Nr. 20, 8. Oktober 1999

Zum Gedenken an den 100. Geburtstag von Wilhelm Röpke
Denker der Civitas humana
Von Roland Baader, Waghäusel/Deutschland

Am 10. Oktober 1999 jährt sich der Geburtstag des 1966 in Cologny bei Genf verstorbe-
nen Nationalökonomen und Sozialphilosophen Wilhelm Röpke zum hundertsten Mal.
Es steht zu fürchten - und vieles deutet darauf hin, dass aus dem Anlass des Gedenkens
zugleich auch ein endgültiger Abschied werden könnte.

Gerade das Wertvolle und dauerhaft Gültige ist dem flüchtigen Zeitgeist oft lästiger Ballast, den
er bereitwillig abwirft. Das gilt im ausklingenden 20. Jahrhundert, das ein Säkulum des Sozialis-
mus und des Sozialdemokratismus war, besonders für das geistige Erbe jener Figuren, die es
gewagt haben, inmitten der vom Fürsorgestaat proletarisierten Massen so etwas wie Grandseig-
neurs zu bleiben; Grandseigneurs des Geistes, der Bildung, des Herzens, des Charakters, der
Haltung und der Sprache. Zu nennen wären beispielhaft Köpfe wie Ludwig von Mises, Elias Ca-
netti, Salvador de Madariaga, Ortega y Gasset, Alexander Rüstow, Romano Guardini, Friedrich
A. von Hayek - und eben last but not least Wilhelm Röpke.

Heute, kaum mehr als drei Jahrzehnte nach Röpkes Tod, sagt sein Name, der in den Nach-
kriegsdekaden Millionen von Menschen weltweit und Hunderttausenden von Bürgern des deut-
schen Sprachraums ein ehrfurchtgebietender Begriff war, den jüngeren Generationen nichts
mehr.

Kein gutes Omen für unseren Weg ins dritte Jahrtausend, wenn wir mit dem Werk des grossen
Gelehrten zugleich auf jenen «inneren Kompass» (ein schönes Wort von Eva Röpke) verzichten
zu können glauben, der ihn zeitlebens geleitet hat. Ein Kompass, der wie bei kaum einem an-
deren der grossen Ökonomen auf die abendländischen Werte - zuvorderst die christlichen ge-
eicht war.

Herkommen

Geboren in Schwarmstadt, einem Dorf am Südrand der Lüneburger Heide, wuchs der junge
Röpke in einem bäuerlich-ländlichen Umfeld auf, dessen tiefe Prägung ihm später auch die
Schweiz zur geliebten zweiten Heimat werden liess. Trotz Kriegsdienst 1917/18 (Verwundung
1918) konnte sich der Student der Nationalökonomie bereits 1922 habilitieren. Er war 1924
als akademischer Lehrer an der Universität Jena der damals jüngste Professor im deutschen
Sprachgebiet. Es folgten 1928 ein Ordinariat in Graz und 1929 der Ruf nach Marburg. Die
Schaffenskraft Röpkes, vierfach aufgefächert in akademische Lehre, wissenschaftliche For-
schung, Politikberatung und Autorentätigkeit, war - nach einem Wort von Erich Hoppmann -
von geradezu «vulkanischer Natur». Schon 1933 umfasste sein Publikationsverzeichnis (Bü-
cher, Aufsätze und Zeitungsbeiträge) 88 Titel. Im Laufe seines Lebens sollten es rund acht-
hundert werden.

Von Anfang an zeichneten sich Röpkes Reden und Schriften nicht nur durch wissenschaftli-
che Brillanz aus, sondern auch durch ungewöhnlichen Mut. So erliess er wenige Tage vor der
Reichstagswahl vom 14. September 1930 einen Aufruf, in dem er beschwörend mahnte: «Nie-
mand, der am 14. September nationalsozialistisch wählt, soll später sagen können, er habe
nicht gewusst, was daraus entstehen könnte. Er soll wissen, dass er Chaos statt Ordnung,
Zerstörung statt Aufbau wählt. Er soll wissen, dass er für den Krieg nach innen und aussen,
für sinnlose Zerstörung stimmt...

