folge)
Nervenkrieg
Von Jürg Stüssi-Lauterburg, Windisch AG

Buchstäblich jeden Tag hatte die neutrale Schweiz im Jahr 1942 darum zu kämpfen, mittels aufreibender Verhandlungen, allerlei Schlichen, aber auch mit Konzessionen an die Kriegsparteien die Versorgung des eigenen Landes sicherzustellen. Tägliches politisches Seilziehen war die Folge.

Der Nervenkrieg dauerte an, ausserhalb der Verwaltung und in der Verwaltung. Am 3. März 1942 wandte sich Peter Anton Feldscher, Stellvertretender Chef der Abteilung für Auswärtiges des Politischen Departements mit der Denunziation des Bielers Jean Mussard an den Bundesanwalt. Mussard hatte am 13. Februar in Basel im Hotel Metropole vor der Europa-Union einen Vortrag gehalten:

"So soll er u.a. erklärt haben, die Behandlung der Kriegsgefangenen durch die Deutschen sei schlimmer als in der Sklavenzeit der Römer und das gleiche Merkmal der Brutalität zeige sich bei der Lösung der Rassenfrage."

Mittlerweile dauerte jenseits der Grenzen der Krieg an, am 9. März 1942 kapitulierten die alliierten Streitkräfte auf Java.

Ungeduldige Amerikaner

Am gleichen Tag wandte sich ein spürbar ungeduldiger werdender Huddle an seinen Kollegen, den amerikanischen Chargé d'Affaires ad interim in Madrid, William L. Beaulac. Ob die spanische Regierung die vorgeschlagene Lösung - Transfer blockierter schweizerischer Dollars in New York auf ein dortiges, ebenfalls blockiertes, spanisches Konto - akzeptieren werde, stehe dahin, da sie ja dann das Geld doch nicht verwenden könne. Die USA, das heisst das Staatssekretariat und das Schatzamt, hätten trotz dringender schweizerischer Gesuche einen Transfer von zwölf Millionen der Schweiz gehörenden Golddollar nach Lissabon zur Bezahlung von Lebensmitteln abgelehnt. Man wolle das Entstehen von freien Dollarguthaben in den Händen der Feindstaaten oder von deren Freunden verhindern. Die Schweizer seien deshalb sehr zurückhaltend mit dem Hereinnehmen von Dollarpapier, sie hätten zwar genug angekauft, um den normalen Betrieb der Gesandtschaft in Bern sicherzustellen, nicht aber die Wahrung der amerikanischen Interessen in Feindstaaten und in den besetzten Gebieten.

Walther Stampflis Reklamation in Sachen "Deutsches Abnahmekommando" hatte mittlerweile in Marcel Pilet-Golaz' Apparat zu einer Bestandesaufnahme geführt. Am 10. März wurde im Politischen Departement eine Notiz verabschiedet, in welcher festgehalten wird:

"Bei den Fabriken, die die grössten Aufträge für das OKW ausführen, befinden sich ständige deutsche Funktionäre, so bei den Machines Dixi S.A., Le Locle, Bührle & Co., Oerlikon, und Tavaro S.A., Genf."

In Berlin zog Weizsäcker gleichentags den Schluss, die auf Frieden zielenden Äusserungen von Bundesrat Pilet-Golaz und alt Bundesrat Schulthess seien nicht britischer Inspiration zuzuschreiben, sondern dem "nahe liegenden schweizerischen Bedürfnis nach Frieden".

Für den Augenblick war die Schweiz, von Berlin aus gesehen, erneut ganz Warthegau. Eine ähnliche Optik herrschte in Washington, deshalb wollte man ja den Schweizern, gegen die man an und für sich nichts hatte, von denen man aber befürchtete, sie seien bereits zu stark unter deutschem Einfluss und könnten noch stärker darunter geraten, möglichst wenig geben und möglichst viel von ihnen erhalten. Huddles Telegramm vom 11. März 1942 wirft ein Licht auf die aus der damaligen amerikanischen Lagebeurteilung entstehenden konkreten Schwierigkeiten im Zahlungsverkehr.