Mitschuldig werden Sie, wenn Sie nationalsozialistisch oder auch eine Partei wählen, die kei-
ne Bedenken hat, mit den Nationalsozialisten eine Regierung zu bilden.» Und noch im Februar
1933 hielt er zwei Reden, deren Kern die These war, dass der Nationalsozialismus dabei sei,
die abendländische Kultur zurückzuverwandeln «in den alten Urwald».

So kam es nicht überraschend, dass Wilhelm Röpke 1933 von den Nationalsozialisten aus
«politischen Gründen» zunächst beurlaubt und wenig später zwangsweise in den Ruhestand
versetzt wurde. Wie viele andere deutsche Wissenschafter aller Fachrichtungen folgte er da-
raufhin einem Ruf an die Universität Istanbul, wo er als Begründer und Direktor des Sozialwis-
senschaftlichen Instituts am Aufbau des türkischen Hochschulwesens mitwirkte. Damals ent-
stand sein erfolgreichstes Werk, «Die Lehre von der Wirtschaft» (Wien 1937), das in vierzehn
Sprachen übersetzt wurde. 1937/38 erfolgte der Ruf nach Genf, ans Institut universitaire de
hautes études internationales, wo Röpke fast 30 Jahre lang - bis zu seinem Tod 1966 - als
Professor für internationale Wirtschaftsfragen lehrte.

Hauptwerke

Im Stalingrad-Winter 1942 erschien mit «Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart» der erste
Band einer Trilogie, die 1944 mit «Civitas Humana» fortgesetzt und 1945 mit «Internationale
Ordnung» vollendet wurde. Mit ihr erregte Röpke weltweites Aufsehen. 1950 folgte als Ergän-
zung «Mass und Mitte» und 1958 als letztes grosses Buch «Jenseits von Angebot und Nach-
frage» (später noch die Aufsatzsammlungen «Gegen die Brandung», 1959, und «Wirrnis und
Wahrheit», 1962). «Jenseits von Angebot und Nachfrage» gilt vielen Lesern als sein stärkstes
Werk. Besonders im ersten Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte Röpke auf dem
Gebiet der Wirtschafts- und Gesellschaftskunde zu den meistgelesenen Autoren weltweit. In
einer Zeit, in der es - mehr noch als heute - für Professoren unter ihrer akademischen Würde
lag, sich ans breite Publikum zu wenden, richtete er als hochpolitischer Mensch mehr als die
Hälfte seiner rund achthundert Veröffentlichungen in Zeitungen und Zeitschriften an eine Leser-
schaft ausserhalb des ökonomischen Fachgebiets. Seine Texte, obgleich sprachliche Meister-
werke auf höchstem Niveau, sind stets für jedermann verständlich geblieben.

Wirkung

Welch segensreiche Wiedergeburt die politische Ökonomie im deutschsprachigen Raum durch
Röpke (und seine Mitstreiter wie Alexander Rüstow und Walter Eucken) erfahren hat, eröffnet
sich in ganzer Bedeutungstiefe nur demjenigen, der um den unsäglichen Niedergang der Natio-
nalökonomie und des Liberalismus im Deutschland des 19. und frühen 20. Jahrhunderts weiss.
In der gesellschaftswissenschaftlichen und polit-ökonomischen Wüste, die vom Kathedersozia-
lismus bzw. von der sogenannten «Neueren historischen Schule» und von einem (zuletzt durch
den angeblichen Vorzeigeliberalen Friedrich Naumann) völlig am Boden zerstörten Liberalismus
hinterlassen worden war, kam dem Wirken Wilhelm Röpkes und seiner (wenigen) akademischen
Mitstreiter das Verdienst zu, in die geistige Nacht des Kollektivismus, Sozialismus und Etatis-
mus auf dem alten Kontinent als erste nach langer Zeit wieder die Fackel der Freiheit und der
Wahrheit hineingetragen zu haben.

Denker und Macher

So war denn Röpke 1947 auch Mitbegründer der Mont Pèlerin Society - zusammen mit Fried-
rich A. von Hayek, Karl R. Popper, Milton Friedman, George Stigler, Ludwig von Mises, Walter
Eucken, Ludwig Erhard, Luigi Einaudi u. a. -, damals eine Art Not- und Trutzgemeinschaft frei-
heitlicher Ökonomen wider den kollektivistischen Zeitgeist, auch in der akademischen Lehre -
und heute die weltweit höchstrenommierte Vereinigung liberaler Gesellschaftswissenschafter
aller Erdteile. Der Einfluss Röpkes auf Ludwig Erhard und die geistige Rückenstärkung, die er
dem «Bruder im Geiste» an der politischen Alltagsfront (und damit auch der jungen Marktwirt-
schaft im verwüsteten Nachkriegsdeutschland) angedeihen liess, können nicht hoch genug ge-
schätzt werden. Es entbehrt deshalb auch nicht einer gewissen tragischen Symbolik, dass im
Todesjahr Röpkes (1966) Ludwig Erhard als Kanzler gestürzt wurde. Der grosse Denker der
Marktwirtschaft (Röpke) und der grosse Macher der Marktwirtschaft (Erhard) sind gleichzeitig
von der politischen Bühne der Welt abgetreten. Wie sehr für Röpke diese Civitas humana und
der freie Markt eine unauflösliche Einheit bilden, kommt im Eingangskapitel von «Jenseits von
Angebot und Nachfrage» in eindrücklicher Weise zum Ausdruck, wo er schreibt: «Weil ich ein
bestimmtes Bild vom Menschen zu haben glaube, das durch die geistige Erbmasse der antik-
christlichen Überlieferung geformt ist, weil ich in ihm das Ebenbild Gottes sehe, weil mir die
Überzeugung im Blute steckt, dass es eine grauenvolle Sünde ist, ihn zum Mittel zu erniedri-
gen (auch im Namen hochtönender Phrasen), und jede Seele etwas Unvergleichliches, Unver-
tauschbares und Unschätzbares ist, gegen das alles andere nichts ist, weil ich einem in die-
sen Überzeugungen wurzelnden Humanismus ergeben bin, für den der Mensch Kind und Eben-
bild Gottes ist, nicht aber selber Gott, zu dem ihn die Hybris eines falschen atheistischen Hu-
manismus vergötzt - deshalb stehe ich jeder Art von Kollektivismus mit äusserstem Misstrauen
gegenüber... Und aus demselben Grunde trete ich für eine durch freie Preise und Märkte geord-
nete Wirtschaft ein, weil sehr gewichtige Argumente und schwer zu missdeutende Erfahrungen
entscheidend dafür sprechen, dass die in unserer Zeit aufs höchste entfaltete Industriewirtschaft
die einzige Wirtschaftsordnung ist, die mit der Freiheit des Menschen, mit der sie sichernden
Struktur des Staates und der Gesellschaft und mit der Herrschaft des Rechts harmoniert. Denn
damit nennen wir nichts anderes als die letzten Bedingungen, ohne die der Mensch unseres
religiösen Glaubens, unserer philosophischen Überzeugungen und unserer Überlieferungen
nicht mit Sinn und Würde leben könnte. Wir träten für diese Wirtschaftsordnung auch dann
ein, wenn sie den Völkern ein Opfer an materiellem Wohlstand auferlegen, eine sozialistische
aber eine Steigerung in sichere Aussicht stellen würde.

Welch unverdientes Glück für uns, dass es genau umgekehrt steht, wie die Erfahrung nach-
gerade auch dem Starrsinnigsten gezeigt haben sollte.» (S.17f.)