Kampf um Devisen

Der Berner Direktor der Nationalbank, also das in Bern amtende Mitglied des Direktoriums Paul Rossy, habe an diesem Nachmittag den Vorschlag des Transfers an die Spanier abgelehnt, weil die Amerikaner von einem einmaligen Vorgang ausgingen, die Schweizer aber nicht auf ihr Recht auf zukünftige Verwendung ihrer Guthaben verzichten wollten. Denkbar sei dagegen eine Schweizer Zustimmung bei amerikanischem Verzicht auf den Einmaligkeitspassus und der Begründung einer Art von Freiheit unter Kontrolle. Mit Freiheit unter Kontrolle sei ein Regime gemeint, welches es der Nationalbank erlaube, gesperrte eigene Dollarguthaben auf gesperrte Dollarkonten der Zentralbanken anderer Neutraler wie Schweden, Portugal oder Spanien zu überweisen. Rossy habe darauf hingewiesen, dass die Nationalbank vom 1. Oktober 1941 bis zum 11. März 1942 760 000 Dollars von verschiedenen alliierten und lateinamerikanischen diplomatischen Vertretungen und vom Vatikan hereingenommen habe, davon 40 000 Dollars von der brasilianischen Gesandtschaft in Bern im März allein. Bescheid auf das amerikanische Gesuch, weitere 200 000 Dollars hereinzunehmen, werde nach der Antwort auf die skizzierten Vorschläge gegeben, weitere blockierte Dollars gegen freie Franken zu kaufen sei eine Last, welche die Schweizer überzeugt seien, nicht tragen zu können.

Zahlreiche Gefahren

Gefährdungen der verschiedensten Art beherrschen generell die die Schweiz betreffenden Dokumente von Mitte März 1942. Am 12. März mahnte der schweizerische Gesandte in London, Walter Thurnheer, Bern, dass die mindestens zum Teil "im Dienste der deutschen Kriegsindustrie" stehenden Grenzkraftwerke am Hochrhein britischen Luftangriffen ausgesetzt sein könnten, insbesondere nach dem Abschluss des "nach meinem Dafürhalten vielleicht zu weit gehenden" Handelsvertrags mit Deutschland und in Zeiten, in welchen sich auch "die Militärs der Soviet-Botschaft" für schweizerische Lieferungen an Deutschland interessierten.

Interessen ganz anderer Art hatte Oberst Alfred Kradolfer, Chef des Dienstkreises III (Munition) der Kriegstechnischen Abteilung am 13. März zu beurteilen: Der Untersuchungsrichter des Divisionsgerichts 7A hatte, im Zusammenhang mit einem Fall von Landesverrat, unter anderem wissen wollen, ob es sich bei der verratenen 7,5 cm Panzergranate Bodenzünder um eine allgemein bekannte Type handle, was Kradolfer verneinte.

"Es ist indessen anzunehmen, dass auch diese Konstruktion dem deutschen Nachrichtendienst bereits bekannt ist."

Am gleichen Tag erhielt Saly Mayer die erwünschte Erlaubnis, die Gelder des amerikanischen Joint auf indirekte Weise über die Schweiz zugunsten der Hilfe für die verfolgen jüdischen Gemeinden in der Slowakei, in Kroatien, Serbien, Polen, Italien und Griechenland einzusetzen. Vier Tage später intervenierten Richard Lichtheim von der Jewish Agency in Genf (der damals bereits einen "Plan der Nazis, alle Juden in Grossdeutschland zu vernichten" anführte), Gerhart M. Riegner und Saly Mayer bei Nuntius Philippe Bernardini, um den Vatikan zu Schritten gegen die Judenverfolgung in der Slowakei zu veranlassen. Markus Feldmann empfand am 16. März die pressepolitische Lage der Schweiz als "nahezu unmöglich" geworden, "namentlich im Hinblick auf die unausgesetzten Angriffe der deutschen Presse gegenüber der Schweiz, und die pressepolitische Privilegierung der Clique um Däniker, Möschberg etc." Dagegen sollte nun eine pressepolitische Eingabe in Angriff genommen werden.

Aktivitäten der Nazis

Die Umtriebe der Schweizer Nazis wurden von der amerikanischen Gesandtschaft in Bern nach wie vor genau verfolgt. So wurde ein entsprechender Artikel in der Abendausgabe der Neuen Zürcher Zeitung vom 16. März am 17. März von Generalkonsul James B. Stewart der Übersetzung und Übermittlung an die Gesandtschaft nach Bern für wert erachtet. Der Inhalt des Artikels war der Franz Burri zugeschriebenen so genannten Eidgenössischen Korrespondenz und dem dadurch repräsentierten schweizerischen Nationalsozialismus gewidmet, dessen Luzerner Zweigstelle unter Franz Josef Meyer aus Ebikon und Margrit Waldis-Meier aus Weggis von der Polizei nun ausgenommen worden sei. Die Eidgenössische Korrespondenz werde, seit sie in Basel ausgehoben worden sei, über den Badischen Bahnhof ins Land geschmuggelt und primär durch ehemalige Mitglieder der verbotenen Naziorganisationen weiterverteilt.

Um aber Meldungen wie diese weiterhin übersetzen und übermitteln zu können, brauchte die Gesandtschaft Geld. Der Präsident Franklin Delano Roosevelt freundschaftlich verbundene Unterstaatssekretär Sumner Welles liess sich am 16. März zur dornenvollen Frage der blockierten schweizerischen Dollarguthaben vernehmen. Der Vertreter der Schweizerischen Nationalbank in den USA, Gautier, sei von Assistant Secretary Acheson darüber informiert worden, dass die USA von der Schweiz nicht die Anerkennung des Einmaligkeitsprinzips verlangten, dass dieses aber aus amerikanischer Sicht nun umzusetzen sei, um Erfahrungen damit zu sammeln.