... gegen Wohlfahrtsstaat

Und diesen Sozialismus und Kollektivismus, das sei hier ergänzt, sieht Röpke auch in der Ge-
stalt des modernen Wohlfahrtsstaates am Werk, wenn auch in schleichender und vielfach ver-
deckter - aber gerade deshalb besonders heimtückischer Weise. Röpke fürchtete nicht so sehr
die erklärten Feinde der Freiheit als vielmehr die der freiheitlichen Ordnung innewohnenden
Selbstzerstörungskräfte und deren Propagandisten in den Parteien, Interessenverbänden und
Medien, die es mit scheinmoralischer Rhetorik verstehen, immer wieder vor dem unkundigen
Publikum die (feinen, aber entscheidenden) Scheidelinien zwischen einem liberal-konservativen
Rechtsstaat und einem «liberal»-sozialistischen Wohlfahrtsstaat zu verwischen und zu verne-
beln.

Es ist der Wohlfahrtsstaat, der mit seiner schleichenden Inflation, dem Schüren massloser Si-
cherheitswünsche, der Ausmerzung des Mittelstands und der inflatorischen und fiskalischen
Vernichtung der Unabhängigkeit gewährenden Privatvermögen sowie mit seiner «Kulturverstep-
pung» die Vermassung vorantreibt. Er ist diejenige Gesellschaftsform, «in der sich in der nicht-
kommunistischen Welt die Unterwerfung des Menschen unter den Staat vornehmlich vollzieht.»
(S.233) Paroli bieten können der verhängnisvollen Entwicklung nur «unabhängige Institutionen
jenseits der Arena der Interessenkämpfe». Und letztlich hilft nur noch die Wachsamkeit der
Stimmbürger gegen jede Art von politischer Zentralisation.

Die Bedrohung

Die Weisheit Röpkes ist heute so aktuell wie damals. Dasselbe gilt für alle Schriften des gros-
sen Ökonomen und Freiheitsdenkers. Was er in einem Nachruf auf seinen Freund Alexander
Rüstow geschrieben hat, gilt uneingeschränkt auch für ihn selbst: «Geschichte und Erfahrung
hatten ihn gelehrt, welche Kräfte des Bösen in Herrschaft, Macht und Übermass stecken. Was
Trägheit des Herzens, Dummheit und Verantwortungslosigkeit im öffentlichen wie im privaten
Leben anrichten können, war ihm vertraut. Aber auch die grossen Kulissen der Heuchelei, Lüge
und Unaufrichtigkeit, wo immer er sie in Geschichte und Gegenwart zu erblicken glaubte, be-
gegneten seinem immer regen Misstrauen.»

Diese Erfahrung gipfelt in den Sätzen seines letzten Vortrags vom Mai 1965 zur grössten uns
drohenden Gefahr: «Es ist die innere Bedrohung der freien Welt durch die Selbstvergottung
des Menschen, der sich zum Herren der Welt zu machen anmasst, was er mit grausamer Iro-
nie bis ins Uferlose des Weltenraums hinaus just in dem Augenblick tut, da der Mensch als
konkreter Einzelner auch bei uns in der freien Welt von Tag zu Tag mehr zu einem elenden
Funktionselement eines von wenigen gesteuerten Apparates ... entwürdigt wird, zur blossen
Grösse in irgendeiner Gleichung unserer glorreichen Planifikateure und des sogenannten Wohl-
fahrtsstaates... In der Tat bleibt uns nichts anderes übrig, als von zwei Dingen eines zu tun:
entweder unterzugehen, wie bisher die meisten Zivilisationen untergegangen sind, nämlich
durch Selbstmord aus Verbindung von Dummheit, Lüge und Feigheit; oder, wenn wir das nicht
wollen, tapfer, ehrlich und klug zu sein.»

Roland Baader

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