Das Blockieren von Guthaben war allerdings damals keineswegs eine amerikanische Spezialität: So versuchte am 20. März der Delegierte für Handelsverträge, Hans Ebrard, auf telegraphischem Weg dem Volkskommissar für Aussenhandel der Sowjetunion, Anastas Mikoyan, beliebt zu machen, schweizerische Gläubiger aus den in der Schweiz gesperrten sowjetischen Guthaben zu bezahlen.

Angespannte Stimmung

Amerikaner und Briten sahen vor, was nötig war für die Schweiz zu tun, aber auf keinen Fall mehr. Ihr Neutral Trade Committee traf sich am 19. März, um über die Quartalsquote an Fetten und Ölen für die Schweiz zu sprechen. 2600 Tonnen wurden als wesentliches schweizerisches Bedürfnis identifiziert. Der von Vizepräsident Henry A. Wallace präsidierte Board of Economic Warfare kam nun zum Schluss, es sei besser, den Schweizern gleich die fertigen Seifen zu liefern, da auf diese Weise das in den Fetten und Ölen enthaltene knappe Glyzerin zurückgehalten werden könne, was Sumner Welles am 21. März der amerikanischen Botschaft in London mitteilte.

In der Schweiz herrschte eine angespannte Stimmung: Markus Feldmann notierte am 21. März in sein Tagebuch über Marcel Pilet-Golaz:

"Kürzlich hat er in Anwesenheit des schwedischen oder des norwegischen Gesandten (noch nicht genau festgestellt) den General als ‹imbécile, crétin, chameau› bezeichnet und erklärt, wenn es auf ihn, Pilet, ankäme, würde die schweizerische Armee bis auf den letzten Soldaten demobilisiert."

Ob wahr oder unwahr: Dass dergleichen von einem Mann wie Feldmann geglaubt wurde, zeigt, welche Atmosphäre in jenen Tagen im Lande herrschte. Am 23. März notierte Feldmann mit Befriedigung, dass eine antibritische Nummer des Organs der so genannten Jungbauernbewegung Hans Müllers (Möschberg, Grosshöchstetten) von der schweizerischen Pressekontrolle konfisziert worden war, am 25. verzeichnete er die Erfolge der deutschen U-Boote vor der Ostküste der USA und den deutsch-italienischen Angriff auf einen zur Versorgung Maltas bestimmten Schiffskonvoi.

Im Würgegriff

Die offizielle oder doch offiziöse Haltung, wenigstens im Politischen Departement, charakterisierten gegen Ende März 1942 wohl am ehesten Pierre Bonnas Wink an den SIG, eine diplomatische Intervention zugunsten der jüdischen Schweizer in Frankreich sei aus politischen Gründen ausgeschlossen, oder die befriedigte Notiz des Gesandten Frölicher an Bundesrat Pilet-Golaz, der deutsche Reichsminister für Wirtschaft, Walter Funk, habe in Gesellschaft erklärt,

"Deutschland sei mit der wirtschaftlichen Leistung der Schweiz zufrieden und habe keinen Grund, das deutsch-schweizerische Verhältnis zu stören".

Bei der Würdigung des gewiss leisetreterischen Tones ist allerdings zu berücksichtigen, dass der erste Satz des Protokolls der deutsch-schweizerischen Wirtschaftsverhandlungen in Bern vom 27. März 1942 lautet:

"Schweizerischerseits wird die von Deutschland verfügte Sperre in der Kohleneinfuhr scharf kritisiert."

Und wenn auch einem Telegramm aus Berlin entnommen werden könne, dass die Sperre wieder aufgehoben worden sei, würden nun doch 60 anstatt der vereinbarten 25 Lokomotiven für den Abtransport der Kohle verlangt.

Gelegentliche Probestrangulation zwecks Erpressung wäre wohl die exakteste Beschreibung der deutschen Verhandlungsführung gegenüber der Schweiz damals. Die Alliierten, zumal die Briten, sahen dies wohl, hatten aber einen Krieg zu führen. Der Earl of Selborne erklärte in den gleichzeitig in London geführten Verhandlungen gemäss dem Delegationsleiter Sulzer, die britische Regierung bringe "der schwierigen Lage der Schweiz volles Verständnis" entgegen, aber: "The Germans are ruthless and we must be ruthless too." Die konkrete Anwendung dieses Grundsatzes war ein zähes Bestehen auf einem quid pro quo für alle Konzessionen, was natürlich wieder nach der alten Formel nur mit Genehmigung der Gegenblockademächte, sprich Deutschlands, gewährt werden konnte.

Jürg Stüssi-Lauterburg